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Einfach abreißen? Lieber wollen die Bewohner von Bonavista die alten Holzhäuser mit neuem Leben füllen.

Kanada

Sein Traum von einer Stadt

Die Kleinstadt Bonavista im Osten Kanadas drohte zu verfallen, Firmen machten dicht, die Menschen zogen weg. Doch im Jahr 2013 kam John Norman und renovierte eines der alten Häuser. Und hauchte dem Küstenort neues Leben ein.

Mit kräftigen Bewegungen rührt Karen Dewling in der silbernen Schüssel. Sie streut getrocknete Wildblumen hinein, an der Atlantikküste selbst gepflückt, rührt noch einmal. In dem kleinen Labor, das nur durch eine Glasscheibe vom restlichen Laden getrennt ist, stellt Dewling Cremes, Seifen und Duschgels her. Keine zwei Jahre gibt es den kleinen Laden, der noch immer wirkt, als hätte die 39-Jährige ihn gerade erst eröffnet. „Wir kamen in der Hoffnung, uns hier eine neue Existenz aufzubauen“, sagt die Jungunternehmerin, die zusammen mit Mann und zwei kleinen Kindern nach Bonavista zog.

Dewling ist damit nicht allein. Denn die Kleinstadt mit nur 3800 Einwohnern ganz im Osten Kanadas verändert sich. Neben der Seifenmanufaktur haben auch eine Buchhandlung, ein Laden für Kunsthandwerk und eine Eisdiele in der Church Street, Bonavistas Hauptstraße, eröffnet. In einem grün gestrichenen Gebäude: ein Pub. Eine Tür weiter hat John Norman sein Büro. Der Mann, der für diese Veränderung verantwortlich ist. „Bonavista Living“ verkündet das Schild in blauer Schnörkelschrift. Norman, kurze dunkle Haare, Dreitagebart und Kette um den Hals, ist Gründer und Chef der Firma, die sich zum Ziel gesetzt hat, die kleine Stadt wieder mit Leben zu füllen – indem sie traditionelle, aber baufällige Gebäude vor dem Verfall rettet.

Bunte Holzhäuser reihen sich in Bonavista aneinander, während riesige Eisberge auf dem Atlantik schaukeln. Besucher schauen und staunen über die 60 Meter hohen Giganten. Das war längst nicht immer so. „Die Geschichte hat Bonavista den Garaus gemacht“, sagt John Norman in neufundländischem Englisch mit typisch irischem Einschlag. Seine Hände unterstreichen, was er sagt, gestenreich. Vor allem das Ende der Kabeljaufischerei, sie hatte die Region reich und unabhängig gemacht, traf die kleine Hafenstadt.

„Closed“ und „For Sale“ prangt an manchen Gebäuden noch immer auf großen Schildern. Wer konnte, zog weg, als vor 25 Jahren die Fischerei zusammenbrach. An Rückkehr war mangels Jobs nicht zu denken. Die meisten Fischer sattelten um, verdienen ihr Geld anderswo im Ölsandabbau, als Bauarbeiter oder im Tourismus. Die Folgen: geschlossene Fabriken, verrammelte Hauseingänge, vernagelte Fenster. In den Schaufenstern: gähnende Leere. 50 Prozent der Hauptstraße standen leer, erzählt Norman. Wind und Wetter ließen die alten Holzhäuser über die Jahre verblassen. Auch die Infrastruktur verfiel, Wasser- und Abwassersysteme seien völlig veraltet, schiebt Norman, der seit September auch Bürgermeister der Kleinstadt ist, hinterher.

Eine aktuelle Studie des Harris Center für regionale Entwicklung der Memorial University in St. Johns sieht Neufundland in den nächsten zwei Jahrzehnten um noch einmal 41 000 Menschen schrumpfen. Einige ländliche Gemeinden könnten ganz verschwinden. Ein Problem, das viele Dörfer und Kleinstädte kennen: Wo es keine Arbeit mehr gibt und an Perspektiven fehlt, sind ganze Landstriche wie leergefegt. Die Abwärtsspirale aufzuhalten braucht viel Kraft, unbedingten Willen – und eine gute Idee.

