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Viel Platz für die Familie: Saß genießt die beinahe endlose Weite.

Stadtflucht

Sehnsuchtsort Sachsen-Anhalt

  • Jan Sternberg
    vonJan Sternberg
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Seit Jahren zieht es immer mehr Städterinnen und Städter raus aus den Metropolen – auch Corona verstärkt die Landlust. FR-Autor Jan Sternberg hat sich in Werben an der Elbe umgesehen.

In ihrem Garten, sagt Anne Saß, wächst und gedeiht gerade alles wie in keinem anderen Jahr. Gerade kommt sie aus der Parzelle, die sie hinterm Deich gekauft hat. Sie stellt ihr altes Damenrad vor dem kleinen Haus mit den hellen Fachwerkbalken und den übermannshohen Heckenrosen ab. Der Storch im Nest auf der Backsteinkapelle nebenan klappert. Hier, im 600-Einwohner-Städtchen Werben an der Elbe in der Altmark, verbringt die Berliner Familie Saß sonst nur ihre Wochenenden.

Aber in diesem Jahr ist alles anders. Aus dem Wochenendhäuschen ist eine Corona-Fluchtburg geworden und über Monate der Arbeitsmittelpunkt der Familie. Und das, obwohl sie zunächst noch nicht einmal Internet hatten. Nachdem das geklärt war, schalteten sich die vier Stadtflüchtigen in ihre jeweiligen Videokonferenzen ein. Die Gymnasiallehrerin Anne verteilte Aufgaben an ihre Schülerinnen und Schüler. Ihr Mann Ole, Landschaftsarchitekt, konferierte online mit seinem Klientel.

Die beiden Töchter im Grundschulalter absolvierten ihr Homeschooling und vergnügten sich anschließend im Deichvorland. Die ganze Familie genoss die Natur in der weitläufigen Landschaft an der Elbe, freute sich über die Adler und Störche, die Hasen, Füchse und Rehe in den Wiesen.

Schon seit Jahren verspüren immer mehr Großstädterinnen und Großstädter die Sehnsucht nach dem Landleben. Die Grundstückspreise im Umland der Metropolen steigen wieder, lange leerstehende Häuser verschwinden vom Markt und werden saniert. Gerade Menschen zwischen 30 und 45 zieht es raus aus der Stadt.

Corona hat diesen Trend verstärkt. Im Frühjahr des Lockdowns verloren die großen Städte urplötzlich ihren Reiz, Theater, Kinos, Kneipen schlossen. Zu viele Menschen auf einem Fleck lösten Unbehagen aus. Wer sich zurückziehen kann in die Weite, wer mobil arbeiten und ein Häuschen sein eigen nennen kann, hat’s gut. Das Bundesland Sachsen-Anhalt, in dem Werben liegt, erließ nicht wie andere Länder Aufenthaltsverbote für Zweitwohnungsbesitzerinnen und -besitzer. So konnte die Sehnsucht nach dem Land länger gestillt werden.

„Neu war für uns vor allem, hier auch zu arbeiten“, sagt Anne Saß. „Das hat bei mir zunächst einen kleinen Frust ausgelöst – der Ort von Wochenenden und Ferien wurde plötzlich zum Ort des Alltags. Aber das war schnell überwunden. Wir haben gemerkt, wie attraktiv wir das entschleunigte, reduzierte Leben hier finden.“

Silvia Hennig erforscht mit ihrem Thinktank „Neuland 21“ den neuen Drang der Städter aufs platte Land. „Durch die erzwungene Abkehr von der Präsenzkultur haben viele Leute zum ersten Mal mobil gearbeitet“, erklärt sie mit Blick auf die Corona-Zeit. „Das wird dauerhafte Effekte haben. Es wird in mehr Unternehmen einen Mix zwischen Präsenz und mobilem Arbeiten geben.“

Das bedeute eine große Entlastung für diejenigen, die zwischen Stadt und Land pendeln, so Hennig. Die Effekte seien bereits jetzt spürbar. Projekte, die gemeinsames Wohnen und Arbeiten im weiteren Umkreis der Metropolen ermöglichen, könnten sich vor Anfragen kaum noch retten.

