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Mantel, Paul Poiret, um 1913.

Ausstellung

Seidene Fäden

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Macht und Mode, Sex und Verlangen, Geheimnisvolles und Beklemmendes – das Londoner Victoria & Albert Museum widmet dem Kimono eine Schau.

So viel Stoff. Mal schimmert und glänzt er in verschwenderischer Schönheit, mal leuchten seine Farben so grell, dass der Betrachter und die Betrachterin nichts Anderes mehr wahrnehmen. Mal handelt es sich bei den feinen Stickereien um dekorative Muster, mal bilden sie Szenen aus der Geschichte Japans ab. So viel Stoff. So viel wunderbare Verschwendung. Geht es hier im Londoner Victoria & Albert Museum um den neuesten Modetrend?

So ungefähr. Nur ist der Trend 400 Jahre alt. Eine „Anziehsache“, im wahrsten Sinne des Wortes, denn nichts Anderes heißt das Wort „Kimono“ übersetzt. Das Museum zeigt in „Kimono: Kyoto to Catwalk“ anhand von rund 300 Exponaten die kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Kleidungsstücks, dessen Verwandlung durch die Jahrhunderte und seinen immensen Einfluss auf die westliche Mode, auf Designerinnen und Designer.

Es handelt sich um die bislang größte in Europa präsentierte Ausstellung zum Kimono. Die Schau, die bis zum 21. Juni läuft, nimmt die Besucherinnen und Besucher mit auf eine faszinierende Reise durch die Zeit dieses vermeintlich simplen, angeblich unveränderlichen Stoffs. Macht und Mode, Sex und Verlangen, Politik und Stärke, Geheimnisvolles und Beklemmendes – alles kann, alles wird durch den Kimono erzählt.

Wandbehang, Kobayakawa Kiyoshi, 1935.

Die Geschichte beginnt in Räumen, deren Wandfarbe als „Grüner Tee“ beschrieben wird und in denen Holzschnitte wie auch seltene Kimonos für Frauen, Männer und Kinder zeigen, wie die Kaufmannsklasse in der Edo-Zeit im 17. und 18. Jahrhundert ihren Status, Reichtum und Stil mit Hilfe ihrer Kleidung ausdrückte. Auf einem Farbholzschnitt von Utagawa Hiroshige aus den 1840er Jahren ist im Hintergrund der Mount Fuji zu sehen, im Vordergrund, natürlich, ein Kimono-Geschäft. Hier ist Japan, nicht London.

Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts öffnete sich das asiatische Land nach einer 200-jährigen Ära der Isolation dem Rest der Welt. Die Niederländer brachten den Kimono nach Europa, wo er an die hiesigen Geschmäcker angepasst und umgearbeitet wurde, etwa als Schlafrock oder Morgenmantel. Europa war im Bann Japans. Doch auch der Import von Textilien in das asiatische Land beeinflusste wiederum die Gestaltung der traditionellen Kimonos mit den weiten Ärmeln, in der Taille durch einen Gürtel, den Obi, zusammengehalten.

Der Kimono als ein Symbol Japans mag oft als tradierte und zeitlose Kleidung wahrgenommen werden – und damit als genaues Gegenteil von dem, was heute selbst in Deutschland so unschön „Fashion“ heißt. Der Kimono sei aber vor allem „dynamisch“ und entwickle sich ständig weiter, betont Tristram Hunt, Direktorin des Victoria & Albert Museum. Das Kleidungsstück habe über Jahrhunderte „einen enormen Einfluss auf internationale Kleidungsstile“ gehabt. Die Ausstellung liefert den Beweis.

Die oft spektakulären Gewänder mögen schon bis zu diesem Teil der Schau geglänzt und gestrahlt haben, aber typisch Victoria & Albert quillt die Schönheit der Stücke zum Ende hin fast über. Hier ein wunderbar fallendes weißes Brautkleid mit Kapuze und Brusttasche für Fächer, Kamm und kleinem Dolch. Dort fein bestickte Haute-Couture-Roben wie jenes silberglänzende Seidengewand der Sängerin Björk, das Alexander McQueen für ihr Albumcover „Homogenic“ entworfen hatte.

Kimono, Moriguchi Kunihiko, 2005.

Macht und Schönheit strahlt das Kleid aus, selbst 23 Jahre nach seinem großen Moment am Körper der isländischen Ikone. Daneben Jean Paul Gaultiers umwerfendes rotes Kimono-Ensemble, das er für Madonnas Musikvideo „Nothing Really Matters“ kreierte. Auch die Entwürfe von Rei Kawakubo, Yves Saint Laurent oder John Galliano zeugen von der Wirkung des Gewands auf Modeschöpferinnen und Modeschöpfer.

Dabei sah es lange danach aus, als sterbe der Kimono trotz seiner Schönheit selbst in in seiner Heimat aus, so Co-Kuratorin Josephine Rout. „Vor 20 Jahren hatte er so etwas wie eine Wiederauferstehung, als junge Leute ihn als Reaktion auf die Allgegenwart von westlicher schnell wechselnder Mode getragen haben“, sagt sie. Eine Kimono-Renaissance. „Sie machen Spaß, sind befreiend und jung“, so zumindest erklärt sich Rout den Trend. Dabei ändern die Gewänder nie wirklich ihre Form, bewahren sie vielmehr seit Jahrhunderten, weil nicht der Körper, der in dem Gewand steckt, im Mittelpunkt steht.

„Es geht darum, was sich auf der Oberfläche des Stoffs abspielt und wie man jegliches Muster, jegliche Szene gestalten kann“, sagt Kuratorin Anna Jackson und weist in den Raum, wo reich bestickte Roben, darunter der ikonenhafte Kimono von Freddie Mercury, präsentiert werden. Dass die Ausstellung mit dem Kimono beginnt, der im 17. Jahrhundert von Kurtisanen getragen wurde und mit Obi-Wan Kenobis legendären Jedi-Ensemble endet, zeigt vor allem, dass die handwerkliche Tradition fast mehr zum Austausch der globalen Mode beigetragen hat als die Couture-Häuser von Paris. Dabei handelt es sich doch nur um eine Anziehsache.

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