Aber was hat Bonavista schon zu bieten? Für Norman keine schwere Frage: historische Häuser, aus denen sich doch etwas machen ließe. „Die älteste urbane Struktur stammt von Anfang des 17. Jahrhunderts“, erklärt der 33-Jährige, der sich schon als Kind für die Architektur seiner Heimat interessierte. Im Ort steht nicht nur die größte noch existierende Holzkirche Nordamerikas, erbaut 1730, sondern hier sind auch Speicherhäuser von 1857 und viktorianische Villen, errichtet zwischen 1880 und 1910, zu bewundern. Handgeschnitzte Holzschätze, für gerade einmal 2000 kanadische Dollar zu haben. „In Bonavista gab es keinen großen Brand, viele alte Gebäude stehen deshalb noch“, sagt Norman, als er im ebenfalls frisch restaurierten Diner von seinen Plänen erzählt.

Eigentlich ein Glücksfall, zählt die Stadt, die auf eine englische Kolonie zurückgeht, zu den ältesten Siedlungen Neufundlands, 1610 gegründet. Bereits 1497 hatte John Cabot, venezianischer Seefahrer in Diensten des englischen Königs, als erster Europäer nach den Wikingern den Ort entdeckt. „Bon a vista“, soll Cabot bei seiner Ankunft gerufen haben. Er war es auch, der die Kunde vom Kabeljau nach Europa brachte, die spanische, englische und französische Fischer anlockte. „Cod’s own country“, wie Neufundland in der Folge genannt wurde. Die Fischer Bonavistas mittendrin.

Normans Augen leuchten, während er von seiner Heimatstadt erzählt. Nach dem Abschluss an der Memorial University of Newfoundland in Physischer Geografie kaufte Norman vor acht Jahren eines der Häuser, in denen sich die Tapeten schon von den Wänden schälten, das Holz morsch und die Farbe abgeblättert war. „Es sah katastrophal aus“, erinnert er sich an den Zustand des 1886 erbauten Gebäudes. Zwei Jahre Arbeit steckte er mit seiner Frau Leann Pardy in das einst prächtige Haus. Stil: Second Empire. „Als wir fertig waren, wusste ich, dass es nicht das letzte gewesen ist“, sagt Norman.

Schaut man sich seine Entwicklung an, könnte man ihn für den perfekten Gründer halten, jemanden, der unbedingt an seine Vision glaubt. Nur „verkauft“ Norman eben nicht eine neue Erfindung, sondern die alte Idee einer lebendigen Stadt. Am Anfang müssen die Menschen das für Unfug gehalten haben, so weltfremd wirkte es angesichts der desolaten Lage. Häuser zu sanieren, ohne neue Bewohner, erschien wie eine Schnapsidee, die der Jungspund von gerade einmal 27 Jahren sicher bald wieder vergessen haben würde. Doch weit gefehlt. Norman gründete.

Die Herausforderung: Geld aufzutreiben. Eine komplette Instandsetzung ist teuer – Geld, das weder Norman noch sein frisch gegründetes Unternehmen Bonavista Living hatten. Aus den klammen Kassen der öffentlichen Hand gab es keine finanzielle Unterstützung. Sponsoren mussten her. Der Zufall brachte im Sommer 2013 Mark und Chantal Dickson nach Bonavista, auf eine Stadtführung mit Norman. Seit er 18 Jahre alt ist, engagiert der sich ehrenamtlich in der Bonavista Historic Townscape Foundation, macht Rundgänge zum baukulturellen Erbe der Stadt.

Die Dicksons ließen sich von Normans Begeisterung anstecken. Das Paar aus Louisiana/USA kaufte eins der alten Häuser und bot eine Zusammenarbeit an: Norman sollte Wissen und Energie ins Unternehmen stecken, Mark Dickson, Chef des US-amerikanischen Pharmakonzerns Morris & Dickson, würde investieren. Inzwischen ist Dickson einer von mehreren Investoren und Kreditgebern, bis heute stehen er und Norman wöchentlich im Kontakt.

Ausländische Investoren, die Immobilien in Bonavista kaufen? Argwohn und Ablehnung unter den Einheimischen waren vorprogrammiert. Doch Norman überzeugte: Nicht die Wertsteigerung der Immobilien stehe im Fokus, sondern Bonavista wieder zu einem Zuhause zu machen. Dem Unternehmer ist anzumerken, wie ernst ihm die Sache ist. Und der Erfolg gibt ihm recht. Das Diner, in dem Norman gerade sitzt: Einst das heruntergekommene George Templeman House, jetzt ein Restaurant mit angeschlossenem Buchladen. Schon von weitem leuchtet die neue, knallrote Fassade.