Endlich Zeit zum Lesen: Das Coconat „workation retreat“ in Bad Belzig ist gut ausgestattet.

„Wir registrieren ein deutlich gestiegenes Interesse seit Corona“, sagt etwa Frederik Fischer, der in Wiesenburg im Fläming das „KoDorf“ aufbaut. Mit kleinen Häusern und großen Gemeinschaftsgebäuden sollen die neuen Siedlerinnen und Siedler auf einem alten Sägewerkgelände Land und Stadt miteinander verbinden – mit stündlicher Zugverbindung nach Berlin gleich nebenan. Skuli Thorarensen ist trotzdem schon seit Februar nicht mehr nach Berlin gefahren.

Der 51-jährige Unternehmer aus Reykjavik wollte sich nur ein paar Wochen aufs Land zurückziehen. Er buchte sich im „Coconat“ ein, einem alten Gutshof bei Bad Belzig, der zum Mekka für stadtmüde digitale Nomadinnen und Nomaden geworden ist. Die Mischung aus schnellem Internet, gemeinsamen Mahlzeiten, und einem weitläufigen idyllischen Gelände zieht jedes Jahr mehr Städterinnen und Städter an. In der Hochphase der Pandemie isolierten sich die Bewohnerinnen Bewohner gemeinsam – und Skuli Thorarensen blieb bei ihnen.

„Ich plane nicht, hier demnächst wieder wegzugehen“, sagt der ruhige Isländer mit dem ausgefransten Vollbart, während sein neunjähriger Labrador an der Leine zieht. „Mir fehlt die Stadt überhaupt nicht. Es fühlt sich hier sehr sicher an. Und seit Corona ist es viel einfacher geworden, Geschäftspartner zu Online-Meetings zu treffen, statt zu ihnen hinfahren zu müssen. “

Seit das Coconat wieder Gäste empfängt, finde er auch hier genug Gespräche, Kontakte, Vernetzungsmöglichkeiten. Thorarensen will zwei Jahre in Deutschland bleiben, um seine Software auf dem deutschen Markt einzuführen. In den nordischen Ländern läuft sein Schul-Management-System bereits, das eine Kommunikationsplattform für Behörden, Lehrende, Schülerinnen und Schüler bieten soll. „Wir sind Deutschland zehn Jahre voraus“, sagt er. „Durch den Digitalpakt eröffnen sich mir auch hier Möglichkeiten – und Corona hat das noch einmal beschleunigt.“

„Zuhause ist da, wo man Wlan hat“ steht auf einem Schild an der „Coconat“-Bar im Gutshaus. Es fasst das Lebensgefühl der digitalen Nomadinnen und Nomaden zusammen, die bisher nur als Reisende nach Klein Glien kamen. Das Schild hängt dort schon länger, doch seit diesem Frühjahr haben erzwungenermaßen weit mehr Menschen dieses Lebens-gefühl entdeckt, sagt „Coconat“-Gründerin Julianne Becker.

„Als wir wieder öffnen durften, hatten wir Gäste aus Branchen, die bisher nie über mobiles Arbeiten nachgedacht haben – Banker zum Beispiel“, so Becker. Sie ist sich sicher, dass das auch nach dem Ende der Pandemie so bleiben wird. „Unternehmen können sich jetzt nicht mehr dagegen wehren, wenn ihre Beschäftigten teilweise mobil arbeiten wollen – weil sie gesehen haben, dass es funktioniert.“

Das kann vielen Stadtflüchtigen die Möglichkeit eröffnen, nicht nur die Ferien oder verlängerte Wochenenden auf dem Lande zu verbringen – oder sich eben zum konzentrierten Arbeiten in Orte wie das „Coconat“ zurückzuziehen. „Wir haben in den vergangenen Monaten alle darüber nachgedacht, wie wir leben wollen“, glaubt Gründerin Becker. „Davon wird etwas bleiben.“

Das Leben von Christian Brachwitz wurde am 12. März auf den Kopf gestellt, als die Berliner Theater schlossen. Der renommierte Theaterfotograf hatte in der Stadt plötzlich nichts mehr zu tun – und zog sich wie Familie Saß nach Werben zurück. Seit 30 Jahren kommt er in die winzige Stadt in der Altmark, saniert ein Fachwerkhaus und engagiert sich im Altstadt-Arbeitskreis.

