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Der neue Papst Jorge Mario Bergoglio gibt sich bescheiden.

Neuer Papst Bergoglio

Seine Eminenz fährt U-Bahn

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    Joachim Frank
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Kardinal Jorge Mario Bergoglio steht nicht unbedingt für einen Aufbruch, er ist weder fortschrittlich noch ein Verfechter der Befreiungstheologie. Benedikt XVI. hat ihm große Baustellen hinterlassen.

Hätte er eine weltliche Profession, würde man nun sagen, er habe es im zweiten Anlauf geschafft. Aber Kardinäle unternehmen keine Anläufe, um Papst zu werden, und er schon gleich gar nicht: Kardinal Jorge Mario Bergoglio, der nun als Franziskus I. die Geschicke der katholischen Kirche führen wird, ist alles andere als jemand, der sich vordrängt. Bescheidenheit sei eine seiner am meisten hervorstechenden Tugenden, sagt sein offizieller Biograf Sergio Rubin: „Es ist spaßig mit ihm, wenn die Bischöfe sich treffen, dann will er immer in der hintersten Reihe sitzen. Diese Art von Demut kommt in Rom gut an.“

So streng abgeschlossen das Konklave verläuft, irgendwas sickert ja doch immer durch, und wenn es auch erst Jahre später ist. Und natürlich dementiert es niemand. Wie auch immer: 2005, als Joseph Ratzinger gewählt wurde, soll er an zweiter Stelle gelegen haben: mit zehn Stimmen in ersten, 35 im zweiten, 40 im dritten Wahlgang.

Dennoch zählte er nicht zu den Kardinälen, die in den Wochen seit der Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt als Favoriten galten. Aber Königsmacher, diese Rolle hätte man ihm zugetraut aufgrund seines Einflusses und seines Bekanntheitsgrades unter den Kardinalskollegen.

Ein bisschen auch Italiener

Um Papst zu werden, dafür galt er mit seinen 76 Jahren als zu alt, und er ist nicht gesund; seit er sich in seiner Jugend eine Infektion holte, hat er nur noch einen Lungenflügel. Den Aufbruch verkörpert er sicherlich nicht, weder äußerlich, was solche Oberflächlichkeiten wie die Benutzung des Twitter-Dienstes angeht, noch innerlich. Denn er ist ein wenn auch nicht rabiater, so doch ein Konservativer. Ein moderater Konservativer. Als Argentinier schert er aus der endlosen Reihe europäischer Päpste aus, was man als Zeichen einer neuen Aufgeschlossenheit Roms für die Weltregionen lesen kann, in denen die Kirche viel vitaler zu sein scheint als im alten Europa.

Er ist – und damit können sich vielleicht die trösten, die sich unbedingt einen Europäer oder gar einen Italiener gewünscht hätten – in einem italienisch-argentinischen Milieu aufgewachsen. Seine Eltern waren Immigranten, sein Vater war Angestellter bei der Staatsbahn, man sprach zuhause Italienisch.

Bevor er mit 21 Jahren als Novize in den Jesuitenorden eintrat, hatte er Chemie-Techniker gelernt. 1969 zum Priester geweiht, blieb er über Jahrzehnte in der Gemeindearbeit. Er kennt die Basis von ganz unten – der Kirche ebenso wie der Gesellschaft.
Auch als Erzbischof von Buenos Aires, zu dem ihn Johannes Paul II. 1998 machte, ging er in die Elendsviertel, sprach mit den Leuten und verbat sich, mit „Eminenz“ angesprochen zu werden. Und wenn es nach ihm ginge (und nun geht es ja nach ihm), dann sollten die 400 000 katholischen Geistlichen viel mehr hinausgehen und sich als Seelenfischer betätigen, sagt sein Biograf Rubin.

