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Zwei Monate lang durfte Dogan Akhanli Madrid nicht verlassen.

Dogan Akhanli

"Schreiben normalisiert mein Leben"

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Autor Dogan Akhanli spricht im Interview über die Funktion der Hoffnung, persönliche Solidarität und eine kleine Rache

Der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli wurde am Morgen des 19. August in seinem Hotel in Granada festgenommen, auf Ersuchen türkischer Behörden, die ihn einen Mord im Jahr 1989 anhängen wollen, den er nie begangen hat. Seitdem sitzt er in Spanien fest. An diesem Freitag beschloss die spanische Regierung, ihn nicht an die Türkei auszuliefern. Am Abend vor dieser Entscheidung erzählt er von seinen spanischen Erfahrungen.

Ich halte Sie von der Arbeit ab.
Nein, ich war für heute schon fertig. Ich schreibe ein Buch über meine Verhaftung und über meine politische Biografie.

Wie kam es zu dem Auftrag?
Weil mein Name so bekannt geworden ist, hat mir der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch diesen Vorschlag gemacht. Ich wollte im Grunde so ein Buch schon nach meiner viermonatigen türkischen Gefangenschaft 2010 schreiben. Aber ich war dazu nicht in der Lage. Jene Reise verlief so kafkaesk. Ich wurde festgenommen. Das Schlimmste war damals – deshalb konnte ich das Buch nicht schreiben – dass mein Vater starb, während ich im Gefängnis saß. Ich bekam den Tod meines Vaters nicht aus meinem Hinterkopf.

Jetzt haben Sie auf einmal hier in Madrid die Gelegenheit, ein Buch zu schreiben, das Sie immer schreiben wollten.
Schreiben ist das beste Mittel in einer schwierigen Situation, der beste Ausweg. Durch das Schreiben kann ich mein Leben normalisieren. Dabei kann ich ausblenden, dass ich in Spanien eigentlich kein freier Mensch bin. Die erste Woche hier war eine Katastrophe. Zum Glück habe ich anfangs nicht ernsthaft gedacht, dass sie mich ausliefern können. Aber irgendwann wurde mir klar: Im Grunde, wenn sie wollen, können Sie auch (lacht auf). Und diese Realität zu akzeptieren, das war ein schwerer Schlag. Deshalb bin ich, glaube ich, krank geworden. Mein Körper und die Seele randalierten. Aber als mich dann eine Woche später meine Freundin besuchte, und dann kamen auch meine beiden Kinder, konnte ich wieder beginnen, richtig zu essen. Und die innerliche Freude, die ich in der ersten Woche verloren hatte, kam wieder zurück, die Lebensfreude.

Das Schreiben wurde zur Therapie.
Eine Therapie brauchte ich nicht. Ich habe viele Therapien gemacht. Diesmal war es eine kleine Rache. Ein Racheakt gegen die Verfolgung. Damit sie sehen, dass sie mich nie zum Schweigen bringen können.

Ist es auch eine Rache an Spanien? Spanien hat Sie nicht gut behandelt.
(Lachend) Nein, irgendwie ist dieses Gefühl nicht entstanden, sogar im Gegenteil. Interessanterweise. Ich habe eine immer engere Beziehung zu diesem Land bekommen. Je mehr Kontakt ich mit den Menschen habe und sie beobachte, eine umso stärkere Verbindung entwickelt sich. Außer für Deutschland kenne ich so ein Gefühl nicht.

Obwohl Sie kein Spanisch sprechen.
Die Spanier haben, so ähnlich wie die Türken, keine Neigung, Sprachen zu lernen (lacht). Da war eine super Voraussetzung für mich, dass ich irgendwie mit ein paar Brocken Spanisch oder durch Pantomime mit den Leuten kommunizieren konnte. Ich habe im Alltag nie Schwierigkeiten gehabt. Dieser Umgang, dass ich mit ein paar Wörtern klarkommen kann, das hat mir gut gefallen.

