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Schwalbe sucht Wohnung

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Von: Hanna Gersmann

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Die Rauchschwalbe legt bis zu 13 000 Kilometer zurück – pro Halbjahr.
Die Rauchschwalbe legt bis zu 13 000 Kilometer zurück – pro Halbjahr. © Imago Images

Die Tiere, die jetzt aus Afrika zurückkehren, gelten als Glücksboten. Doch es werden immer weniger, weil es an Brutplätzen fehlt. Ein Vogelliebhaber kämpft dagegen an.

Klaus Janke interessiert sich für Vögel seit seinem zwölften Lebensjahr. Heute ist er 83, noch immer sportlich, dreimal in der Woche spielt er Tennis. Ihn treibt aber vor allem eins um: das Leben der Schwalben. Ihn faszinieren die Vögel, die auch als Boten des Glücks gelten. Er will sie retten. Derzeit kehren sie zurück aus ihren Winterquartieren.

Hinter dem Vogel liegt dann ein gefährlicher und strapaziöser Weg. Bis zu 13 000 Kilometer kann er lang sein. Er führt von Südafrika über die Sahara bis nach Deutschland. Bis zum 18. Jahrhundert erschien es den Menschen wahrscheinlich, dass der kleine Vogel auf dem Grund von Seen Winterschlaf hält. Doch er fliegt mit seinen gut 30 Zentimetern Spannweite alle sechs Monate um die halbe Welt. Geht alles gut, dauert ein Weg zwei Monate. Und dann? Wohin in Deutschland?

„Schwalben mögen die Nähe zum Menschen“, sagt Janke. Die Rauchschwalbe, rostrotes Gesicht, tief gegabelter Schwanz, glänzend blauschwarzer Rücken, am Bauch cremeweiß, fühle sich besonders wohl drinnen in Bauernhöfen, vor allem in Ställen. Die kleinere Mehlschwalbe mit schneeweißem Bauch und Federn bis zum Fuß, die etwas später zurückkehrt, ist eher in der Stadt statt auf dem Dorf zu Hause, unter Dachvorsprüngen und rauen Putz- oder Klinkerfassaden. Nur, sagt Janke: „Oft finden beide Arten keinen geeigneten Platz mehr zum Brüten“.

Er beobachtet das seit Jahren. „Das Verschwinden der klassischen Bauernhöfe auf dem Land macht den Rauchschwalben zu schaffen. Die Mehlschwalben kommen in den Städten nicht mit den glatt sanierten und modernen neuen Hausfassaden zurecht. Dazu kommt der Rückgang der Insekten“, sagt Janke. Er lebt in Süddeutschland, in der 2000-Einwohner-Gemeinde Finning unweit des Ammersees. Aber die Wohnungsnot der Schwalben ist kein lokales Problem – das gibt es bundesweit.

Der Naturschutzbund Nabu wirbt für die Unterstützung der Schwalben. Hausbesitzer:innen, Landwirt:innen, Firmen, Institutionen, Burgen, Schlösser – also alle, die Schwalben eine Möglichkeit zum Nisten geben, können sich unter www.nabu.de/schwalben um die Plakette „Schwalbenfreundliches Haus“ bewerben. „Dann wird sich jemand von uns melden“, sagt Julia Ehritt, beim Umweltverband für die Aktion verantwortlich.

Nicht dass es gar keine Ställe mehr gibt. Aber die modernen Ställe der Milchbetriebe sind aus Tierschutzgründen hell, hoch, offen, zugig. Was gut für Kühe und Rinder ist, eignet sich jedoch nicht für die Rauchschwalben. Die mögen es nicht zugig, an den glatten Wänden und den Stahlkonstruktionen haftet ihr Nistmaterial schlecht. Sie brauchen Mauerkanten, Vorsprünge, Absätze. Die Vögel sind auch nicht immer willkommen, vor allem die Mehlschwalben nicht in der Stadt. Sie machen Dreck. Den will aber niemand, weder an der Garage, dem Carport oder auf dem Balkon. Alles zusammen macht sich bemerkbar: Laut dem Naturschutzbund Nabu gibt es heute nur noch halb so viele Rauch- und Mehlschwalben wie vor 30 Jahren.

Klaus Janke, einst Wirtschaftsingenieur, will Abhilfe schaffen. Die 08/15-Nistkästen aus dem Baumarkt bringen ihn allerdings nicht weiter. Viele Modelle, die kleinen Fachwerkhäuser oder sehr bunten Kästen, seien vielleicht schön anzusehen, für Vögel aber nicht geeignet, klagt er. Sie seien zu auffällig für die Tiere, die sich gerne versteckten. Für Schwalben seien sie zumeist gar nichts. Denn die seien Gebäudebrüter, das Gros der Baumarktangebote aber für Höhlenbrüter wie Meisen gedacht.

Jankes Idee, die bundesweit Interesse weckt: Er ahmt die bevorzugten Plätze der Rauchschwalben, die dunklen Nischen in Ställen alten Schlags, so gut es geht nach – mit dem „Schwalbenwinkel“. So nennt er die schlichte Holzkonstruktion, die er selbst zusammenzimmert und beim Patentamt angemeldet hat. Sie hat die Form eines Würfels, dem zwei Seiten fehlen. Eine Ecke, ein Winkel entsteht, so dass die Schwalbe ihr Nest bauen kann. Er berät Menschen in der Landwirtschaft, Besitzer:innen von Reitställen, wo die Winkel am besten angebracht werden können – aus hygienischen Gründen nicht über den Futtertrögen, aber zum Beispiel in Gängen.

Und was machen die Menschen in der Stadt? „Mehlschwalben brüten am liebsten unter einem Dachüberstand, so dass sie vor Wetter und Sonne geschützt sind“, erklärt Janke. Da müsse auch keine neue Nisthilfe erfunden werden, da gebe es „gute“ etwa beim Nabu oder Landesbund für Vogelschutz, LBV. Der Vogelexperte weiter: „Am besten bringen Sie aber einen halben Meter unter einem Nest ein bis zu 30 Zentimeter breites Brettchen an. So lässt sich der Vogeldreck auffangen.“ Der sei bester Dünger für den Garten.

Bleibt noch eines: Da viele Einfahrten und Feldwege zubetoniert sind, gibt es weniger Pfützen als früher. Beide Schwalbenarten benötigen die aber. Sie holen daraus matschigen Lehm, mit dem sie ihre Nester bauen. Darum empfehlen Vogelschützer:innen auch, eine Pfütze anzulegen.

Janke hat Erfolg. Die Schwalben kommen immer wieder zurück. Sie legen mindestens zweimal im Jahr vier bis sechs Eier in die neuen Nester, brüten sie dann je zwei Wochen lang aus. Sind die Küken geschlüpft, sausen die Eltern hin und her, jagen Mücken und Insekten. Sie müssen für die Aufzucht von vier bis sechs Jungen laut Nabu 1,2 Kilogramm Insekten fangen. Das sind grob geschätzt 12 000 Insekten. Nach drei Wochen fliegen die Küken aus. Und spätestens im Oktober fliegen sie alle wieder gen Süden.

Klaus Janke.
Klaus Janke. © Franz Dilger
Der Schwalbenwinkel.
Der Schwalbenwinkel. © Detlef Fiebrandt

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