"Ich bin den Baum des Wissens nie heraufgeklettert", sagte Kamprad einmal. Seinem Erfolg hat das keinen Abbruch getan.
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"Ich bin den Baum des Wissens nie heraufgeklettert", sagte Kamprad einmal. Seinem Erfolg hat das keinen Abbruch getan.

Ingvar Kamprad

"Er war ein schrecklich intensiver Mensch"

  • vonFrederik Bombosch
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Ikea-Gründer Ingvar Kamprad ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Mit ihm geht ein Mythos - und ein umstrittener Geschäftsmann.

Es war Anfang der 60er Jahre – so jedenfalls erinnerte sich Ingvar Kamprad etliche Jahrzehnte später. Einige Jahre betrieb er da schon sein erstes eigenes Möbelhaus, das seine Initialen im Namen trug: Ikea, die letzten beiden Buchstaben stehen für den Hof seiner Eltern (Elmtaryd) und das nächstgelegene Dorf (Agunnaryd). Seine Geschäfte liefen gut, viel besser als in der tiefsten Provinz zu erwarten war. Kamprad war nicht in eine der seinerzeit blühenden schwedischen Industriestädte gegangen, als er 1958 den Grundstein legte für das, was später eines der größten Unternehmen der Welt werden sollte. Er blieb da, wo er sich auskannte: in Älmhult, 25 Kilometer von Agunnaryd entfernt.

Eine eigensinnige Entscheidung – Rat von außen war ihm trotzdem wichtig. Also engagierte Kamprad einen Unternehmensberater. Der Mann reiste an, schaute sich um und kam am ersten Abend zum Gründer und Geschäftsführer. Er wolle den Auftrag zurückgeben, habe der Berater gesagt. Warum, wollte Kamprad wissen. „Ich hätte dir mit aller Kraft davon abgeraten, dieses Geschäft zu eröffnen“, soll der Berater daraufhin gesagt haben. „Aber ich sehe, dass es funktioniert. Ich kann dir keinen Rat geben.“ Es ist nicht überliefert, wer der Mann war und auch nicht, ob er sich später gegrämt hat, dass ihm an diesem Tag kein klügerer Kommentar einfiel zu dem, was er einige Stunden lang studiert hatte: die Revolution des globalen Möbelhandels.

Ikea machte den Möbelkauf zum Erlebnis

Ohne größeres Aufheben hatte Kamprad sämtliche Grundsätze seiner Branche für nichtig erklärt. Nicht nur, dass er Möbelproduzent und -händler in einem war. Er veränderte tiefgreifend den Charakter des Produkts. Das Sofa, das Regal, der Tisch waren bei Ikea keine Anschaffungen fürs Leben mehr, als Einzelstücke oder in Kleinserie gefertigt. Sie wurden zu Massenware, unschlagbar günstig, umstandslos austauschbar durch den Kunden, der ebenfalls eine vollkommen neue Rolle bekam. Er nahm sein Möbel als unhandliches Paket entgegen, brachte es im eigenen Auto nach Hause – es waren die Jahre der beginnenden Massenmotorisierung, als in Schweden Monat für Monat Tausende neue Volvos und Saabs auf die Straßen rollten – und übernahm dort die Endfertigung. Je nach Geschicklichkeit und Qualität der Gebrauchsanweisung fühlte er sich anschließend wie ein genialer Tischler oder wie ein vollkommener Tölpel – dann tröstete ihn zumindest der niedrige Preis. Ikea machte den Möbelkauf zum Erlebnis, im Guten wie im Schlechten. 

Kamprads Konkurrenten neideten ihm nicht bloß den Erfolg, sie hassten ihn. Auf vielen Möbelmessen hatte der Revolutionär aus Älmhult in den 60er-Jahren Hausverbot. Beirren ließ er sich dennoch nicht. Ingvar Kamprad expandierte – mit eigenen Geldern. Aus heutiger Sicht, wo Kapital im Überfluss bereitsteht und Investoren nichts dabei finden, Millionen in erfolglosen Gründungen zu verbrennen, wirkt seine Strategie antiquiert: Wenn genug Geld beisammen war, eröffnete Kamprad ein neues Möbelhaus. Nach fünf Jahren eröffnete er eine Filiale in der norwegischen Hauptstadt Oslo. Erst zwei Jahre später folgte das erste Ikea-Möbelhaus in Stockholm – es habe einige Zeit gedauert, den Grundstückspreis auf ein angemessenes Niveau zu drücken, dass zu den Preisen seiner Produkte passe, berichtete er seinerzeit im Radio.

