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Die „Mütter des Platzes der Mairevolution“ halten 1982 Bilder ihrer vermissten Töchter und Söhne hoch.
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Die „Mütter des Platzes der Mairevolution“ halten 1982 Bilder ihrer vermissten Töchter und Söhne hoch.

Putsch in Argentinien

Schreckensherrscher mit Rosenkranz

  • Wolfgang Kunath
    VonWolfgang Kunath
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Morgen jährt sich der argentinische Militärputsch zum 40. Mal. 30 000 Menschen kamen „im Dienste des Kreuzes“ ums Leben. Dabei waren damals große Teile der Bevölkerung für den Sturz der Regierung durch das Militär.

Hören Sie doch auf zu beten!“, herrschte Elena Alfaro den Angeklagten an, als die Kamera zeigte, wie er einen Rosenkranz durch die Finger gleiten ließ. Das war 2011, als die in Frankreich lebende Elena Alfaro per Videokonferenz im Prozess gegen den früheren Major Pedro Durán Sáenz aussagte, zehn Stunden lang. Durán starb kurz darauf, noch während des Prozesses. Der Major war während der argentinischen Militärdiktatur der Chef von „El Vesubio“, einem der rund 340 Folter-Zentren, die die Uniformierten im ganzen Land einrichteten. Und Elena Alfaro war eines seiner vielen Opfer.

Dass der Foltermeister den Rosenkranz in Händen hielt, war keine persönliche Marotte. Die Generäle, die vor 40 Jahren in Argentinien die Macht ergriffen und eine der grauenerregendsten Schreckensherrschaften der jüngeren Geschichte ins Werk setzten, sahen sich, so unglaublich das heute klingt, tatsächlich in der Pflicht, das christliche Abendland gegen all das zu verteidigen, was sie als dessen Feinde ansahen.

In ihrer ersten Verlautbarung forderten sie die Unterstützung der Bevölkerung für ihren Putsch ein, der ausdrücklich „mit Gottes Hilfe“ die Würde des Vaterlandes wiederherstellen sollte. Mit den Marterwerkzeugen im Dienste des Kreuzes: So brachten sie – die genauen Zahlen wird man wohl nie wissen – an die 30 000 Menschen um.

„Gnädige Frau, die Streitkräfte haben entschieden, die politische Kontrolle des Landes zu übernehmen, hiermit sind Sie festgenommen“ – mit diesen Worten teilte General José Rogelio Villareal der argentinischen Präsidentin María Estela Martínez de Perón mit, dass sie abgesetzt sei. „Sie werden wissen, was Sie tun“, soll die Staatschefin geantwortet haben. Und bevor um 0.49 Uhr am 24. März 1976 der Hubschrauber von der Terrasse der Casa Rosada, dem Amtssitz des Staatschefs, startete, sorgte sie sich darum, dass sie warm genug angezogen sei für ihr Luxus-Gefängnis, ein Regierungsschlösschen im kühlen Nord-Patagonien.

Die gelernte Tänzerin mit dem Künstlernamen Isabel – das Diminutiv „Isabelita“ sollte den Bogen zu „Evita“ schlagen, der bis heute wie eine Heilige verehrten zweiten Frau von General Juan Domingo Perón –, war zweifellos erleichtert, dass sie, die unendlich Überforderte, endlich aufgeben konnte. Perón, dessen zehn Amtsjahre von 1946 bis 1955 vielen Argentiniern als goldene Ära in Erinnerung hatten, kam 1973 aus dem Exil in ein chaotisches, polarisiertes Argentinien zurück. Mit seiner dritten Ehefrau als Vize gewann er 1974 die Wahl, starb aber kurz darauf.

Isabel Perón war zwar verfassungsgemäß im Amt. Aber gemäß der Verfassung regierte sie schon lange nicht mehr, als sie geschasst wurde. Die graue Eminenz war Peróns früherer Privatsekretär José López Rega, den die Gegner als „der Hexer“ bezeichneten. Er organisierte die rechtsextreme parastaatliche Terrortruppe „Triple A“, die bereits vor 1976 gegen alles vorging, was als subversiv ins Fadenkreuz zu nehmen war. Schon in den Isabelita-Jahren, so stellte eine Kommission zur Untersuchung der Diktatur-Verbrechen in den 80ern fest, verschwanden über 600 Menschen.