Rügen hat er seinen Untergebenen schon öfters ausgesprochen – man könnte auch sagen, er hat sie zur Minna gemacht. „Es gibt bei uns Priester, die sich weigern, die Kinder nicht verheirateter Mütter zu taufen, weil sie nicht im heiligen Stand der Ehe empfangen wurden“, polterte er einmal los, „das sind die Heuchler von heute, die, die die Kirche klerikalisieren, die dem Volk Gottes das Heil vorenthalten! Und dieses arme Mädchen, das den Mut hatte, das Kind auszutragen, weil sie es ja nun schließlich nicht wie einen Brief dem Absender zurückschicken konnte, das muss nun von Pfarrei zu Pfarrei wandern und drum betteln, dass das Kind getauft wird!“

Und er legt sich nicht nur mit den Unteren an, sondern auch mit den Oberen. Als „Kriegserklärung an Gott“ bezeichnete er die Eheschließung für gleichgeschlechtliche Partner, die Argentinien vor ein paar Jahren als erstes Land Südamerikas einführte – als „Schachzug des Teufels“. Was die argentinische Präsidentin Cristina Kirchner wiederum nicht amüsierte: Die Kampagne gegen die Liberalisierung sei wie „aus dem Mittelalter zur Zeit der Inquisition“, konterte sie.

Er ist weder fortschrittlich noch ein Verfechter der Befreiungstheologie noch ein Dritte-Welt-Priester. Aber wenn es nötig ist (und er fand es durchaus oft nötig), dann klagt er auch den Weltwährungsfonds an und die Folgen der neoliberalen Politik. Denn er steht mit einer durchaus jesuitischen Kompromisslosigkeit auf der Seiten der Armen. Dass er in Buenos Aires U-Bahn fährt, mag ein Detail sein. Aber ein bezeichnendes.

Ein düstereres Kapitel ist jedoch sein Verhalten während der Diktatur in Argentinien und in den Jahren von 1976 bis 1983. Zwei Jesuiten-Pater, die damals verhaftet wurden und zeitweise verschwunden waren, beschuldigten ihn, er habe sie denunziert. Während sie in Haft saßen, wurden sie auf Bergoglios Betreiben aus dem Orden ausgeschlossen. Treffen, die Bergoglio damals mit führenden Figuren der Diktatur hatte, verteidigte er später als Versuche, den Orden und seine Angehörigen zu schützen.

In Argentinien löste seine Wahl gestern teils Begeisterung teils Erstaunen aus. Die Fußball-Fans jubelten. „Maradona, Messi... und jetzt Jorge Mario Bergoglio“, titelte die Sportzeitung Ole online. Franziskus I. gilt in seiner Heimat als Anhänger des zehnmaligen Meisters San Lorenzo. Olé überschrieb ein Foto des Papstes auf dem Balkon des Petersdoms, auf dem er dem Publikum zuwinkt, in Anspielung auf Maradonas legendäres Handspiel im WM-Viertelfinale 1986 gegen England mit der Überschrift „Le Mano de Dios“ – Die Hand Gottes.
Im argentinischen Kongress unterbrach der Vorsitzende der Abgeordnetenkammer, Julián Domínguez, die Sitzung. Er rief aus: „Es gibt einen Papst und der ist Argentinier!“ Der Oppositionsführer und Abgeordnete Ricardo Alfonsín zeigte sich „ergriffen und glücklich“ über die Wahl Bergoglios. „Als Argentinier fühle ich mich stolz, dass Kardinal Bergoglio der neue Papst ist“, sagte der Sohn des ehemaligen Präsidenten Raúl Alfonsín.

Die Zeitung Clarín meldete die Nachricht als erste und zitierte den neuen Papst mit den Worten: „Die Kardinäle haben den Papst am Ende der Welt gesucht.“

Vatileaks, Missbrauch und so fort

Aber so fern Buenos Aires auch von Rom liegen mag, die Probleme des Vatikans und der Kirche konnte der Nachfolger Benedikt XVI. nicht übersehen. Er übernimmt nicht gerade ein bestelltes Haus, sondern eine Reihe von Baustellen. So sind die Ergebnisse der Untersuchung der „Vatileaks“-Affäre um die Weitergabe vertraulicher Dokumente vom Schreibtisch des Papstes an die Medien, seit Dezember unter Verschluss. Im Hintergrund stehen dubiose, womöglich kriminelle Machenschaften der Vatikanbank, Korruption und Misswirtschaft im Vatikan, Vertuschungsversuche im Missbrauchsskandal um Marcial Maciel Degollado sowie Gerüchte über ein Homosexuellen-Netzwerk.

