+
Genetisch veränderte Babys sind keine Zukunftsfiktion mehr.

Designer-Babys

An der Schnittstelle

Moderne Verfahren erlauben es, das Erbgut unserer Nachkommen gezielt zu verändern. Aber wollen wir das überhaupt – und was steht dabei auf dem Spiel? Experten zufolge dürften die neuen Techniken nicht angewendet werden, bevor diese Fragen nicht grundlegend geklärt sind. Sie fordern ein Moratorium für Designer-Babys.

Bis Ende November vergangenen Jahres war es eine Fiktion – die Erschaffung von genmanipulierten Menschen. Dann ließ der chinesische Wissenschaftler He Jiankui Realität werden, was einige vielleicht erwartet, die meisten aber vor allem gefürchtet hatten. Mit einem sanften Lächeln im Gesicht verkündete der Forscher auf dem Video-Kanal Youtube die Geburt von Lulu und Nana – Zwillingsmädchen, die er durch eine vorgeburtliche genetische Manipulation lebenslang vor einer Ansteckung mit HIV geschützt haben will. Ein Tabubruch. Die Geburt der Designer-Babys sorgte bei Fachkollegen und in der Öffentlichkeit rund um den Globus für Entsetzen und Empörung.

Nun fordern Wissenschaftler und Ethiker aus sieben Nationen ein Moratorium, das solche Experimente weltweit unterbinden soll. Freiwillig sollten sich Nationen darauf verständigen, „jegliche Anwendung von genetischen Keimbahnveränderungen zu unterlassen, bis bestimmte Bedingungen erfüllt sind“, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin „Nature“. Zunächst soll die Technik für einen gewissen Zeitraum weltweit verboten sein, in dem unter anderem die wissenschaftlichen Grundlagen und die Sicherheit der Technik weiter erforscht sowie die ethischen und moralischen Aspekte diskutiert werden.

Dann sollen die einzelnen Nationen, angeleitet von einer Art internationalen Aufsichtsbehörde, einen gewissen Spielraum bekommen, innerhalb dem sie die Anwendung der Technologie regulieren können. Ausdrücklich beziehen sich die Wissenschaftler auf die klinische Anwendung solcher Versuche, also die Schaffung von Designer-Babys. Wissenschaftliche Experimente sowie Manipulationen von Körperzellen außerhalb der Keimbahn nehmen sie aus.

Viele Experten begrüßen die Initiative der Forscher – kritisieren aber auch, dass der Vorschlag an vielen Stellen zu unkonkret bleibt. „Der Vorstoß ist ehrenwert und es ist ihm Erfolg zu wünschen“, sagt etwa Jochen Taupitz, geschäftsführender Direktor des Instituts für Deutsches, Europäisches und Internationales Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Biomedizin der Universitäten Heidelberg und Mannheim. „Die politisch-praktische Umsetzung dürfte allerdings sehr schwierig sein.“

Zu den Autoren des Aufrufs zählen mit Emmanuelle Charpentier und Feng Zhang auch zwei der Forscher, die maßgeblich an die Entwicklung jener Technik beteiligt waren, die der Genmanipulation zugrundeliegt: die Crispr/Cas9-Methode. Mit dem Verfahren, das umgangssprachlich als Genschere bezeichnet wird, ist es möglich, präziser als bisher das Erbgut von Pflanzen, Tieren und eben auch Menschen zu manipulieren. Einzelne DNA-Bausteine können entfernt oder neue genetische Informationen hinzugefügt werden. Das birgt das Potenzial, verschiedene Krankheiten heilen zu können.

Dem chinesischen Forscher He Jiankui ging es bei seinen Experimenten allerdings nicht um Heilung. Er inaktivierte in Embryonen ein Gen, das ein Einfallstor für das HI-Virus in Zellen des Körpers darstellt. Dann setzte er die manipulierten Embryonen in die Gebärmutter ein. Der Eingriff solle die Kinder später vor einer möglichen Infektion mit dem Aids-Erreger schützen.

Weltweit verurteilten Forscher das Vorgehen. Sie sprachen von unverantwortliche Menschenversuchen, einem „Super-GAU“ für die Wissenschaft oder einem Bruch mit dem zurückhaltenden und transparenten Vorgehen der globalen Wissenschaftsgemeinde in diesem Bereich. Gerade im Falle der Mädchen habe es keinen Handlungsbedarf für ein derart risikoreiches Experiment gegeben. Schließlich gebe es andere Wege, sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen.