Zustimmung der Bischöfe

Auf der anderen Seite radikalisierten sich die „Montoneros“ genannten Links-Peronisten und andere militante Gruppen. Hinzu kam eine schwere Wirtschaftskrise, die den traditionell starken Mittelstand an den Rand des Abgrunds drängte. Vor diesem Hintergrund trafen die Putschisten auf eine Meinungslage, von der Argentinien bis heute nicht so viel wissen will: Die Zustimmung zum Putsch reichte weit – sehr weit. Obwohl bereits in den Morgenstunden des 24. März Jagd gemacht wurde auf potenzielle Gegner des neuen Regimes, obwohl das Foltern, das Morden, das Verschwindenlassen sofort begann, war die argentinische Gesellschaft im Großen und Ganzen erstmal einverstanden mit den Putschisten und ihrem Gelöbnis, das Land wieder aufs rechte Geleis zu setzen.

Prominente Wirtschaftsführer hatten General Jorge Rafael Videla, der dann Präsident und Chef der ersten Junta wurde, schon 1975 kontaktiert, um die „Wiederherstellung der Ordnung“ zu erbitten. Die katholischen Bischöfe signalisierten ebenfalls, dass sie mit dem Putsch einverstanden seien, die Presse stimmte weitgehend zu, und sogar die politischen Parteien ließen sich meist bedenkenlos auf die Zusammenarbeit mit den Militärs ein. „Das Establishment, das Land, große Teile der Mittelschicht, ich würde sogar sagen, auch der Arbeiterklasse waren für den Putsch“, fasste der argentinische Schriftsteller Andrea Graham-Yooll die Stimmung damals zusammen.

Zumal der große Bruder in Washington bereit war, beide Augen zuzudrücken. Robert Hill, US-Botschafter in Buenos Aires, äußerte sich geradezu empört darüber, dass Washington den Generälen einen Freibrief ausgestellt habe, um ihre Gegner mit Terror zu überziehen – Admiral César Augusto Guzzetti sei nach einer Unterredung mit US-Außenminister Henry Kissinger „in jubilierendem Zustand“ zurückgeflogen. Das war im Juni 1976, als längst bekannt war, dass die Generäle ihre Ordnung mit Folter und Mord herzustellen versuchten.

Hakenkreuze an den Wänden

Elena Alfaro wurde am 19. April 1977 zum „Ziel“, wie die Technokraten des Terrors ihre Opfer nannten. Um 23 Uhr holten acht schwer bewaffnete Zivilisten die damals 25-jährige Anästhesie-Krankenschwester aus ihrer Wohnung im Viertel Boedo von Buenos Aires und schafften sie nach „El Vesubio“, einer weißen Villa im Kolonialstil mit Pool im Park. „Krankenstation“, so nannten die Schergen das Folterzentrum, dessen Wände mit Hakenkreuzen und der Parole „Viva Hitler“ versehen waren.

Mit verbundenen Augen befiehlt man ihr, mit aller Kraft loszurennen; die Herren amüsieren sich, als sie mit aller Wucht gegen die Wand läuft. Danach hört sie die Schmerzensschreie eines Gefolterten. Das Opfer ist Luis Alberto Fabbri. Ihr Freund, von dem sie im zweiten Monat schwanger ist. Die Lebensgefährten als Leidensgefährten: Sie werden aneinander gekettet, und ihre Peiniger höhnen, sie sollen doch Amnesty International zu Hilfe rufen.

Als Elena Alfaro im vierten Monat schwanger ist, wird sie von Major Durán Sáenz, dem Mann mit dem Rosenkranz, vergewaltigt, und nicht nur von ihm. Kurz vor der Niederkunft wird ihr ein Tauschgeschäft vorgeschlagen: Freiheit gegen Schweigen. Sie akzeptiert, bringt ihren Sohn Luis Felipe zur Welt und erhält in der Freiheit immer wieder Besuch von Major Durán Sáenz. Erst im Falklandkrieg 1982, der das Ende der Diktatur besiegelt, gelingt ihr die Flucht ins Exil nach Paris.

„Sie hat mich umarmt und versucht, mir Mut zu machen“, sagte Elena Alfaro 2011 in einem Telefoninterview mit dieser Zeitung schluchzend – sie, das war Elisabeth Käsemann, die zusammen mit Fabbri und 14 anderen Insassen am 23. Mai 1977 aus „El Vesubio“ abtransportiert wurden. Einige Tage später ließen die Behörden verlauten, 16 „subversive Elemente“ seien bei einer Konfrontation mit den Sicherheitskräften erschossen worden.

Die Militärs machten ungeniert Jagd auch auf Ausländer, sofern sie sie als subversiv brandmarkten. Während andere westliche Regierungen sich erfolgreich für ihre Bürger einsetzten und sie zum Teil freikauften, blieben das Auswärtige Amt und generell die Bundesregierung beschämend untätig. „Aber Herr Käsemann, was sollen wir denn machen“, sagte man im Auswärtigen Amt seinem Vater, erinnert sich Elisabeths Bruder Ulrich Käsemann. Was den Vater zu dem bitteren Schluss brachte, die deutschen Wirtschaftsinteressen stünden höher als der Schutz deutscher Bürger: „Ein verkaufter Mercedes wiegt zweifellos mehr als ein Leben“.

