Rund 700 Gebäude wurden beschädigt, 80 stürzten komplett ein: Hoffnung auf weitere Überlebende gibt es kaum.
+
Rund 700 Gebäude wurden beschädigt, 80 stürzten komplett ein: Hoffnung auf weitere Überlebende gibt es kaum.

Erdbeben in der Türkei

Schutzlos ausgeliefert

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
    schließen

Nach einem Erdbeben in der Türkei mit Dutzenden Toten müssen viele Überlebende in Zelten oder im Freien schlafen. Bittere Kälte, Schnee und Hunderte Nachbeben setzen ihnen zu.

Nach dem schweren Erdbeben vom Freitagabend in der Osttürkei laufen erschütternde Bilder in Dauerschleife im türkischen Fernsehen: Katastrophenhelfer mit Hunden durchwühlen bei Minusgraden zusammengestürzte Häuser nach Überlebenden, Tausende Menschen übernachten bei bitterer Kälte, Regen und Schnee im Freien oder in Zelten. Die Hoffnung, noch Überlebende zu finden, sinkt stündlich.

Das Zentrum des Erdbebens der Stärke 6,8 traf die 4000-Einwohner-Stadt Sivrice in der Provinz Elazig etwa 550 Kilometer östlich der Hauptstadt Ankara gegen 21 Uhr Ortszeit. Am Sonntag erhöhte sich die Zahl der Todesopfer in Elazig und der Nachbarprovinz Malatya auf 35, mehr als 2000 Menschen wurden nach offiziellen Angaben verletzt, 13 davon lebensgefährlich.

Doch gelang es den rund 3400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Katastrophenschutzbehörde AFAD auch, bis Sonntagnachmittag 45 Verschüttete zu bergen. Bei diesem schwersten Erdbeben in der Türkei seit acht Jahren brachen rund 80 Häuser komplett zusammen, etwa 700 wurden beschädigt.

Laut Medienberichten trafen die Hilfsmannschaften schnell am Katastrophenort ein und leisteten effektive Hilfe. Die AFAD-Behörde gab an, dass die Rettungsarbeiten mit mehr als 3400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und 17 Spürhunden weiter fortsetzt würden. Bis Sonntagnachmittag erfolgten mehr als 700 Nachbeben. Viele Bewohner trauten sich noch nicht in ihre Häuser zurück.

Am Samstag flog Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in die Region und nahm an der Beerdigung zweier Opfer teil. Er versprach, beschädigte und zerstörte Häuser schnell wieder aufbauen zu lassen. Innenminister Süleyman Solu kündigte Soforthilfen für betroffene Familien an.

Rund 5000 Zelte seien in der Region aufgebaut, etwa 15 000 Menschen in Hallen und anderen öffentlichen Gebäuden untergebracht worden. Zahlreiche ausländische Staats- und Regierungschefs drückten der Türkei ihr Beileid aus. Bundeskanzlerin Angela Merkel übermittelte Erdogan ein Kondolenzschreiben.

Auch die Spendenbereitschaft der türkischen Bevölkerung ist enorm. Doch wurde auch wieder Kritik an der unzureichenden Vorbereitung vieler Regionen auf erwartbare Erdbeben und an mangelnder Bauqualität laut. Der nach Elazig gereiste Parlamentsabgeordnete Sezgin Tanrikulu von der oppositionellen CHP erklärte laut dem Internetnachrichtenportal Duvar, selbst neue öffentliche Bauten in Sivrice wie die Zentralmoschee seien betroffen.

Am Freitagabend hatte bereits der Chef des türkischen Roten Halbmonds erhebliche Empörung in den Sozialen Medien ausgelöst, als er die Bevölkerung auf Twitter aufforderte, an seine Organisation für die Erdbebenopfer zu spenden. Zahlreiche Menschen teilten daraufhin den Hashtag #DepremVergileriNereyeGitti: „Wohin ging die Erdbebensteuer“.

Diese Sondersteuer war eingeführt worden, nachdem ein Erdbeben der Stärke 7,4 im August 1999 die nordwestliche Provinz Izmit nahe Istanbul heimgesucht und rund 17 000 Menschen das Leben gekostet hatte. Der frühere türkische Finanzminister Mehmet Simsek hatte 2011 mit einer Erklärung dazu erheblichen Unmut erzeugt.

Umgerechnet rund sieben Milliarden Euro seien statt für die Erdbebenvorsorge und Opferentschädigung für Autobahnen, Bildung und Gesundheit ausgegeben worden. Inzwischen flossen weitere Milliarden aus der Steuer in den Staatshaushalt. Das exiltürkische Nachrichtenportal Ahvalnews zitierte den türkischen Geologieprofessor Naci Görür, laut dem die Regierung erst kürzlich die Finanzierung eines Forschungsprojekts für erdbebengefährdete ostanatolische Provinzen wie Elazig abgelehnt habe.

Auf die Kritik reagierte der Staat wie gewohnt empfindlich. Die Zeitung „Hürriyet“ meldete am Sonntag, dass zwei Twitter-User wegen kritischer Erdbeben-Posts festgenommen worden seien. Die staatliche Rundfunkregulierungsbehörde RTÜK habe eine Untersuchung über „provokante Nachrichten über das Erdbeben“ in den türkischen Medien eingeleitet.

Die Türkei hat eine lange Geschichte von starken Erdbeben, da sie auf den Verwerfungslinien großer Erdplatten liegt. 2011 starben bei einem Beben der Stärke 7,1 in der ostanatolischen Stadt Van mehr als 600 Menschen. Ein Erdbeben im Marmamarameer jagte im vergangenen September vielen Menschen in der 16-Millionenmetropole Istanbul einen gewaltigen Schrecken ein. Tote gab es nicht, doch warnten Expertinnen und Experten vor einer kommenden Katastrophe, die zu Zehntausenden Opfern in der Megacity führen könne.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare