Franz Beckenbauer

Auch die dunkle Seite gehört zur Lichtgestalt: Franz Beckenbauer wird heute 75

  • Günter Klein
    vonGünter Klein
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    Jan Christian Müller
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Als Fußballer und Trainer erreichte Franz Beckenbauer Großes, das Sommermärchen 2006 machte ihn zum Kaiser der Herzen. Doch sein größter Triumph wurde zur Tragödie.

  • Am 11. September 2020 wird Franz Beckenbauer 75 Jahre alt
  • Beckenbauer war die schillernde Galionsfigur – umso härter traf ihn der Fall
  • Inzwischen wirkt Beckenbauer wie ein gebrochener Mann

Die in der Businessclass zuständige Flugbegleiterin erinnert sich noch gut, wenngleich es schon lange her ist. Franz Beckenbauer saß am Fenster neben Günter Netzer. Der eine, Netzer, schaute bei der Getränkebestellung nicht einmal von seiner Zeitung auf. Der andere, Beckenbauer, begab sich nach der Landung nach hinten in die Holzklasse, um sich bei den Stewardessen persönlich mit Handschlag für den Service zu bedanken.

Die Lichtgestalt hat gern viel von ihrer Wärme abgegeben. Empathie als Lebensmotto eines Mannes, der in ärmlichen Verhältnissen im Münchner Stadtteil Giesing aufwuchs: „Wenn man Mitmenschen Freundlichkeit spüren lässt, bekommt man auch etwas zurück.“ Franz Beckenbauer hat vielen diese Freundlichkeit geschenkt. Und er hat viel zurückbekommen. Er glaubte, damals, in einer längst vergangenen Zeit, dass es immer so weitergehen würde: „Alle Sonntage des Lebens sind in mir vereint.“

Franz Beckenbauer wirkt wie ein gebrochener Mann

Heute – sein 75. Geburtstag fällt auf diesen Freitag (11.09.2020) - wirkt Franz Beckenbauer wie ein gebrochener Mann. Man sieht ihn nur noch selten in der Öffentlichkeit. Die aktuellsten Bilder stammen aus dem Frühsommer. Der einst großartige Libero, huldvoll „Kaiser“ getauft, saß als einer der wenigen eingeladenen Gäste bei Geisterspielen zum Saisonendspurt des FC Bayern auf der Tribüne, einmal mit Maske, ein anderes Mal mit einem Faceshield vor dem schmalen Gesicht, das den Ehrenpräsidenten noch zerbrechlicher wirken ließ,

Die deutsche Fußball-Ikone Franz Beckenbauer war einst der Kaiser der Herzen.

Es sind nicht nur die drei schweren Operationen nach Herz- und Augeninfarkten, die zu einem Bruch in den glücklichen Sonntagen des Lebens geführt haben. Es war auch der Tod seines drittältesten Sohnes Stephan, der – kurz vor dem 70. Geburtstag des Vaters – im Alter von nur 46 Jahren an einem Gehirntumor verstarb. Es ist aber wohl vor allem der Schatten des „zerstörten Sommermärchens“, der sehr bald nach seinem 70. Geburtstag durch die Veröffentlichung des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ auf eine der zuvor schillerndsten Figuren der Zeitgeschichte fiel.

Franz Beckenbauer: Der größte Triumph wird zur Tragödie

Plötzlich waren die vormals leichten Sonntage für Franz Beckenbauer nur noch Montage des Schwermuts. Aus einem Günstling des Glücks – Kapitän der Weltmeistermannschaft 1974, Teamchef des Weltmeisterteams 1990, Baumeister eines großartigen Fußballsommers 2006 – wurde einer, der sich aus dem Land, dem er so viel Gutes hatte angedeihen lassen, vertrieben fühlte. Sogar die allerbesten Freunde von „Bild“ konnten bald nicht mehr zu ihm halten. Sie wollten es auch gar nicht mehr.

Sein größter Triumph ist zur Tragödie geworden. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, ein Jahrhundertereignis, sein persönliches Lebenswerk mit der „Welt zu Gast bei Freunden“, hat den Arbeiter- und Männersport Fußball endgültig in allen Schichten gesellschaftsfähig und für alle Geschlechter attraktiv gemacht. Beckenbauer war die schillernde Galionsfigur. Da schwebte einer durchs Land, dem die Sonne aus der Seele schien. Umso härter traf ihn der Fall.

