Bikini Art Museum in Bad Rappenau
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Bademode aus dem Bikini Art Museum in Bad Rappenau.

Museum

Schwimmen im Wollkleid

Klingt anstrengend - war es auch. Ein Museum in Bad Rappenau widmet sich der Frauen-Bademode. 

Lebensgefahr! Diese Dinger waren wirklich gefährlich“, sagt Reinhold Weinmann, während er auf Bademode aus dem Jahr 1880 zeigt: ein knielanges Wollkleid mit eingenähter Hose, die Dame von Stand trug es mit Korsett, Socken, Schuhen und Haube. In diesem Outfit ließ sie sich in einem Badekarren von Pferden ins Meer ziehen, in das sie dann hineinhuschen konnte.

Die Woll- und Flanellkleider saugten sich schnell mit Wasser voll und führten zu zahlreichen Badeunfällen, erläutert Weinmann. Auch galt Bewegung als eine unangemessene Damen-Tätigkeit. „Es galt als wissenschaftlich anerkannte Tatsache, dass Schwimmen die Gebärfähigkeit gefährdet“, sagt der Kunsthistoriker. Dementsprechend ungeübt waren die Frauen im kühlen Nass.

Weinmann ist der Direktor des „Bikini Art Museum“ im baden-württembergischen Bad Rappenau, das am 5. Juli eröffnet. Die Initiatoren werben damit, dass es das weltweit erste Museum zur Bademode werde. Zweiteiler des Bikini-Erfinders Louis Réard werden zu sehen sein, aber auch Bikinis von Marilyn Monroe oder vom deutschen Sexsymbol der 60er-Jahre, Elke Sommer. Es soll aber auch eine Ausstellung über weibliche Selbstbestimmung und Vielfalt sein. Weinmann sagt, man könne gar nicht genug schätzen, wie sehr Frauen kämpfen mussten, um sich frei bewegen und Bikinis tragen zu können – der Zweiteiler galt als selbstbestimmtes Statement gegen ein konservatives Umfeld. Gleichzeitig stand er aber von Anfang an auch für den männlichen Blick auf sexualisierte Weiblichkeit.

Furore am Strand

Die Idee für das Museum hatte der Regensburger Unternehmer Alexander Ruscheinsky. Der Betreiber der Raststätten-Kette „Autohof 24“ hatte nach Museumsangaben vor einigen Jahren in Brasilien eine ältere Dame getroffen. Sie habe ihm erzählt, am liebsten aus ihrer Bikini-Sammlung ein Museum machen zu wollen. Ruscheinsky ließ die Anregung nicht los, er fing an zu sammeln und beschäftigte sich mit der Geschichte der Bademode.

Dazu gehören das Aufkommen der ersten Badeanzüge zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die Geschlechtertrennung im Schwimmsport und die Prüderie der damaligen Zeit, so Weinmann. 1907 wurde die Schwimmerin Annette Kellermann in den USA verhaftet, weil sie kein Korsett unter ihrer Badekleidung trug. „Sie beklagte sich, dass sie schwimmen will, ohne eine ‚Wäscheleine voll Stoff‘ am Körper“, erzählt Weinmann.

1946 erfand der Ingenieur Louis Réard dann einen nabelfreien Badedress, den er nach dem Atoll benannte, auf dem die USA Atombombenversuche unternahmen: Bikini. Für die Präsentation musste Réard Nackttänzerinnen engagieren, da sich kein Model dafür hergeben wollte. Von den erhaltenen 17 Kreationen Réards sollen zwölf im Bikinimuseum zu sehen sein. „Darunter wird auch der ‚Goldene Réard‘ sein, eine Einzelanfertigung, die als wertvollster Bikini der Welt gilt“, sagt Weinmann.

Die Museums-Eröffnung wurde mehrfach verschoben. „Auch deshalb, weil wir immer mehr Post bekamen“, erklärt Weinmann. Beispielsweise hat eine 87-Jährige ihren Bikini aus den 50er-Jahren eingeschickt. Sie schrieb, dass sie sich lange so sehnlichst einen Bikini gewünscht habe, bis ihr Vater nachgab und ihr einen kaufte – in den prüden 50ern keine Selbstverständlichkeit. Solche Selbstbestimmungs-Entscheidungen „normaler Frauen“ sollten auch in die Ausstellung, sagt Weinmann.

Auch in diesem Jahrtausend kann weibliche Strandkleidung noch für Furore sorgen. 2001 zog eine brasilianische Designerin den Unmut des damaligen Erzbischofs von Rio de Janeiro auf sich: „Die Abbildung der Christus-Statue auf einem Monokini betrachtete der Erzbischof als eine Verunglimpfung“, sagt Weinmann. Die Designerin stellte die Produktion ein, für das Bikini-Museum hat sie nun ein Exemplar nachgearbeitet.

Ebenso wird die Ausstellung einen Blick auf die „Burkini-Affäre“ in Frankreich werfen: Zeitweise war das Tragen von Burkinis – Ganzkörperbadeanzügen für Musliminnen – an südfranzösischen Orten wie Cannes und Nizza verboten. „Das war ein Unding“, sagt Weinmann. Ganz in der Nähe hatte Brigitte Bardot in den 50er-Jahren mit dem „kleinsten Kleidungsstück der Welt“ für einen Skandal gesorgt. „Da wird deutlich, wie sich die Gesellschaft mit weiblicher Bademode beschäftigt“, sagt Weinmann.

Und wenn es ein Museum über die „Ermächtigung von Frauen“ sein soll, warum hat es dann keine Direktorin? „Ich kümmere mich in erster Linie um die wissenschaftliche Leitung, meine Stelle wurde nicht nach Geschlecht vergeben“, sagt Weinmann. Aber die Ausstellung selbst werde von zwei Kuratorinnen gestaltet. „Der Sammler und ich sind bei der Inszenierung ganz zurückhaltend“, betont er. Es solle nicht der Blick des Mannes vorherrschen. Leonie Mielke, epd

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