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Ist es nicht idyllisch?
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Ist es nicht idyllisch?

Reportage zu Inga-Lindström-Filmen

Überall ist Bullerbü

  • VonNicola Förg
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In Inga-Lindström-Filmen sieht Schweden wie eine Bilderbuch-Kulisse aus – harte Arbeit für die Szenenbildnerin, die jedes Detail seriengerecht arrangiert.

„Sieht das nicht aus wie ein Gewächshaus?“ Franzi Mußmächer ist skeptisch. Sie und Andrea Lindner beugen sich am Abend eines langen Tages übers Handy. Ein augenscheinlich verliebtes Paar sitzt draußen an einem Tisch, hunderte von Kerzen. Dahinter ein ebenfalls in Kerzenlicht getauchter Wintergarten. „Oder wären Fackeln schöner gewesen?“, fragt Lindner. Aber die Kerzen verbreiteten am Ende doch mehr Romantik. Das Handy hat gleich noch eine Neuigkeit parat. Nachricht vom Innenrequisiteur: Der Drehplan wurde geändert, der Wetterbericht für morgen ist nicht gut und schließlich ist es bei Außendrehs immer schön, es regnet nie im Schweden der Inga Lindström-Filme. Der Drehort wechselt also, der Anschlussdreh ist dann einen Tag später. Das heißt: Jedes Detail des romantischen Abendessens fotografieren, alle Essensreste einpacken, ab in den Kühlschrank – dessen mittleres Fach ist mit „Requisite“ beschriftet – und übermorgen dann wieder millimetergenau inszenieren.

Andrea Lindner, 41, studierte Innenarchitektin, ist Szenenbildnerin. Sie ist die Frau, die Farbe, Form, Authentizität und Charme in die Drehorte zaubert, die seit 2003 die Kulisse für die Reihe im ZDF-Herzkino abgeben: Herzschmerz mit Happy End und schönen Bildern. Für deren Inszenierung ist Lindner schon seit Ende April unterwegs. Vorher hatte sie Drehbücher gelesen, mehrfach, weil es immer auch mehrere Fassungen gibt. Zum Team der Szenenbildnerin gehören Requisitenfahrer Tim, Außenrequisiteur Oskar, Günter, der Mann für die Bauten, Assistentin Franzi und Matze, besagter Innenrequisiteur, jener Mann, der beim Dreh am Set bleibt, der nochmals Requisiten rückt und alles fürs Auge gefällig macht. Andrea und Franzi sind beim Dreh schon weg, ein neues Bild ruft.

Das liegt auf einem kleinen Inselchen in einem See, versteckt in einem Waldgürtel. Eigentlich steht auf diesem Lyckö das Ferienhaus einer deutsch-schwedischen Familie aus Frankfurt, das vermietet wird. Im Film mutiert es zu einer Forschungsstation einer Entomologin, also Insektenforscherin. Klingt einfach, ist aber eine Königsdisziplin der Ausstattung. Das Schwedenhaus ist klein, winklig, schiefwandig. Für Drehbuch und Regie des dritten Lindström-Films 2021 zeichnet Stefanie Sycholt verantwortlich und die schwelgt in grün und rot. Ein striktes Farbkonzept, in dem die Insektenforscherin Liv grün gewandet ist, ihre wilde Schwester Smilla rot. Und die Wände im Haus eben auch ergrünen mussten. Für Andrea und ihre Leute hieß das: Räume ausmessen, Rahmen bauen, diese beplanken und grün tapezieren. Hinterher wird und muss es aussehen wie vorher, ein schwedisches Sommerhaus eben, der Spuk ist schnell vorbei, pro Film sind im Durchschnitt gerade mal 20 Drehtage eingeplant.

„Hinterher wird und muss es aussehen wie vorher, ein schwedisches Sommerhaus eben.“

In jedem Detail steckt der Teufel und eine gewaltige Arbeit. Im Film muss jedwede Werbung abgeklebt werden, fürs romantische Diner darf da ergo kein landläufig bekannter Prosecco zu sehen sein, was Matthäus Zaborszyk ins Spiel bringt. Er kann Graphik, er hat Etiketten entworfen, ein Weingut erfunden und einen „Fjärilar“, einen Schmetterlingssekt – passend zur Profession der Hauptdarstellerin. Matthäus studiert am renommierten Max Reinhardt Seminar in Wien Schauspiel. In Andreas Team mitzumachen ist der Semesterferienjob eines 26-Jährigen, der im Schwarzwald Abi gemacht hat, bei der Bundeswehr war, bei der Constantin Film gejobbt hat, Stand Up Comedian ist und irgendwann einmal einer Freundin, die ebenfalls Schauspielerin werden wollte, versprach: „Wir werden beide mal ganz Große!“ Beim blondgelockten Hünen gibt es daran in Andreas Team keine Zweifel. Matthäus selber stapelt eher tief. „Der Job weitet den Blick, es ist ein zweites Standbein und ich lerne viel – sei es beim Werbung abkleben, beim Organisieren von Requisiten, bei Telefonaten mit Experten.“