Franz Beckenbauer lebt inzwischen zurückgezogen in Kitzbühel

Seine glanzvollen Errungenschaften und seine Strahlkraft dürfen nicht kleingeredet werden, aber auch die Schattenseiten können nicht verschwiegen werden. Im 45-minütigen ZDF-Stück „Mensch Beckenbauer! Schau’n mer mal“, das in der Mediathek abrufbar ist, gelingt es dem Filmemacher Uli Weidenbach, Beckenbauers Vita in all ihren Facetten nachzuerzählen. Der Versuch des Autors, den Protagonisten persönlich zu sprechen, misslang trotz vielfacher Kontaktversuche, dennoch zeichnet Weidenbach ein differenzierteres Bild der Persönlichkeit Beckenbauers als etwa die TV-Biografie „Der Ball war mein Freund“ – und das, obwohl die ARD den Kaiser für aktuelle Statements gewinnen konnte.

Höhepunkt der aktiven Laufbahn: Franz Beckenbauer 1974 nach dem Sieg gegen die Niederlande mit dem WM-Pokal.

Franz Beckenbauer lebt inzwischen zurückgezogen in Kitzbühel/Österreich. Vieles ist anders als zum 60. Geburtstag, den das ZDF mit einer von Thomas Gottschalk und Günther Jauch moderierten, „Wetten, dass?!“-artigen Geburtstagsshow zelebrierte; anders auch als zum 65., als es für kritische Töne keinen Grund gab. Über den 70. Geburtstag legte sich wegen des Todes des Sohnes schon Melancholie,

Kurz darauf folgte der Bruch: Die bis heute in ihrem Zweck unergründlichen Geldströme in der Sommermärchenaffäre und Beckenbauers lapidare Reaktion darauf haben zu einer fortschreitenden Entfremdung der Deutschen von ihrem Fußball-Kaiser geführt. Und es ist klar: Man kann heute nicht nur in Erinnerungen an Beckenbauers Leichtigkeit als Spieler schwelgen und Schwänke aus seinem Lichtgestalt-Leben erzählen. Auch die dunkle Seite gehört dazu.

Franz Beckenbauer wurde zum „Guru des Gelingens“

Torsten Körner, der vor 15 Jahren „Der freie Mann“ geschrieben hat, eine Biografie, deren Entstehen ihr Protagonist unterstützte, erklärt im ZDF-Film, wie Franz Beckenbauer zum „Guru des Gelingens“ wurde. Da wusste einer stets ein ihn umsorgendes Umfeld („Bodyguards seines Lebens“) an seiner Seite, er selbst sei „Kind geblieben und nie geschäftsfähig geworden“. Der Historiker Hans Woller, der vor einem Jahr ein Buch über die Schwarzgeld-Verstrickungen des FC Bayern in den 60er- und 70er-Jahren schrieb, sieht ihn als „Getriebenen seines Umfelds“. TV-Kommentator Marcel Reif, der – so erging es manchen – zum Ziel kaiserlichen Furors wurde, erinnert sich aber auch an die unkomplizierte Versöhnlichkeit Beckenbauers und nennt ihn „unendlich empathisch“. Ein Eindruck, den nahezu alle teilen, die ihn kennenlernen durften.

Aber es existiert auch diese andere Seite: „Spiegel“-Redakteur Gunther Latsch, dessen Blick auf Franz Beckenbauer sich durch die Recherche rund um die 6,7 Millionen Sommermärchen-Euro gebildet hat, spricht offen von Korruption und Gier. Wesenszüge, die das öffentliche Bild nicht prägen sollten. So gab Beckenbauer vor, ehrenamtlich an der Organisation der WM 2006 zu arbeiten, tatsächlich kassierte er 5,5 Millionen Euro. Geld, das ihm niemand missgönnt hätte angesichts der Größe der Aufgabe, des Erfolgs fürs ganze Land und des immensen Arbeitsaufwandes. Auch wenn harte Arbeit, ob auf dem Platz oder anderswo, bei ihm stets unangestrengt aussah.

Franz Beckenbauer konnte im Sommermärchen-Prozess kein Vergehen nachgewiesen werden.

Transparenz im Geschäftsgebaren gehörte nicht zu den Stärken von Franz Beckenbauer. Man wusste das schon aus alten Steuergeschichten. Der bekennende CSU-Freund musste 1977 einen Millionenbetrag ans Finanzamt nachzahlen, blieb straffrei – und begann den zweiten Teil seiner famosen Karriere bei Cosmos New York. Eine Flucht, typisch Beckenbauer, in ein neues Glück, weg vom FC Bayern, weg von seiner Frau und den noch minderjährigen drei Jungen, mit neuer Lebenspartnerin im Big Apple. Er wird endgültig zum Weltstar – kaum kleiner an der Seite des großen Brasilianers Pelé.

Franz Beckenbauer hätte um ein Haar die WM-Qualifikation verpasst - und wird dann Weltmeister

Als Trainer ist er – von „Bild“ Mitte der 1980er Jahre ins Amt gedrängt – geraume Zeit ein Sicherheitsfanatiker. Einer, der gern auch mal mit vier Vorstoppern agiert und um ein Haar als erster Verantwortlicher einer deutschen Fußball-Nationalmannschaft – sechs Tage nach dem Mauerfall im Herbst 1989 in Köln gegen Wales – die WM-Qualifikation verpasst hätte. Stattdessen wird das Glückskind ein halbes Jahr später Weltmeister. Wieder so ein Sonntag des Lebens.

Doch nun diese immerwährenden Wochentage: „Spiegel“-Mann Latsch glaubt, Beckenbauer habe entscheidende Fehler in der Aufarbeitung des Sommermärchen-Skandals begangen, indem er sich „würdelos, klein und dämlich verteidigte, sich jämmerlich wegduckte“. Mit Offenheit, mit einem „Ja mei, so war’s halt“ hätte der Mann, der bis dahin keine Hürden kannte, die nicht aus dem Weg geräumt werden könnten, die Geschichte wohl wegmoderieren können. Stattdessen verwies er öffentlich auf Unkenntnis sämtlicher Vorgänge: Er habe stets ohne recht hinzusehen unterschrieben, oft gar blanko. Anders sei sein Job als Chef des Bewerbungs- und später des Organisationskomitees gar nicht zu bewältigen gewesen.

Geister-Kaiser: Mit Gesichtsmaske an der Seite von Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge beim Bayern-Spiel ohne weiteres Publikum.

Vermutlich ist diese Wahrnehmung gar nicht so furchtbar weit weg von der Wahrheit. 30 Jahre lang managte Robert Schwan alles weg, was seinem Klienten lästig sein könnte – und alles her, was sich zu Geld machen ließ. Der Macher Schwan, bald darauf im Juli 2002 verstorben, gilt als zentrale Figur des Deals, der später die Sommermärchenaffäre begründen sollte. Beckenbauer selbst hätte die komplizierten Finanztransaktionen, an deren Ende ein ihm bestens bekannter wie korrupter Fifa-Mann im Wüstenstaat Katar stand, niemals ohne Hilfe selbst in Auftrag geben können. Aber der dringende, wenngleich nach wie vor unbewiesene Verdacht bleibt: Er hat sich daran bereichern wollen. Oder zumindest: Er hat es so geschehen lassen.

Für Franz Beckenbauer hat es such ausschlawinert

Franz Beckenbauer wusste, wen er als Mann fürs Grobe an seiner Seite brauchte. Als Sepp Blatter süß-sauer am 6. Juli 2000 in Zürich das 12:11-Ergebnis für Deutschland gegen Südafrika bekanntgab, war Fedor Radmann der Erste, der ihm in der ersten Reihe des Kongresssaales in die Arme fiel. Der Strippenzieher Radmann kannte die Gepflogenheiten im korrupten Fifa-Apparat. Und Beckenbauer, der sich die Hände nicht selber schmutzig machen wollte, wusste, wer besonders empfänglich war.

Biograf Körner erinnert daran, dass es etliche Schlawinereien gegeben habe – Steueraffäre, Beziehungswechsel, vor- und außereheliche Kinder -, „aber die Gesellschaft hat ihm jede Schlawinerei verziehen“. Nun hat es sich ausschlawinert – denn auch wenn Beckenbauer wegen der Verjährungsfristen nicht mehr rechtlich belangt werden kann, bleibt Verdacht an ihm hängen. Nicht nur im Hinblick auf 2006. So soll er seine Stimme als Fifa-Exekutivmitglied bei den Vergaben der Turniere 2018 und 2022 nicht ohne Gegenleistung an Russland und Katar gegeben haben. (Von Güter Klein und Jan Christian Müller)

Rubriklistenbild: © picture alliance/Ina Fassbender/dpa

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