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Andrew (Mitte) ist der Lieblingssohn von Queen Elisabeth. Ob die skandalerprobte Monarchin ihrem Sohn diesmal aus der Patsche helfen kann, ist allerdings fraglich.

Prinz Andrew

Das schwarze Schaf der Royals

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Immer wieder ist Prinz Andrew mit Eskapaden aufgefallen, das royalistisch gesinnte Land hat stets mit den Schultern gezuckt. Doch diesmal geht es um einen schwerwiegenden strafrechtlichen Vorwurf. Unterhaus-Abgeordnete fordern, er soll nicht zum Weltwirtschaftsforum kommen.

Erfahrung mit dem Umgang von Affären rund um Prinz Andrew, den zweiten Sohn von Königin Elisabeth II, hat das britische Königshaus zur Genüge. Normalerweise kommt dann eine Mischung aus hochmütigem Schweigen und demütigen Äußerungen hinter vorgehaltener Hand zum Einsatz. Diesmal haben nicht einmal zwei klare Stellungnahmen des Buckingham-Palastes der Berichterstattung rund um Andrews Partys mit einem verurteilten Sexualverbrecher ein Ende bereitet. Nun brechen Politiker das Schweigen, das sonst die royalen Angelegenheiten umgibt. Seinen üblichen Besuch beim World Economic Forum (WEF) in Davos solle der Herzog von York, 54, diesmal doch lieber unterlassen, finden Unterhaus-Abgeordnete von Liberaldemokraten und Labour. Der Prinz müsse sich „derzeit diskret“ verhalten, glaubt der frühere liberale Parteichef Menzies Campbell.

An kritische Fragen von Öffentlichkeit und Medien hat sich Andrew im Lauf der Jahre gewöhnen müssen. Teure Trips rund um die Welt, ausgedehnte Strandurlaube mit barbusigen Schönheiten, der lukrative Immobiliendeal mit einem undurchsichtigen kasachischen Geschäftsmann – immer wieder ist Elisabeths Lieblingssohn ins Gerede gekommen. Das royalistisch gesinnte Land hat stets mit den Schultern gezuckt. Zu solide arbeitet die 88-jährige Monarchin als Repräsentantin Großbritanniens, zu gesichert scheint Elisabeths Erbe durch Charles, William und Baby George, als dass die Eskapaden des derzeit Fünften der Thronfolge eine große Rolle spielen würden.

Mehr oder weniger einvernehmlicher Sex

Diesmal scheint die Sachlage anders zu sein. Das liegt vor allem daran, dass es um einen schwerwiegenden strafrechtlichen Vorwurf geht. Die heute 30-jährige Virginia Roberts hat in West Palm Beach (Bundesstaat Florida) eine Privatklage gegen Andrews früheren Freund, den New Yorker Hedgefonds-Milliardär Jeffrey Epstein, eingereicht. Als 17-Jährige sei sie von Epstein „zur Sexsklavin gemacht“ und zum Geschlechtsverkehr mit dem Prinzen gezwungen worden. Berichte über diesen Vorgang werden in der Londoner Presse stets von einem Foto aus dem Jahr 2001 begleitet: Da haben der damals 41-jährige Prinz und die junge Frau vertraut den Arm um die Taille des jeweils Anderen gelegt und lächeln freundlich in die Kamera.

In einem ausführlichen Ermittlungsverfahren sammelte die Polizei in Florida vor zehn Jahren die Aussagen von 40, meist minderjährigen Frauen. Sie alle sprachen von mehr oder weniger einvernehmlichen Sex mit dem Hedgefonds-Manager.

Nicht alle Zeuginnen schienen zuverlässig zu sein. Jedenfalls mündete das Verfahren 2007 in der Verurteilung Epsteins wegen Beihilfe zur Prostitution in einem einzigen Fall. Von der 18-monatigen Gefängnisstrafe musste der Geschäftsmann 13 Monate absitzen. Und kurz nach seiner Knastentlassung erhielt Epstein schon wieder hohen Besuch. Zur Ehre des Freundes ging Prinz Andrew sogar demonstrativ mit Epstein in New Yorks Central Park spazieren, was einem dort anwesenden Fotoreporter seither regelmäßige Einnahmen verschafft.

