Europas Friedhöfe

Schön traurig

Spaziergang durch Europas Friedhöfe: ein Guide zu hübschen, ungewöhnlichen und berühmten Ruhestätten.

Für Romantiker: Blätter tanzen im Wind, die Wege sind sandig. Im Herbst ist Pere Lachaise am schönsten, dieser wildromantische Friedhof im Nordosten von Paris, wie ein verwunschener Märchenort. Ob es die hier begrabenen Künstler sind, die den Besucher so melancholisch machen? Oscar Wilde, Eugene Delacroix, Jim Morrison, Edith Piaf, Frederic Chopin – die Liste ist beinahe unendlich.

Für Spaßvögel: Dies ist ein Gottesacker ohne Leichen, auf dem man – wenn man möchte - viel Spaß haben kann. Wer in Tirol den Museumsfriedhof in Kramsach besucht, hat es vor allem auf die hintersinnigen Sprüche auf den Grabkreuzen abgesehen. Hier steht vermutlich eine der skurrilsten Sammlungen alter, metallener Grabkreuze in Europa. Kostprobe: „Hier fiel Jakob Hosenknopf vom Hausdach in die Ewigkeit“. Oder: „Hier schweigt Johanna Vogelsang, sie zwitscherte ihr Leben lang“.

Für Musikfans: Sein Name ist eher schlicht, er hat es aber in sich. Auf dem Wiener Zentralfriedhof sind die Großen Österreichs versammelt, zum Beispiel die Crème de la Crème der Musiker und Komponisten – bis auf Mozart. Hier liegen Beethoven, Strauss und Schubert, Arnold Schönberg bis hin zu Falco und Udo Jürgens.

Für Biedermeierfreunde: Und noch ein Wiener. Nicht umsonst sang der österreichische Komponist Georg Kreisler: „Der Tod, das muss ein Wiener sein“. Hier also liegt Mozart, in einem Armengrab. Der „Marxer“ ist der einzig erhaltene von einst fünf Biedermeierfriedhöfen der K. u. K.-Hauptstadt – und hat zu allem Überfluss noch die größte Ansammlung von Fliederbüschen in ganz Wien. Rund 5600 historische Grabmäler sind erhalten.

Für Prunksüchtige: Griechische Tempel, ägyptische Pyramiden, bis zu 20 Meter hohe Obelisken – der Cimitero Monumentale in Mailand macht seinem Namen alle Ehre. Hier liegen die Reichen, und das wird auch im Tod ganz deutlich. Er gilt als der prächtigste von allen Friedhöfen Italiens. 1866, vor 150 Jahren, wurde das rund 200 000 Quadratmeter große Areal eröffnet.

Hier ist etwa die letzte Ruhestätte der Industriellenfamilie Motta. Sie wählte als Form einen riesigen Granitzylinder, der an ihr weltberühmtes Kuchenerfolgsmodell erinnert, den Panettone.

Für Freunde der Stille: Es ist ein fast exotischer Ort im sonst so lauten, chaotischen Rom – der protestantische Friedhof. In der katholischen Hauptstadt ist er mit seinen etwa 5000 Gräbern nach 300 Jahren zu einem Garten der Ruhe für Tote wie Lebende geworden. Der Friedhof entstand praktisch mit dem Segen des Papstes. Als 1688 die katholische Königsfamilie der Stuarts aus England ins Exil nach Rom ging, gewährte Clemens XI. (1700–1721) den anglikanischen Mitgliedern des Hofstaats, ihre Toten bei der Cestius-Pyramide zu bestatten.

Für Naturliebhaber: Der traditionsreiche Friedhof der deutsch- und flämischsprachigen Länder liegt wie eine grüne Oase mit Palmen, Kapern und Oleander neben dem Petersdom im Vatikan. Der Boden des Friedhofs ist geradezu mit Grabplatten gepflastert, die Wände ebenso. Darunter sind auch besonders gestaltete Grabstätten, mit Engelsskulpturen oder Kreuzwegszenen. Und: Es ist das Gebiet des Circus des Caligula und des Nero. In der hier um etwa 40 vor Christus erbauten Arena sollen der Heilige Petrus und die ersten Märtyrer der Stadt Rom ihren Tod gefunden haben. Heute erinnert daran eine Gedenkplatte.

Für Leseratten: Der Historische Friedhof in Weimar ist ein Juwel der Klassik und eine Pilgerstätte für Dichterfreunde. Dort sind die Geistesgrößen von einst und ihre weniger berühmten Zeitgenossen im Tod vereint. Der 1818 eröffnete Friedhof verfügt über eine Fürstengruft: Es ist die Grablege der Herzöge, in der auch die Särge der Dichterfürsten Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller aufbewahrt sind – wobei in Schillers Sarg gar nicht seine Gebeine liegen.

Für Jecken: Karnevalisten, Schauspieler, Parfümeure – der Melatenfriedhof in Köln beherbergt Tote verschiedener Provenienzen. Neben Karnevalsgrößen liegt hier auch zum Beispiel der Schauspieler Dirk Bach. Eröffnet wurde der Friedhof 1810. Das Gelände des Gutes Melaten war im Mittelalter die öffentliche Hinrichtungsstätte der Stadt. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden mehr als 30 Frauen und Mädchen als vermeintliche Hexen getötet. Der Name Melaten basiert auf dem französischen „malade“ (krank): Vom 12. Jahrhundert an befand sich auf dem Gelände vor den Stadttoren ein Heim für Leprakranke, zu dem auch der Hof Melaten gehörte.

Für Historiker: Der Jüdische Friedhof in Hamburg-Altona könnte bald auf der Unesco-Welterbeliste stehen. Gerade hat ein Gutachter die 400 Jahre alte Begräbnisstätte inspiziert, 2018 soll eine Entscheidung über die Aufnahme fallen. Der Friedhof gilt Forschern wegen der hohen Zahl gut erhaltener Grabsteine als einzigartig. Von fast 9000 Grabsteinen gibt es noch rund 6000. Auch ist der Friedhof der älteste Begräbnisort sephardischer und aschkenasischer Juden in Nordeuropa. 1611 erwarben drei portugiesische Juden ein Grundstück in Altona als Gemeindefriedhof. Außergewöhnlich ist, dass die deutsche Jüdische Gemeinde 1616 ein angrenzendes Areal als Friedhof kaufte. (kna)

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