Der neue Bischof von Rom ist zudem mit der Tatsache konfrontiert, dass das katholische Europa als „sterbender Kontinent“ gilt und die Kirchenleitung auf die wachsenden katholischen Gemeinschaften in Südamerika, Afrika und Asien setzt. Doch Zahlen allein geben keinen Aufschluss zu über den Zustand der dortigen Ortskirchen. Evangelikale Gruppen, Freikirchen und christliche Sekten machen den Katholiken in ihren Hochburgen zu schaffen.

Benedikts Nachfolger Franziskus I. wird sich überdies mit den Rufen beschäftigen müssen nach Reformen der kirchlichen Sexualmoral und der Haltung zu Homosexualität, nach Abschaffung des Pflichtzölibats für Priester, nach Zulassung von Frauen zu den geistlichen Ämtern, nach einem erneuerten Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten sowie nach stärkerer Beteiligung der Laien. Diese Fragen sind drängend – und werden in manchen Weltgegenden bereits beantwortet, allerdings nicht im Sinne der reinen römischen Lehre.

Verstärkt rückt dabei auch die Ökumene in den Vordergrund, die zuletzt unter dem deutschen Papst auf der Stelle getreten sind. Die katholische Lehre vom geistlichen Amt und der Ausschluss der Protestanten von der Abendmahlsgemeinschaft bleiben die drängendsten Probleme.
Kaum weniger drängend ist der künftige Umgang mit dem Islam. Die „Regensburger Rede“ Benedikts im Jahr 2006 mit einem Mohammed-kritischen Zitat aus dem späten Mittelalter markierte im Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Islam einen Tiefpunkt, aber auch einen Ausgangspunkt: Jedem im Vatikan und anderswo musste spätestens damals klar geworden sein, dass eine kritische, streitbare und selbstbewusste Auseinandersetzung mit dem Islam und dem Islamismus nottut.

Zugleich sieht sich der Neue mit der bedrückenden Situation konfrontiert, dass Christen inzwischen die am meisten verfolgte religiöse Gruppe bilden. Politischer Druck auf Regierungen, die es mit Religionsfreiheit und Minderheiten-Rechten nicht so genau nehmen, das strikte Nein zu (schein-)religiös motivierter Gewalt, die Absage an falsche Allianzen etwa bei heiklen Themen wie Meinungs- und Kunstfreiheit oder der „Verletzung religiöser Gefühle“ sowie nicht zuletzt die Stärkung islamischer Reformtheologen sollten zum Regierungsprogramm des neuen Papstes gehören, wenn er der Rolle als „Papa“ (Vater) seiner Gläubigen in bedrängter Lage gerecht werden will.

Reformgeist

Die Reintegration der reaktionären, rechtslastigen „Piusbruderschaft“ in die katholische Kirche war eines der wichtigsten „innenpolitischen“ Anliegen Benedikts XVI., in dessen Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation die Abspaltung der vom Traditionalisten-Bischof Marcel Lefebvre gegründeten Gruppierung fiel. Sie soll heute 60.000 Mitglieder und etwa 500 Priester haben, vor allem in Frankreich und Deutschland.

Der Dissens kreist um zentrale Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils, denen die Piusbrüder die Anerkennung verweigern. Das gilt besonders für die Religions- und Gewissensfreiheit sowie die Wertschätzung der nicht-christlichen Religionen. Als unerträglich und inakzeptabel hatte Benedikt stets den Antijudaismus der Piusbrüder gebrandmarkt. Dass die Aufhebung der Exkommunikation allerdings auch den Holocaust-Leugner Richard Williamson einschloss, von dem sich die eigene Gemeinschaft im vorigen Jahr getrennt hat, rückte Benedikt selbst in ein Zwielicht.

Wie es der neue Papst mit den Piusbrüdern hält, darf daher sowohl als Indikator für seine Haltung zu den Juden als auch zum Reformgeist des Konzils gelten.

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