+
Ein Grundschüler aus dem Berliner Stadtteil Hellersdorf soll einen Mitschüler auf einer Klassenfahrt vergewaltigt haben (Symbolfoto).

Sexueller Missbrauch

"Das ist ein sehr schwerer Fall"

  • schließen
  • Lutz Schnedelbach
    schließen

Ein Grundschüler einer Berliner Schule soll einen Gleichaltrigen auf einer Klassenfahrt vergewaltigt haben.

Der schwere Fall sexuellen Missbrauchs unter Schülern einer Berliner Grundschule  hat in der Stadt Bestürzung ausgelöst.  Zugleich macht er Experten zufolge deutlich, dass die Präventionsarbeit auf diesem Gebiet unzureichend ist.

Wie am Wochenende bekannt wurde, soll ein Grundschüler einer vierten Klasse aus Hellersdorf während einer Klassenfahrt in die Uckermark einen gleichaltrigen  Mitschüler vergewaltigt haben. Zwei Elfjährige hätten das das Opfer dabei festgehalten. Die Tat soll sich bereits im Juni im Schloss Kröchlendorff ereignet haben. Die Begleiter,  drei Lehrerinnen und ein Erzieher hätten von alldem nichts mitbekommen.

Die Polizei äußert sich wegen des Opferschutzes nicht zu dem Fall.  Der mutmaßliche Haupttäter, der in der Schule als verhaltensauffällig und gewaltbereit gegolten haben soll, stamme einem Bericht der B.Z. zufolge aus Afghanistan. Er soll seine Tat am Vormittag bereits angekündigt haben. Am Abend sollen die Jungen ihre Drohung wahr gemacht haben. Die beiden  mutmaßlichen Mittäter, die das Opfer festhielten,  sollen aus Syrien und Afghanistan stammen.  Das  Opfer habe tagelang gelitten, ein Freund des Jungen habe sich Tage später einem Sozialarbeiter offenbart. Der informierte die  Schulleitung, die die Polizei rief.  

Ein Ausnahmefall

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte dieser Zeitung: „Das ist ein entsetzlicher Fall, ich bin schockiert. Ich finde es richtig und wichtig, dass alle Institutionen vom ersten Tag an kooperiert haben – die Polizei,  das Jugendamt und die Schule, die sofort schulpsychologische Maßnahmen ergriffen hat.“

Das Bezirksamt prüfe jetzt alle Möglichkeiten, den mutmaßlichen Haupttäter außerhalb einer öffentlichen Schule zu unterrichten. Keiner der mutmaßlichen Täter besuche noch die betroffene Schule. Auch das Opfer gehe zum Schutz und auf eigenen Wunsch in eine andere Schule.

Experten ordnen den Fall als extrem ein. „Das ist ein sehr schwerer Fall. Dass es unter Kindern zu einer Vergewaltigung kommt, ist die Ausnahme“, sagt die Berliner Erziehungswissenschaftlerin Ulli Freund, die lange  in Berlin im Verein Strohhalm, der Fachstelle für Prävention von sexuellem Missbrauch an Mädchen und Jungen, gearbeitet hat und nun freiberuflich in dem Bereich tätig ist. „Die Tat bildet nicht das normale Ausmaß sexueller Übergriffe unter Kindern ab“, sagt die Expertin.

Auch Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen,  bis zu seiner Pensionierung 2016 Leiter des schulpsychologischen Beratungszentrum in Tempelhof-Schöneberg, sieht die Tat als große Ausnahme. Ungewöhnlich daran sei nicht nur das Ausmaß, sondern auch die Tatsache, dass sie unter Jungen stattgefunden habe. „Sonst kommt es eher zu Übergriffen Mädchen gegenüber“, sagt er.

Alltagsphänomene in dem Bereich seien zum Beispiel, dass ein Junge einem Mädchen gegen seinen Willen unter den Rock fasst, dass einem Kind die Hose runtergezogen wird oder verbale Attacken mit sexuellen Inhalten. Auch bei solchen Geschehnissen werde an vielen Schulen nicht adäquat reagiert, weil die Prävention sexueller Gewalt nicht zur pädagogischen Ausbildung gehört, kritisiert Ulli Freund.  „Es ist einerseits wichtig,  den Kindern zu erklären, wo die Grenzen, sind, die nicht überschritten werden dürfen. Andererseits müssen Kinder aber auch wissen, dass sie sich jederzeit an den Lehrer oder eine andere Vertrauensperson an der Schule wenden können, wenn sie Übergriffe erlebt haben“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

Ob bessere Prävention dem   Jungen  der Hellersdorfer Grundschule geholfen hätte, ist fraglich. Ulli Freund gibt aber zu bedenken, dass sich solche Taten in aller Regel über längere Zeit aufbauen: „In der frühen Phase  hätte man vielleicht einschreiten können, wenn der Junge gewusst hätte, wer ihm helfen könnte.“

Schulpsychologe Klaus Seifried sieht das anders. „Solche Taten sind nicht zu verhindern. Kinder sind sehr gut darin, hinter dem Rücken der Lehrkräfte zu agieren“, sagt er. Wichtiger sei in solchen Fällen, dass die Mitschüler wachsam sind. Denn die Opfer empfänden oft zu viel Scham, um sich zu offenbaren.

Einig sind sich beide darin, dass Opfer derartiger Taten rasch Hilfe  brauchen, um  das Erlebnis sexualisierter Gewalt  zu verarbeiten. „Wichtig ist eine Therapie, aber auch eine verständnisvolle Reaktion im Elternhaus“, sagt Freund. Das Kind dürfe,  etwa  durch Vorwürfe, nicht noch mehr Schuldgefühle entwickeln.

Mehr Prävention gefordert

Mit Blick auf die Täter hält sie es für wahrscheinlich, dass die Kinder selbst eine schwere Belastung erlebt haben, die sie weitergeben. „Derart massive Taten werden von Kindern begangen, die selbst sexuell traumatisiert sind“, sagt sie. Dass die Täter aus Afghanistan und Syrien stammen, mache ein solches Erlebnis wahrscheinlich.  „Die psychische Situation von Kindern mit Fluchthintergrund haben wir hierzulande viel zu wenig im Blick“, sagt sie.  Zugleich warnt sie davor,  Kinder aus geflüchteten Familien  pauschal als potenzielle Täter einzustufen . „Alle Kinder, die traumatische Erfahrungen gemacht  und körperliche Gewalt erlebt haben, sind in dieser Hinsicht gefährdet“, sagt die Expertin.

Für Berliner Schulen wünscht sie sich besser Präventionsarbeit. „Programme zu Vorbeugung sexueller Gewalt – auch unter Kindern – sollten Standard sein“, sagt Freund. Klaus Seifried   hingegen findet es wichtig,  generell am sozialen Miteinander  in Schulen zu arbeiten. „Dafür brauchen die Lehrkräfte Unterstützung durch Schulsozialarbeiter und -psychologen, aber auch Zeit – etwa in Form von Klassenleiterstunden“, sagt er. Die psychosoziale Unterstützung sei in Berliner Schulen verbesserungsbedürftig, vor allem in sozialen Brennpunkten. Seifried: „In Berlin kommt auf 5 000 Schüler ein Schulpsychologe. Hier liegt Berlin zwar  im Bundesvergleich vorn, international  ist der Standard aber 1000 bis 2000 Schüler pro Psychologe.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion