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Demo für Vincent Lambert in Paris.

Frankreich

Das schwere Sterben des Vincent Lambert

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Er war zum Symbol einer Debatte geworden – nun ist der französische Wachkoma-Patient tot.

Es war ein jahrelanger Kampf um Leben und Tod, der vor Gerichten, innerhalb einer entzweiten Familie und in der Öffentlichkeit ausgetragen wurde. Zu Ende ging er am gestrigen Donnerstag mit dem Tod des französischen Wachkoma-Patienten Vincent Lambert in der Uniklinik in Reims.

Neun Tage zuvor hatten die Ärzte nach einem entsprechenden Urteil seine künstliche Ernährung und die Flüssigkeitszufuhr eingestellt. Bereits vor einem Monat veranlassten die Richter einen Behandlungsstopp, dem kurz danach ein Berufungsgericht auf Betreiben von Lamberts Eltern hin überraschend widersprach. Diese Entscheidung hob der Kassationshof, das höchste französische Gericht, wieder auf. Der Anwalt seiner Eltern, die Klage gegen Lamberts Ärzte eingereicht haben, sprach dennoch von einem „Verbrechen des Staates“.

Der 42-Jährige hatte sich seit einem schweren Motorradunfall vor fast elf Jahren in einem vegetativen Zustand befunden: Er hielt die Augen offen, ohne aber mit seinem Blick etwas fixieren zu können oder auf sein Umfeld zu reagieren. Medizinische Gutachter waren zu dem Schluss gekommen, dass Lambert nicht mehr bei Bewusstsein sei und sein Zustand sich auch nicht bessern werde. Eine Patientenverfügung von dem ehemaligen Krankenpfleger gab es nicht.

Rachel Lambert, seine Ehefrau und die Mutter einer gemeinsamen Tochter, versicherte allerdings, ihr Mann hätte sich eine künstliche Verlängerung seines Lebens als Wachkoma-Patient nicht gewünscht. Während sie, fünf seiner Geschwister sowie ein Neffe für die Einstellung der künstlichen lebenserhaltenden Maßnahmen eintraten, „um ihn in Würde gehen zu lassen“, wie Rachel Lambert 2016 in einem autobiographischen Buch schrieb, kämpften die Eltern des Patienten, eine Schwester und ein Halbbruder vehement für den Erhalt seines Lebens.

Die strenggläubigen Katholiken argumentierten, Vincent Lambert sei lediglich schwer behindert und müsse auch so behandelt werden: Sie sehe ihren Sohn „leben, sich entwickeln, leiden, sich beruhigen, ruhen und schlafen“, versicherte seine Mutter, Viviane Lambert. Seit 2013, als erstmals ein Behandlungsstopp für ihn durch ein Ärzteteam eingeleitet worden war, klagten sie und ihre Mitstreiter sich durch sämtliche Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, wo sie scheiterten.

Das Gesetz sieht keine Hierarchie der Angehörigen vor, sondern das gemeinsame Finden einer Einigung – was in diesem Fall eben nicht gelang. Beide Lager erhielten jeweils viel Zuspruch von Teilen der Öffentlichkeit. Vertreter der katholischen Kirche kritisierten den Behandlungsstopp: Der Erzbischof von Paris, Michel Aupetit, beklagte eine Gesellschaft, in der ein Mensch, der nicht mehr funktioniere, „weggeworfen“ werde. Sogar im EU-Wahlkampf äußerten sich viele der Kandidaten zu dem Fall. Auch Präsident Emmanuel Macron veröffentlichte im Mai eine Stellungnahme, in der er erklärte, er verlasse sich auf die Einschätzung der Ärzte Lamberts, welche „konform mit unseren Gesetzen ist“.

Durch die starke Mediatisierung des Falles wurde Lambert ein Symbol für den schwierigen Umgang mit Euthanasie, über den auch in Frankreich kontroverse Diskussionen geführt werden. Die Zahl der französischen Patienten, die sich in einem ähnlichen Zustand befinden, wird auf 1700 geschätzt. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich die ganze Debatte um Sterbehilfe in diesem Krankenhaus-Zimmer, rund um meinen Ehemann abspielt“, hatte Rachel Lambert in ihrem Buch geschrieben. „Es ist nicht traurig: Es bringt die Sachen in Ordnung“, sagte sie gestern nach dem Tod ihres Mannes. „Wir waren seit Jahren bereit dafür.“

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