So ein Experte ist der „Trompetentommy“, mit vollem Namen Tommy Andersson, der als Fachberater für die musikalische Kulisse des zweiten Lindström-Films in diesem Sommer arbeitete. Er hat Musik studiert, war jahrelang Dozent an der Musikhochschule in Nyköping und seine Werkstatt ist einer von nur zehn Plätzen in Schweden, wo Instrumente fachgerecht repariert werden können. „Ich kann alle Flöten spielen, Trompete nicht“, lächelt er. Aber er kann sie zerlegen, tüfteln, neu erklingen lassen. Viel hat er vom Vater abgeschaut, „der war am Flughafen Skavsta Techniker und spielte Saxophon“. Tut er heute noch, mit 87 in einer Band! Tommy lieh dem Film unzählige Instrumente, richtete eine Werkstatt ein und lehrte Schauspielerin Susu Padotzke, wie man eine Trompete fachmännisch auseinander – und wieder zusammen! – baut. „Sie hat sich sehr geschickt angestellt“, findet er und war auch ansonsten stetig fasziniert. „Im Film radelt die in Nyköping los und ist nach wenigen Minuten in Stockholm. Innendreh und Außendreh können viele Kilometer entfernt liegen.“ Er schüttelt lächelnd den Kopf, auch über die Deutschen. „Sie stehen auf Elche“, meint er und dass vorher eben noch einer durch seinen Garten lief.

Er kannte Inga Lindström wie viele Schweden vorher nicht. Wie viele dachte auch er, es gäbe eine schwedische Autorin dieses Namens, die irgendwo in einem Bullerbü-Häuschen schreibt. Zu Beginn aber war das das Pseudonym der deutschen Autorin Christiane Sadlo, aktuell schreiben die Regisseurinnen und Regisseure die Drehbücher teils selbst. Die Filme sind eine rein deutsche Angelegenheit, gecastet sind nur deutsche Schauspieler:innen, die Komparsen sind Schwedinnen und Schweden. Die Filme laufen auch nicht in Schweden, Tommy hat nur einen bisher gesehen und lächelt erneut. „Alle wohnen in herrschaftlichen Wohnsitzen, was sie im realen Schweden nicht tun, auch Nyköping hat seine Brennpunkte.“ Es haben auch nicht alle einen Winterwohnsitz und ein Sommerhaus in den Schären. Seines liegt bei Svärdsklova, wo gerade – für schwedische Verhältnisse extrem teure, dafür aber kleine – Grundstücke verkauft werden. Immobilien boomen auch im Einzugsgebiet vom Großraum Stockholm. „Und in den Filmen scheint immer die Sonne“, ist ihm auch gleich aufgefallen.

„Klingt einfach, ist aber eine Königsdisziplin der Ausstattung.“

Ja, das tut sie, die Schauspielerinnen und Schauspieler sind jung und stets attraktiv, die Welt bleibt draußen. Bewusst setzt das ZDF dem ARD Tatort das Herzkino gegenüber. Wer am Sonntag keinen Magen hat für Mord, Totschlag und psychotische Ermittler, wird zärtlich umarmt von lauen Geschichten und schönen Landschaften. „Keiner „schaut so was“, könnte man meinen. Die Einschaltquoten sprechen eine andere Sprache. Seit 2003 sind genau 90 Inga Lindström-Filme gelaufen, 2021 wurden weitere vier gedreht. Heimatfilm reloaded und im Falle von Schweden eine Sehnsuchtslandschaft, die rund um Nyköping alles hat, was Schweden braucht – „sweden in a nutshell“: Meeresbuchten, Schärenlandschaften, die man im Fall des Naturreservats Stendörren sogar über Stege, ganz ohne Boote, erobern kann. Ein Schwedencafé wie das Hellmans und Gassen, von Holzhäuschen gesäumt wie in Nyköping, die Schlossanlage von Nynäs, der schmucke Ort Trosa. Alles Drehorte, versteht sich! Im Hinterland dann mehr Bullerbü-Häuschen, Wälder, Felder, Herrenhäuser – und Reiterhöfe.