„Wir haben in den letzten acht Jahren mehr als 20 Gebäude restauriert. Im Moment besitzen wir über 60 Gebäude, die noch auf ihre Restaurierung warten“, sagt Norman. Neun Häuser sind verkauft, 17 vermietet, sechs dienen als Ferienwohnungen, eines wird als kleines Hotel betrieben. Alles Holzhäuser, restauriert von Handwerkern aus der Region, die noch die alten Bautechniken beherrschen. Norman: „Ich beschäftige über 30 Handwerker für Arbeiten mit Stein, Holz, Glas, Elektro und Sanitär.“ Dabei hatte er mit Statik, Konstruktion und Baumaterialien vorher nichts am Hut: „Ich bin zu 100 Prozent Autodidakt, wenn es um Architektur, Design und Restaurierung von Gebäuden geht.“

Ausgewählt werden die Gebäude nach ihrer architektonischen und historischen Bedeutung, ihrer Lage und dem Ausmaß des Verfalls – die schlimmen Fälle zuerst. Manche Bauten erweisen sich dabei als richtige Glücksfälle, wurden sie jahrzehntelang schlichtweg vergessen. Details und Konstruktionen sind so im Urzustand erhalten. „Seit ich und meine Frau Leann vor acht Jahren mit dem Kauf von Häusern begonnen haben, haben Bonavista Living und Bonavista Creative rund acht Millionen Dollar in Bonavista investiert“, sagt Norman. Weitere 1,5 Millionen reinvestierte man aus Verkaufserlösen und Mieteinnahmen. Ein Vermögen in einer Kleinstadt in Neufundland. Norman: „Wir haben jetzt, fünf Jahre nach der Gründung, einen Punkt erreicht, an dem wir kleine Profite machen.“

Die Abwärtsspirale scheint durchbrochen. Wie schon 2016 zogen auch im letzten Jahr wieder über 30 neue Bewohner nach Bonavista, im Schnitt 33 Jahre alt. Die Hälfte davon Familien mit Kindern. Norman erzählt das nicht ohne Stolz. Wäre die Geschichte an dieser Stelle zu Ende, sie würde wohl in die Kategorie „Schöner Wohnen“ fallen. Aber eine Stadt mit Leben zu füllen, bedeutet mehr. Was in dieser ländlichen Region gebraucht wird, ist Arbeit. Eine Perspektive. Das weiß auch John Norman. Und gründete ein zweites Unternehmen, das sich genau darum kümmert: Bonavista Creative.

Davon angezogen wurde auch Karen Dewling. Sie kam 2016 aus dem 120 Kilometer entfernten Clarenville nach Bonavista. Mit dem Rücken an ihre Arbeitsplatte gelehnt, erzählt sie: „Es war eine echt schwere Entscheidung, unser sicheres Leben aufzugeben! Wir haben zwei kleine Kinder, die gerade fünf und drei Jahre alt waren, als wir beschlossen, den Sprung zu wagen. Für unseren Traum.“ Roger Dewling, ihr Mann, ist Koch und drei Jahre die 120 Kilometer nach Bonavista gependelt. „Eines Tages kam er zu mir und sagte: ‚Langsam fange ich an, mich in diesen Ort zu verlieben.‘“ John Norman erzählte dem Paar von seiner Vision von Bonavista, „und er meinte, dass unser kleines Geschäft perfekt dazu passen würde“, so Dewling.

Zu der Zeit machte Karen alles parallel: Wenn die Kinder schliefen, arbeitete sie im Keller ihres Hauses die Bestellungen für die Seifenmanufaktur ab, um dann acht Stunden ihrem Verwaltungsjob nachzugehen. „Alle um uns herum dachten, wir wären verrückt, überhaupt zu überlegen, ob wir bei einer so schlechten Wirtschaftslage unsere sicheren Arbeitsplätze aufgeben sollten, um in eine so kleine Stadt zu ziehen. Ohne zu wissen, ob das funktionieren würde“, erzählt Dewling. Doch irgendetwas sagte ihr, dass es richtig sei.

In einem strahlend weißen Gebäude mit rot-grünen Fenstern arbeiten die Dewlings jetzt. „Wir waren überwältigt davon, wie beschäftigt wir im ersten Jahr waren – es war verrückt!“ 800 kanadische Dollar, rund 500 Euro, zahlen sie für das nach ihren Bedürfnissen sanierte Studio im Monat.