Ein bisschen Kommune: Thorarensen mit Coconat-Gründerin Becker.

Jetzt steht Brachwitz in der Salzkirche direkt neben dem Haus der Familie Saß und zeigt eine Ausstellung mit großformatigen Abzügen seiner Theaterbilder. Im Haus gegenüber hat er eine zweite Schau mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem DDR-Alltag. Brachwitz war in den 1980er-Jahren als Fotograf für die Wochenzeitung „Sonntag“ unterwegs.

Er eckte mit seinen Bildern an, die keine heroischen Genossinnen und Genossen zeigten, sondern müde Arbeiterinnen und Arbeiter, freche Kinder, Freiräume der DDR-Bürgerinnen und -Bürger. „Ich hatte ja in den vergangenen Monaten viel Zeit, die Bilder auszusuchen“, sagt er. „Und jetzt sehen die Werbener endlich einmal, womit der Typ sein Geld verdient. Die kennen mich ja sonst nur im Garten grabend oder am Haus herumwerkelnd.“

Für die kommende Theaterspielzeit hat Brachwitz wieder einen Vertrag in Berlin. Zum ersten Mal steht dort, dass bei „höherer Gewalt“ das Arbeitsverhältnis endet. Die Möglichkeit einer zweiten Welle hat es bis in die Vertragsklauseln geschafft. „Ich habe Kartoffeln gepflanzt. Und die Kürbisse kommen“, sagt Brachwitz bloß. Werben bleibt eine Möglichkeit für ihn.

Trotz der Landlust verlieren Dörfer und Kleinstädte nach wie vor Einwohnerinnen und Einwohner. Mancherorts prangen noch die „Schlecker“-Schilder über leerstehenden Läden – die Pleite der Drogeriekette ist acht Jahre her. Viele Kommunen könnten mehr tun, um Stadtmüde anzulocken, sagt Forscherin Hennig. „Die Gemeinden müssen sich auf veränderte Bedürfnisse einstellen. Viele locken mit günstigem Bauland und freuen sich, dass die Nachfrage nach Baugrundstücken steigt.“

Aber das sei nicht alles. „Viele Familien würden auch in eine Wohnung im Kleinstadt-Ortskern ziehen – aber die Angebote gibt es oft gar nicht.“ Es fehle an Möglichkeiten für einen Lebensstil jenseits der Fünf-Tage-Woche im Büro und dem Wochenende im Garten. Zudem bleiben die großen Probleme des ländlichen Raums.

Schule, Mobilität, medizinische Versorgung, Infrastruktur generell – zu viel wurde in den vergangenen Jahrzehnten weggeschrumpft. Familie Saß in Werben sucht trotzdem nach Möglichkeiten, wie sie auch in Zukunft mehr Zeit in ihrem Elb-Paradies verbringen kann. Die Zeiten des reinen Online-Arbeitens waren mit dem Schuljahresbeginn in Berlin vorbei. Ganz herzuziehen kommt für die Familie Saß schon wegen der Töchter aber nicht infrage.

Die Werbener Grundschule ist geschlossen, Schülerinnen und Schüler müssen stundenlang mit dem Bus fahren. Der Plan einer „Freien Schule Werben“ scheiterte an der fehlenden Genehmigung des Landes. „Das war tragisch“, sagt die Lehrerin Saß. „Das hätte Werben auch für junge Familien attraktiv gemacht.“

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