Angefangen hat diese Geschichte an einem Samstagmorgen in Granada. Mit ihrer Festnahme.
Das war eine schreckliche Erfahrung. Obwohl da keine Drohung von Gewalt war. Aber sie haben mich eingesperrt, und ich kann keine Zellen mehr ertragen! Dort war mir ständig übel. Und dieses Übelgefühl hat natürlich mit meiner Vergangenheit zu tun. Auch das Zeitgefühl kam wieder durcheinander. Die Nacht, bevor ich zum Nationalen Gerichtshof nach Madrid gebracht wurde, war eine der interessantesten Nächte, die ich je erlebt habe. Diese Zeitverschiebung und Zeitkrümmung waren enorm. Nach meiner Ansicht habe ich in Granada keine Sekunde geschlafen. Ich habe die Augen zugemacht, aber ich habe den Raum, alle Stimmen, wahrgenommen, glaubte ich. Und dann kommen plötzlich zwei Polizeibeamte, bringen mich runter, und wir fahren los. Ich dachte: Ogott, ich habe die ganze Nacht vor mir. Das war wirklich eine Horrorvorstellung. Und dann plötzlich, während wir auf dem Weg nach Madrid sind, erhellt sich die Dunkelheit. (lacht) Die Sonne kommt.

Das heißt, Sie hatten vor Ihrer Überführung geschlafen.
(Verwundert) Ja, ich muss irgendwie geschlafen haben. Das ist die logische Erklärung (lacht). Ich habe mich nie so gefreut: Diese Nacht ist plötzlich von der Sonne geschluckt. Ich habe erstmal nicht geglaubt, dass die Sonne da ist. Ich dachte, ich träume wieder. In der Zelle flüchtet man in Träume. Und irgendwann sind diese Träume so real wie eine zweite Welt. Eigentlich ein sehr nützlicher Mechanismus, in einer langen Gefangenschaft, um mit diesem unerträglichen Ort umzugehen. Durch deinen Traum verschwindet dieser Ort. In der Türkei habe ich das bewusst gemacht: Ich bin durch Träume aus der Zelle weggegangen. Ich konnte damals auch nicht schlafen. Ich habe so lang gelesen in den Nächten, dass mir schwindelig war – trotzdem konnte ich nicht einschlafen.

Das Erwachen in Madrid war ein glückliches. Ihr Anwalt aus Deutschland war schon da.
Das war eine unheimlich schöne Nachricht. Man unterschätzt manchmal das Wort Hoffnung. Die Funktion der Hoffnung. Diese Nachricht, die ich schon in Granada bekam, dass mein Kölner Anwalt unterwegs ist ... Zuerst dachte ich: Die Lage ist ernst. Und dann: Ich bin schon gerettet.

Außerdem wussten Sie, dass sich die deutsche Regierung sofort für Sie eingesetzt hat.
Das war so überraschend! Ich habe, noch in Granada, meine Freundin angerufen, mit Erlaubnis der Polizeibeamten. Und sie sagte mir: Die ganze Presse hat schon berichtet. Ganz Deutschland ist hinter dir! So hat sie sich ausgedrückt. Überraschend war vor allem, wie schnell das alles ging. Später habe ich erfahren, dass mein Anwalt um 11 Uhr die Presse und das Auswärtige Amt alarmiert hat. Und um 13 Uhr hat die Presse schon begonnen zu berichten. Und am Abend, habe ich später gehört, war ich die erste Nachricht in der Tagesschau.

Sie haben viel Solidarität aus Deutschland erfahren.
Schon 2010 war die Solidarität ziemlich groß, insbesondere in Köln. Die Solidarität hat mich damals gerettet. Für mich war bis 2010 Solidarität nur eine politische Haltung. Aber damals habe ich die persönliche Solidarität erfahren. Ich habe erfahren, wie wichtig für einen Gefangenen ein Brief ist. Und so habe ich nach dem Putschversuch im vergangenen Jahr begonnen, regelmäßig Briefe an die Gefangenen in der Türkei zu schicken. Obwohl ich weiß, dass sie die Briefe nicht erreichen. Deniz Yücel zum Beispiel bekommt die Briefe nur durch seinen Anwalt. Jetzt schreibe ich den Anwälten, und sie bringen sie ihm und lesen sie ihm vor. Ich schicke die Briefe trotzdem auch an die Gefängnisse, weil so auch die Beamten sehen, dass die Gefangenen nicht vergessen sind. Im Gefängnis herrscht Einsamkeit. Ein Brief, eine Karte, ein Grußwort können einem Gefangenen sehr viel helfen. Sie tragen die Außenwelt ins Gefängnis.