Zwischen 400 und 800 Euro plus Nebenkosten bewegen sich die Gewerbemieten in den von Bonavista Creative sanierten Gebäuden. Wohnhäuser kosten rund 450 Euro Miete. Wer kaufen will, muss 110 000 bis 170 000 Euro auf den Tisch legen. „Nicht jeder Selbstständige, vor allem junge Gründer, kann einfach sagen: Ich nehme jetzt zwei-, drei- oder vierhunderttausend Dollar in die Hand, saniere ein Gebäude in Bonavista und starte mein Geschäft“, sagt Norman. Deshalb kauft und revitalisiert Bonavista Creative die Häuser, verpachtet sie anschließend für zwei bis fünf Jahre zu günstigen Konditionen. „Die Pacht ist sehr, sehr niedrig, um Risiken für Start-ups zu reduzieren“, erklärt Norman die Idee.

Mehr als 50 neue Unternehmen gründeten sich seit Ende 2015 in der Kleinstadt, 16 davon gehen auf das Konto von Bonavista Creative. Acht Bewerbungen gebe es für jeden Gewerberaum. „Wir arbeiten früh mit den Pächtern zusammen, der Ausbau orientiert sich daran, was sie brauchen“, sagt Norman beim Gang durch die Hauptstraße, in der die bunten Holzfassaden um die Wette leuchten. „Junge Menschen von New York bis Vancouver kommen jetzt nach Bonavista, vor allem Kreative und Millenials“, so Norman. Architekten, Künstler und Gründer, die unzufrieden mit dem großstädtischen Leben seien. An Bonavista mögen sie das Authentische, das Ländliche, meint er.

Bezahlbare Wohnungen und Gewerbeflächen sind starke Wachstumsfaktoren – für die gesamte Region. Längst übersteigt die Nachfrage das Angebot. Positiver Nebeneffekt: Arbeitsplätze, die auf diese Art in die Stadt kommen. Eine bis drei Stellen entstehen laut Norman mit jeder Geschäftseröffnung. Über 50 Jobs sollen es seit 2013 schon sein. „Es gab eine Menge Untergangsstimmung in den letzten Jahren. Jetzt aber Teil einer Gruppe zu sein, die Wirtschaft in eine kleine Stadt bringt, ist großartig“, sagt Karen Dewling.

Damit die Entwicklung nicht nur ein kurzes Strohfeuer bleibt, muss die Wirtschaft ganzjährig funktionieren. Drei Säulen sollen die Stadt langfristig tragen: Jeweils 20 Prozent Tourismus und lokale Dollars, die restlichen 60 Prozent sollen durch Export erwirtschaftet werden. „Das ist echtes Leben hier, keine Filmkulisse, wo Leute ihre Ferien verbringen“, sagt Norman mit ernster Miene. Ein Seitenhieb, der in Richtung Trinity zielt, ein Dorf etwa zehn Kilometer weiter südöstlich. Wo Tineke Gow vor 30 Jahren ebenfalls mit dem Wiederaufbau historischer Häuser begann. Ein Postkartenidyll: Die meisten der am Fjord gelegenen bunten Häuschen werden heute als Ferienwohnungen vermietet, aber außerhalb der Saison haben Gow, die sich um die Vermietung kümmert, und die Betreiber der Souvenirläden und Restaurants wenig zu tun.

In Bonavista verlangsamt John Norman seine Schritte, das Ende der Hauptstraße ist erreicht. Die Frage nach der Zukunft steht im Raum. Norman kratzt sich am Dreitagebart. Er ist vorsichtig mit dem, was er sagt. Es gehe darum sicherzustellen, dass die Unternehmen nicht heute entstehen und morgen wieder verschwinden, Nachhaltigkeit ist ihm wichtig. Gerade wegen der fragilen Wirtschaftslage auf dem Land. Und einfach gehen, kommt für den Neufundländer nicht infrage. „Würde ich die Geschichte dieser Stadt nicht kennen“, sagt Norman, „würde ich nicht wissen, wer ich bin.“

Die Stadt liegt ihm am Herzen, das ist dem 33-Jährigen anzumerken. Dabei versteht er sich nicht als Einzelkämpfer, auch wenn es manchmal so wirken mag. Denn sein Einfluss ist groß, seit er mit Bonavista Living Erfolg hat und jüngst zum Bürgermeister avancierte. Bessere Gesundheitsversorgung und Bildung wünscht er sich. Und ein Schwimmbad. Bonavista könnte es, anders als viele Gemeinden im Osten Kanadas, schaffen – und wieder eine ganz normale Stadt werden. John Normans großer Traum.

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