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Kardinal George Pell leitet das vatikanische Wirtschaftssekretariat und gilt damit inoffiziell als "Nummer Drei" im Vatikan.

Missbrauch in der Kirche

Schuld und Schweigen

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Kardinal George Pell ist des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen abgeklagt. Die Geschworenen haben ein Urteil gefällt - doch australische Medien dürfen nicht darüber berichten.

Noch ist er auf freiem Fuß – allerdings nur auf Kaution. Erst am 4. Februar soll sich entscheiden, ob Kardinal George Pell hinter Gitter muss.

Ihr Urteil haben die Geschworenen indes schon am Dienstag gefällt, wie am Wochenende bekannt wurde: Der ranghöchste Geistliche der katholischen Kirche, der sich bislang vor einem weltlichen Gericht wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen verantworten musste, ist demnach schuldig in fünf Anklagepunkten, die sich auf Vorfälle in den 1990ern beziehen.

Stunden nach dem Urteilsspruch ließ Papst Franziskus verkünden, dass er den 77-Jährigen mit zwei weiteren Kardinälen – darunter der frühere Erzbischof von Santiago de Chile, der in den chilenischen Missbrauchsskandal verwickelt sein soll – aus seinem engsten Beraterkreis entlässt. Offiziell wegen fortgeschrittenen Alters, jedoch habe man „größten Respekt vor den australischen Gerichten“, sagte Vatikansprecher Greg Burke im Zusammenhang mit Pells Verfahren.

Kraft richterlich verfügter „Suppression Order“ wurde in Australien eine Nachrichtensperre verhängt, um die Geschworenen in einem im März 2019 bevorstehenden zweiten Prozess gegen Pell vor Beeinflussung zu schützen. Australische Medien sprechen von „Zensur“, auch „Reporter ohne Grenzen“ haben kritisiert, dass sich australische Journalisten strafbar machen, wenn sie trotz Sperre berichten.

Medien außerhalb Australiens, selbst kirchliche, wie das von der Deutschen Bischofskonferenz geförderte Nachrichtenportal katholisch.de, glauben offenkundig nicht daran, dass ihre Berichterstattung die australischen Geschworenen beeinflusst – oder fühlen sich im Ausland umso mehr verpflichtet, über die Causa Pell zu berichten.

Fälle aus den 1970ern im zweiten Verfahren gegen Kardinal Pell

Demnach handele es sich bei den fünf Anklagepunkten, in denen der Kardinal schuldig gesprochen wurde, in vier Fällen um „obszöne Handlungen in der Öffentlichkeit“, einmal um „Gewalt“ gegen einen Minderjährigen während der Zeit, in der Pell Erzbischof von Melbourne war (1996-2001), wie das italienische Portal „Vatican Insider“ unter Berufung auf „Quellen aus Melbourne“ berichtet. Unter anderem soll er in den 1990er Jahren jugendliche Chorknaben zum Oralsex gezwungen haben – in der Kathedrale von Melbourne.

In dem zweiten Verfahren geht es um Fälle., die in den 1970er Jahren passiert sein sollen. Als damaliger Priester im Bistum Ballarat soll Pell mehrere männliche Jugendliche in einem Schwimmbad sexuell belästigt haben. Aufgrund der unterschiedlichen Zeiträume, auf die sich die Anklagen beziehen, hat Richterin Sue Pullen zwei getrennte Verfahren veranlasst.

Pell streitet jegliche Vergehen ab, gegen den aktuellen Schuldspruch in den Fällen der 1990er Jahre können seine Anwälte erst Berufung einlegen, wenn das Geschworenengericht am 4. Februar das Strafmaß verkündet hat. In Australien sind die Strafen bei sexuellen Vergehen an Minderjährigen hoch, Haftstrafen von 25 Jahren sind möglich.

Derweil ist Pell nach wie vor Leiter des vatikanischen Wirtschaftssekretariats und gilt damit inoffiziell als „Nummer Drei“ im Vatikan. In dieser Funktion hatte Papst Franziskus seinen langjährigen Vertrauten im Juni 2017 lediglich beurlaubt, damit Pell „seinen Namen rein waschen“ könne, hieß es damals.

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