In Madrid haben Sie ganz praktische Solidarität erlebt.
Das war auch außergewöhnlich. Dass innerhalb einer Woche so viele Wohnungsangebote für Madrid kamen, vielleicht 30, das war unglaublich. Sie haben aus der Presse erfahren, dass ich in einer Wohnnotsituation bin, und sie haben sich die Mühe gegeben, meine E-Mail-Adresse herauszufinden. Am Ende kam ein Angebot vom Goethe-Institut. Ich lebe jetzt in dessen Gästezimmer. Für einen Schriftsteller ist das wie ein Stipendium: dass man in Ruhe schreiben kann. Und dort habe ich geschrieben.

Ihre Zeit in Madrid wird bald zu Ende sein.
Wahrscheinlich kehre ich nächste Woche nach Deutschland zurück. Die spanische Regierung hat vor kurzem über Hamza Yalcin [einen schwedischen Journalisten türkischer Herkunft, der ähnlich wie Akhanli schon am 3. August in Spanien festgesetzt wurde und acht Wochen im Gefängnis saß] eine politische Entscheidung getroffen: Sie hat entschieden, dass es über ihn keine Gerichtsverhandlung geben wird. Dann werden sie auch in meinem Fall kein Verfahren zulassen. Sie werden den Auslieferungsantrag der Türkei direkt ablehnen. Jede andere Entscheidung wäre ein Skandal. Ich habe für Mittwochabend ein Flugticket gebucht.

Zurück nach Köln.
Das türkische Wort für Dorf ist köy. Manchmal verwechsele ich die beiden Wörter. Köln ist für mich mein Heimatdorf geworden.

Aber sie haben in diesen zwei Monaten auch Zuneigung zu Madrid enwickelt.
Ich stelle mir vor, dass ich in den nächsten Jahren ziemlich engen Kontakt haben werde. Ich habe dieses Land gemocht. Ich werde freiwillig wiederkommen. Nach Madrid, und danach nach Barcelona – vielleicht um Katalonien zu verstehen. Auch vom Baskenland oder all den anderen Gebieten habe ich keine Ahnung. Ich könnte mir sogar vorstellen, hier zu leben. Wenn ich dazu finanziell in der Lage wäre.

Auf einer Podiumsdiskussion im Goethe-Institut Ende September haben Sie gesagt – lachend haben Sie das gesagt: Ach ich habe ja vielleicht Glück gehabt, dass ich hier festgenommen und festgehalten wurde. Denn damit hätten Sie Erfahrungen gemacht, die sonst nicht gemacht hätten.
Ja. Eigentlich ist das ein Witz. Aus einer schlecht begonnenen Geschichte ist eine gute Geschichte geworden.

Jetzt müssen Sie nur noch Ihr Buch zu Ende schreiben ...
Bis zu meiner Abreise soll es fertig sein.

... und dann kehren Sie als neuer Mann nach Köln zurück. Sie sind jetzt plötzlich bekannt.
Ja genau! Manchmal denke ich, dass ich 60 Jahre alt bin, ist ein Glück. Bekanntheit kann den Menschen auch irreführen. Sogar die Beziehungen ändern sich. 2010 hatte ich eine gewisse lokale Bekanntheit in Köln, das hat meine Beziehungen verändert. Du kannst den Alltag nicht wie früher leben. Bekanntheit bedeutet ja nicht, dass man viel Geld hat. 2010 war ich bekannt, aber ich war in einer ziemlich schwierigen Lage. Ich war ein armer Schriftsteller. Früher konnte ich jeden Job annehmen, und jetzt nicht mehr, weil die Leute das komisch fanden. Ich durfte noch nicht mal als Kellner arbeiten!

Jetzt umso weniger.
Ich werde natürlich versuchen, mich so schnell wie möglich wieder an den Alltag zu gewöhnen. Um weiter zu schreiben.

Sind Sie dem türkischen Regime manchmal dankbar, dass es Sie hier in Madrid festhalten ließ?
(überlegt) Nein.

24 Stunden später: Der spanische Ministerrat beschließt, dass Dogan Akhanli nach knapp zwei Monaten in Spanien das Land wieder als freier Mann verlassen darf. Die FR erreicht den Schriftsteller am Freitagnachmittag auf seinem Handy.

Wie fühlen Sie sich jetzt?
Ich bin sehr froh, dass dieses Auslieferungstheater endlich beendet ist. Es ist auch ein richtiges politisches Signal an das türkische Regime.

Sie haben Ihr Rückflugticket für Mittwoch ...
Ich habe diese Entscheidung des Ministerrates ja erwartet. Alles andere wäre nicht zu erklären gewesen. Aber ich freue mich sehr, dass ich jetzt wieder nach Hause darf.

Interview: Martin Dahms

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