Gewalt und Dummheit

„Sie war erschossen und verscharrt worden, und zwar nicht ganz so ohne Gründe“, sagte der damalige Bonner Botschafter Jörg Kastl Jahrzehnte später, „weil sie, wie gesagt, mit recht explosiven Gedanken nach Argentinien gekommen war“. Was heißt schon explosiv – sie litt mit den Opfern mit, und ihr explosivstes Tun bestand offenbar in der Fabrizierung gefälschter Pässe, mit denen sich Bedrohte ins Ausland absetzen konnten. Ihre Leiche, die der Vater später für 22 000 Dollar freikaufte, wies vier Schusswunden auf. Alle Schüsse hatten die 30-Jährige von hinten getroffen.

Die Diktatur wütete fürchterlich, und zugleich war sie lächerlich in ihrer abgrundtiefen Dummheit. Der Zensurapparat war gewaltig – nicht nur die Werke der Literaturpreisträger Gabriel García Márquez, Pablo Neruda, Mario Vargas Llosa waren verboten, sondern auch „Der kleine Prinz“ oder Kinderbücher mit so ganz und gar nicht subversiven Titeln wie „Die Geburt, die Kinder und die Liebe“. Wie man subversive Wühlarbeit frühzeitig erkennt, erklärte eine damals an den Schulen verteilte Broschüre: Am Gebrauch von Vokabeln wie Dialog, Lateinamerika, Strukturwandel oder Kapitalismus. Vermutlich sind Millionen von Bücher öffentlich verbrannt worden. Künstler, Schriftsteller, Journalisten. Professoren setzten sich, sofern sie noch konnten, in Scharen ins Exil ab. Den Wahn, das Volk werde durch Ideen vergiftet, formulierte Admiral Emilio Massera in einem Interview: Marx habe im „Kapital“ das Eigentum verneint, Freud die heilige Intimsphäre des Menschen angegriffen und Einstein die Vorstellung von der Materie über den Haufen geworfen. Dass alle drei Juden waren, passte bestens zum Antisemitismus und zur Fremdenfeindlichkeit der Diktatur. Am Ende rechtfertigten die Täter auch ihr bizarrstes Verbrechen, die Übereignung von Babys ihrer Opfer an treue Parteigänger des Regimes, mit dem Schutz vor solchen Vergiftungen des Volkskörpers.

Obwohl die miese Wirtschaftslage einer der Putschgründe war, lief die Ökonomie vollends auf Grund, als die Generäle am Ruder waren. Eine ultraliberale Öffnung Argentiniens deindustrialisierte die damals am meisten industrialisierte Nation Südamerikas; die gekippten Schutzzölle ließen eine Welle von Importen hereinbrechen, sodass auch die Fabrikationsstätten von Weltfirmen wie General Motors, Chrysler oder Olivetti dichtmachten, von kleineren ganz zu schweigen. Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukte sank um zehn, anderen Angaben zufolge gar um 20 Prozent. Und als die Generäle schließlich nach dem Falkland-Fiasko 1982 – mit der Eroberung der britisch dominierten Inseln wollte sich die abgewirtschaftete Junta nochmal beliebt machen – am Ende war, zählten nicht mehr, wie 1975, acht Prozent der Bevölkerung zu den Armen, sondern 37 Prozent.

Elena Alfaro flog 1985 nach Buenos Aires und sagte in einem ersten großen Prozess gegen die führenden Figuren der Militärdiktatur aus. Aber das El-Vesubio-Verfahren wurde danach schnell eingestellt. Der zivile Präsident Raúl Alfonsín musste, bedrängt vom Militär und Teilen der zivilen Gesellschaft, die juristische Verfolgung der Täter einstellen. Durán Sáenz lebte jahre-, jahrzehntelang irgendwo in Argentinien, „tranquilamente“, in aller Ruhe, wie Alfaro 1987 sagte. Alfonsín-Nachfolger Carlos Menem bestätigte die Straflosigkeits-Gesetze in den 90ern, und erst von 2003 an wurden unter der Regierung von Néstor Kirchner die Untaten von damals erneut und ernsthaft verhandelt.

Und auch wenn Durán Sáenz 2011 im Alter von 76 Jahren starb, noch bevor der Prozess gegen ihn zu Ende ging – ja, der Gerechtigkeit sei doch trotzdem noch Genüge getan, sagte Elena Alfaro damals: „Wie gut, dass ich ihm noch einmal ins Gesicht schauen konnte“.

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