Pferde gehen immer, ein sehr früher Film, der im November 2005 ausgestrahlt wurde, hieß sinnigerweise „Sprung ins Glück“ – gedreht bei Clara Grill. Die steht gerade in der Küche, kocht Pflaumen ein nach dem Rezept der Mutter. Ordentlich Stroh Rum rein, anzünden, dann den Deckel drauf! Clara ist Steirerin, hat einst einen Schweden geheiratet und war 2005 sehr beeindruckt, als Erol Sander bei ihr auftauchte. „Für uns war das neu, exotisch und was uns am meisten begeistert hat, war doch, wie professionell die sind. Hinterher ist alles ordentlicher als vorher.“ Ein Kompliment, das Andrea gerne annimmt, sie drehen auch diesmal bei Clara, deren kleines, höchst charmantes Hotel Runnviken beherbergt auch zwei der Schauspieler. Unweit des Anwesens überblickt ein Wikingergrab den See. „Das drittgrößte in Schweden, ein Königsgrab, ein ganz spezieller Ort“, sagt Clara. Wie wahr – 360 Grad Rundumblick, ein sachter Wind streicht durch das dürre Gras. Ein paar Schafe äugen herüber, weit draußen ziehen Erntemaschinen Kreise auf gewaltigen Getreidefeldern. Eine gewichtige Stille, Schweden rührt am Innersten.

Zurück bei Clara steht natürlich die große Kanne, wo man Kaffee zapfen kann, der allschwedisch lauwarm ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit in Massen getrunken wird und bestens zum pappsüßem Karottenkuchen mit der fetten Creme drauf passt. „Das ist der Beste“, findet Annie Rydstrand, Touristikerin in Oxelösund. Sie freut sich. „Inga Lindström macht kostenlose Tourismuswerbung für uns. Wir nutzen das Format auch mal für eine Führung oder Tour mit deutschen Gästen. Kürzlich haben wir schwedische Komparsen besucht, die Deutschen waren ganz aus dem Häuschen.“

Bestsellerautorin Nicola Förg hat zahlreiche Bücher, darunter erfolgreiche Krimireihen, geschrieben. Ihr neuer Roman „Hinterristerweiher“ bringt das Ungesagte zwischen Generationen zur Sprache und ist im September im Piper Verlag erschienen.

Pilgertouren auf Herzenspuren – da ist touristisch noch Luft nach oben, da kann man vom „Bergdoktor“ lernen, was Hype ist! Wenn Andrea Lindner Mitte September alle Bilder für Inga Lindström gezaubert hat, macht sie mit dem Kultformat weiter und arbeitet an zwei „Bergdoktor“-Folgen. Vor Corona lockten die Bergdoktorwochen und geführte Touren auf Kutschen, E-Bikes oder Segways bald mehr Gäste als jene, die den Wilden Kaiser auch ohne – oder trotz! – des Bergdoktors erleben wollten. Der „Gruberhof“ wird überrannt. Wo übrigens die Frühstücksszenen immer abends gedreht werden, weil dann die Sonne besser steht – die natürlich auch immer scheint. Andächtig wie bei einer Kirchenführung steigen die Fans die steile alte Holztreppe hoch und da ist er dann, der Ort der Sehnsucht, wo sich alle völlig verzückt auf das Bett des Bergdoktors setzen – nun ja auf eine grüne Plastikplane, außerhalb der Drehtage sind viele Objekte abgedeckt. Den Dachboden oben im „Gruberhof“ hat Andrea Lindner umgebaut, weil dort ja nun Anne und der Doc wohnen, auf einem Hof, der nicht bewohnt ist und eigentlich Köpfinghof heißt. Die Serie wird inzwischen in zwölf Ländern ausgestrahlt, in der Slowakei ist sie ein Straßenfeger, und als Hauptdarsteller Hans Sigl einmal zu einem Meet&Greet in ein slowakisches Shoppingcenter fuhr, war das in etwa so, als käme Robbie Williams – oder der Papst.

Gedanklich ist Andrea Lindner also fast schon in Tirol, aber es steht noch der vierte Schwedenfilm aus, da wird das Farbkonzept blau, beige, rostrot und senf sein. Und wenn dann die Zauberinnen hinter den Kulissen 2022 die Endprodukte sehen, werden selbst sie sich an der einen oder anderen Stelle wundern: „Mensch, das sieht man ja gar nicht, dabei war das so eine Arbeit!“

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