Vielleicht hätte Ingvar Kamprad einen aggressiveren Kurs verfolgt, wenn er damals schon geahnt hätte, dass eines Tages Ikea-Märkte in Riad, Moskau und Djakarta eröffnen würden, dass sein Unternehmen nicht nur die schwedischen Hackbällchen (Köttbullar, gesprochen übrigens „schöttbullar“) in der Welt verbreiten, sondern die globale Wohnkultur verändern würde. Doch er blieb bei seinem Tempo. Vielleicht, weil er sich so gerne einmischte. „Er war ein schrecklich intensiver Mensch“, erinnerte sich am Sonntag sein langjähriger Wegbegleiter Lennart Dahlgren im Schwedischen Rundfunk. „Er konnte stundenlang über Details diskutieren, wie zum Beispiel die Geländer in einem neuen Möbelhaus aussehen sollten.“ Anfang der 70er Jahre reiste er – damals schon Multimillionär – persönlich mit dem Auto durch Deutschland und redete fröhlich auf Bürgermeister und Lokalpolitiker ein, damit sie ihm Grundstücke verkauften. 1974 eröffnete Ikea in München seine erste deutsche Filiale. Die globale Expansion hatte begonnen.

Doch Kamprad machte sich nicht nur Gedanken über Geländer in seinen Märkten und Designdetails seiner Produkte, über die er ebenfalls mit Hingabe referierte. Er erschuf auch den Mythos zu seinem globalen Unternehmen – und personifizierte ihn höchstselbst. Småland ist historisch eine der ärmsten Provinzen Schwedens. Viel Nadelwald, dazwischen kleine Äcker auf kargen Böden. Wer hier früher was werden wollte, musste sich etwas einfallen lassen. Kamprad erzählte, schon als Kind hätte er die ersten Geschäfte gemacht. „Mein Vater gab mir Streichholzpäckchen, als ich 5 oder 6 war“, erzählte er. „Ich verkaufte die Streichhölzer einzeln weiter und war stolz, dass ich so ein paar Öre Gewinn machte.“

Anekdoten wie diese gab Ingvar Kamprad gerne preis. Andere Details seiner Biografie kaschierte er. So waren seine Eltern nicht einfach Bauern, wie er mitunter berichtete. Ihnen gehörte ein größeres Gut mit zahlreichen Angestellten. Als der junge Ingvar mit 17 sein erstes Geschäft in einem Keller eröffnete, war er finanziell einigermaßen abgesichert. Gegen Widerstände musste er trotzdem kämpfen, unter anderem seine Dyslexie, die ein Studium zu jener Zeit unmöglich machte. „Ich bin den Baum des Wissens nie heraufgeklettert“, so umschrieb es Kamprad. Doch es schadete ihm nicht, dass er keine der großen Handelshochschulen Schwedens besuchen konnte.

Er verstand es, seine Defizite zu kompensieren – und für seine Zwecke zu nutzen. Kamprad kultivierte das Image eines bodenständigen, bauernschlauen Geizhalses. Den Reporter einer großen schwedischen Zeitung beeindruckte er in den 80er Jahren, als er nach einem Interview zusammen mit ihm in den Bus stieg, um zum Flughafen zu fahren. „Warum soll ich ein Taxi nehmen, wenn hier vor der Tür ein Bus fährt“, fragte Kamprad. „Ich muss doch ein Vorbild sein für meine Mitarbeiter.“

Mit seinen kauzigen Einlassungen schaffte er es lange Zeit, davon abzulenken, dass Ikea sich perfekt an die globale Finanzökonomie anpasste. Schon in den 80er Jahren schuf Kamprad ein Netzwerk von Stiftungen. Der Konzern verließ zumindest steuerrechtlich sein Ursprungsland, Hauptsitz sind heute die Niederlande, Besitzer ist eine von Kamprad kontrollierte Stiftung in Liechtenstein. Auch er selbst verließ Schweden und siedelte mit seiner Familie in die Schweiz über, wo sein Privatvermögen sehr viel moderater besteuert wurde.

Es ist paradox, dass ihm in seinem Heimatland, wo Steuerhinterziehung als Hochverrat gewertet wird, niemand diese Manöver richtig krumm nahm. Das mag daran liegen, dass das kleine Schweden Ikea so unendlich viel zu verdanken hat. Das Logo des Konzerns trägt die Nationalfarben, und obwohl Kamprad zumindest als junger Mann politisch am äußersten rechten Rand stand – bis 1950 gehörte er der Nazipartei Nysvenska Rörelsen an – transportierte er mit Ikea die Ideale der schwedischen Sozialdemokratie in die Welt. Schon in ihren frühen Jahren legte sie größten Wert darauf, dass Arbeiter im Sozialstaat nicht nur versorgt werden, sondern kulturell gebildet – und dass sich das auch darin niederschlagen sollte, wie sie leben. Gutes Design dürfe kein Privileg der Reichen sein, lautete das Mantra. Ingvar Kamprad und Ikea setzten es nicht nur um. Der egalitäre Ansatz des Unternehmens wurde zu einem Synonym für Schweden – und ist in vielen Teilen der Erde wohl bekannter als das Land selbst.

Worauf er stolz sei, wurde Kamprad kurz vor seinem 90. Geburtstag im vorletzten Jahr gefragt. „Dass ich so viele Menschen gefunden habe, mit denen ich gut zusammenarbeiten konnte“, antwortete er. „Inzwischen sind es 150 000.“ Sie müssen nun ohne ihn weitermachen. Am Samstagabend ist Ingvar Kamprad im Alter von 91 Jahren nach kurzer Krankheit verstorben. In der Nähe von Älmhult, dort, wo alles begann.

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