Vermisstenfall

Sechs Jahre Flucht und Isolation

Maria H. und ihr mutmaßlicher Entführer.

Es ist das erste Mal, dass sich Maria H. und der Mann, der sich mit ihr mehr als sechs Jahre lang versteckt hielt, wiedersehen. Bernhard H. verschanzt sich hinter einem Aktenordner, den ein Foto mit einem aus zwei Händen geformten Herz schmückt, als er am Mittwoch in den Saal des Freiburger Landgerichts geführt wird. Als die Fotografen den Saal verlassen, sieht er zum ersten Mal in das Gesicht des Mädchens, mit dem er jahrelang auf der Flucht war – und ihm kommen die Tränen.

Sechs Jahre lang suchten Polizei und Familie nach der zum Zeitpunkt ihres Verschwindens im Jahr 2013 erst zwölfjährigen Maria. Das Mädchen bekam von alldem nichts mit, H. hatte ihr den Kontakt zur Familie und den Zugang zum Internet verboten. Sie ging in der ganzen Zeit nicht zur Schule, und H. enthielt ihr auch Medikamente vor, die sie wegen einer Schilddrüsenerkrankung regelmäßig hätte nehmen sollen.

Zumindest anfangs schien Maria freiwillig mitgegangen zu sein. Schon vor ihrer Odyssee traf sie H., den sie in einem Internetchat kennen gelernt hatte, in Hotels in Freiburg über Nacht. Dort kam es zu ersten sexuellen Übergriffen, die ihr offenbar widerstrebten, sie aber nicht davon abhielten, mit ihm auf die Reise zu gehen. Über die Motive ist bisher wenig bekannt.

Die Staatsanwaltschaft wertet die Taten des heute 58-jährigen Angeklagten als Kindesentzug und schweren sexuellen Missbrauch in 109 Fällen. Auch eine Sicherheitsverwahrung sei juristisch möglich, sagt Staatsanwältin Nikola Novak in der Verhandlung. Laut Anklage setzten sich H. und Maria 2013 über Polen, Slowenien und Ungarn nach Italien ab, wo sie schließlich blieben.

Der Missbrauch an Maria endete mit ihrem 15. Geburtstag – die Beziehung sei abgekühlt, heißt es in der Anklageschrift. Inzwischen hatten sich beide in der sizilianischen Küstenstadt Licata niedergelassen, wo sie sich als Vater und Tochter ausgaben und von Einwohnern sowie dem örtlichen Pfarrer unterstützt wurden. Erst als Maria 18 Jahre alt war, floh sie aus der Isolation.

Der erste Prozesstag in Freiburg ist von den persönlichen Lebensumständen des Angeklagten geprägt. Die Aussage zur Sache findet auf Antrag der Verteidigung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. H. berichtet von einer Kindheit, die von Gewalt und Armut geprägt gewesen sei.

Nach verschiedenen Ausbildungen und einer kurzen Phase der Obdachlosigkeit fasste er Mitte der 80er Jahre nach eigenen Angaben beruflich und privat ein wenig Fuß. Er arbeitete in einem medizintechnischen Unternehmen und war ehrenamtlicher Betriebsrat.

Doch sein Privatleben verlief unglücklich. Er habe immer mehr Zeit am Computer als mit seiner Familie verbracht. Wohl schon 2012 lernte er Maria in einem Internetchat kennen. Beide tauschten bald Nacktbilder und pornografische Nachrichten aus. Dem 40 Jahre älteren Mann soll dabei bewusst gewesen sein, dass er sich mit einer Minderjährigen einließ.

Auch vor Gericht scheint er immer noch zu glauben, eine gleichberechtigte Beziehung mit dem Mädchen geführt zu haben. Mit Blick auf seine Zukunft sagt H., er habe ein ganzes Paket an Briefen aus der Haft an Maria geschrieben. „Ich weiß ja nicht, wie es mit Maria weitergeht, aber meine Arme sind immer offen.“

Gegenüber sitzt Maria zwischen ihrer Anwältin und der psychologischen Betreuerin einer Opferorganisation. Sie schaut H. direkt in die Augen – ohne erkennbaren Hass, aber auch ungerührt. (afp)

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