Roberts und andere Epstein-Opfer wollen das Verfahren gegen den Geschäftsmann jetzt wieder aufrollen. Es gehe ihnen um die Gerechtigkeit, daher die Gerichtsklage mit gleichzeitiger PR-Offensive. Epstein beschuldigt die Frauen und deren Anwälte, diese seien „Lügner und Goldgräber“, also nur hinter seinem Geld her. In Andrews Namen griff der Palast in den ersten Januartagen zweimal binnen 48 Stunden zum ungewöhnlichen Mittel einer öffentlichen Stellungnahme: Die Vorwürfe gegen den Prinzen „entbehren jeder Grundlage“ und seien „vollkommen unwahr“. Auch habe Andrew nicht, wie ebenfalls behauptet, zu Epsteins Gunsten bei den US-Behörden interveniert. „Der Prinz würde sich niemals in ein laufendes Verfahren einmischen.“

So weit, so unappetitlich. Die sonst bei royalen Storys zurückhaltenden Londoner Zeitungen würden die Sache wohl auf sich beruhen lassen – so wie sie das 2011 taten, als viele der jetzt vorgebrachten Vorwürfe schon einmal im Raum standen. Doch seither hat sich die Sensibilität des Landes in Bezug auf Sexualverbrechen gegen Kinder und Jugendliche völlig verändert.

Immer wieder ist Großbritannien in jüngster Zeit von vergleichbaren Affären erschüttert worden. Der bekannte und beliebte BBC-Entertainer Jimmy Savile wurde posthum als hundertfacher Vergewaltiger und Leichenschänder geoutet.

In vielen englischen Städten wie Rotherham und Derby ging die Kripo schwersten Vorwürfen nur zögerlich oder gar nicht nach, weil die mittlerweile verurteilten Verbrecher asiatischer Abstammung, ihre Opfer hingegen Weiße waren. Scotland Yard ermittelt im Fall eines angeblichen Pädophilen-Rings aus den 1970er Jahren wegen Mordes und Vergewaltigung.

Überlebende Opfer des Missbrauchs haben von der Scham berichtet, die ihnen vielfach die Stimme raubte. Wenn sie sich aber doch Eltern und Behörden anvertrauten, schlug ihnen häufig Misstrauen oder sogar Ablehnung entgegen. Vor diesem Hintergrund trifft Epstein-Opfer Roberts einen wunden Punkt, wenn die mittlerweile verheiratete Mutter von drei Kindern sagt: „Ich lasse mich nicht wieder durch Einschüchterungen zum Schweigen bringen.“

Geordnetere Verhältnisse

Für den Prinzen kommt der Vorgang zu einem schlechten Zeitpunkt. Dass Andrew im Frühjahr 2011 nach zehn Jahren zum Rücktritt als offizieller Handelsbeauftragter Großbritanniens gezwungen wurde, ging neben Kontakten mit dubiosen arabischen Despoten auch auf die Epstein-Connection zurück.

Seither hat sich der Herzog von York von öffentlichen Auftritten ferngehalten, ist aber weiterhin ohne offiziellen Titel für britische Firmen unterwegs. „Ich habe erlebt, wie der Mann für unser Land wirbt und britischen Unternehmen hilft“, lobt ihn der Londoner Bürgermeister Boris Johnson.

Auch privat wirkten Andrews Verhältnisse geordneter. In Windsor lebt er mit seiner geschiedenen Frau Sarah Ferguson, 55, im gleichen Haus; sie seien „das glücklichste geschiedene Paar der Welt“, findet die im Volksmund „Fergie“ genannte Mutter von Beatrice und Eugenie, die nach ihrem Vater Platz Sechs und Sieben der Thronfolge einnehmen. Als Zukunftsvorsorge für die 26- und 24-jährigen Prinzessinnen kauften die Eltern kurz vor Weihnachten ein Chalet mit sieben Schlafzimmern im Skiort Verbier (Kanton Wallis). Der Preis lag bei mindestens 10,3 Millionen Euro. Weil der Herzog eine nicht gerade üppige Pension als Marinepilot bezieht, Fergie hingegen vor allem Schulden hat, dürfte die Queen in ihre gut gefüllte Privatschatulle gegriffen haben.

Vielleicht kann Andrew ja den Besuch beim WEF mit einem Aufenthalt im neuen Haus verbinden – ganz diskret, versteht sich.

Der britische Prinz Andrew tritt von allen offiziellen Ämtern zurück. Grund ist offenbar seine Verwicklung in den Epstein-Skandal.

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