Wie es den beiden genetisch veränderten Babys geht, ist unklar. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua kennen die Behörden ihre Identität. Die Kinder sollen unter medizinischer Beobachtung bleiben. Gleiches gilt auch für eine Frau, die derzeit mit einem dritten von He Jiankui veränderten Embryo schwanger ist.

Klar ist: Die Sicherheit der noch jungen Technik ist bislang unzureichend erforscht. So kann das Erbgut bei den Manipulationen zum Beispiel unbeabsichtigt auch an unvorhergesehenen Stellen verändert werden – mit unklaren Langzeitfolgen. Vor diesem Hintergrund verbietet sich eine Anwendung in der Keimbahn – also in Eizellen, Spermien oder wie im Fall von He Jiankui in Embryonen – ganz besonders. Denn die genetischen Veränderungen werden an eventuelle Nachkommen weitergegeben.

Die Folgen für die Gesellschaft seien womöglich weitreichend, betonen die Moratoriums-Initiatoren. Bevor es keinen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber gebe, dass die Veränderung eines fundamentalen Aspekts der Menschheit zu einem bestimmten Zweck angemessen ist, sollten keine klinischen Eingriffe in die Keimbahn stattfinden.

„Es reicht nicht aus zu verstehen, was biologisch bei einem Eingriff in die menschliche Keimbahn vorgeht und welche medizinischen Risiken damit verbunden sein können“, sagt auch Christiane Woopen, Vorsitzende der Europäischen Gruppe für Ethik der Naturwissenschaften und der neuen Technologien (EGE). „Es geht um viel grundlegendere Fragen, die unser Menschenbild und das Verhältnis der Generationen untereinander betreffen.“

Genau in diesem Punkt sieht der Erlanger Theologe Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, große Schwächen des vorgelegten Moratoriums-Aufrufs. „Es fehlt eine ausführliche Betrachtung und Reflexion der ethischen Kriterien in ihrer unterschiedlichen Deutung, Gewichtung und Mischung.“ Die Zivilgesellschaft weltweit müsse für das Thema sensibilisiert werden, schließlich gehe es um Menschheitsfragen. „Die eigentliche Arbeit ist noch zu tun.“

Dabrock nennt die internationalen Klimakonferenzen als mögliches Vorbild für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit komplexen Sachfragen, weil sie „das Thema ins globale öffentliche Interesse heben“. Auf nationale Lösungen zu setzen sei zu schwach. Der Ethikrat hatte bereits 2017 gefordert, verbindliche internationale Standards für Keimbahneingriffe zu erstellen. Auf Bitten des Bundesgesundheitsministeriums erarbeitet das Gremium derzeit eine Stellungnahme, die die ethischen Argumente bündelt und bewertet. Sie soll im Mai dieses Jahres vorgestellt werden.

Problematisch findet Dabrock auch die von den Moratoriums-Initiatoren vorgenommene Unterscheidung zwischen „genetischer Korrektur“ und „genetischer Verbesserung“ in der Debatte um die klinische Anwendung. Bei einer Korrektur geht es den Autoren zufolge darum, genetische Bausteine zu verändern, die mit hoher Wahrscheinlichkeit eine schwere Erkrankung hervorrufen. Bei der genetischen Verbesserung hingegen könne etwa ein Krankheitsrisiko modifiziert werden. Oder ein Mensch mit neuen genetische Informationen ausgestattet werden, die etwa die Gedächtnisleistung verbessern oder gänzlich neue Eigenschaften hervorbringen – zum Beispiel, im Infrarotbereich sehen zu können. „An dieser so völlig unüblichen Unterscheidung wird sich die wissenschaftliche Entwicklung nicht orientieren. Sie ist eine erkennbare Quelle für spätere Missverständnisse und Enttäuschungen in der Öffentlichkeit von der Wissenschaft“, so Dabrock.

Barbara Prainsack, Mitglied der österreichischen Bioethikkommission und der EGE, sieht das ähnlich: „Diese Unterscheidung ist problematisch, weil selbst die Frage, was eine schwere Erkrankung darstellt, von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich beantwortet wird. Die Unterscheidung zwischen Korrektur und Verbesserung verschiebt daher in den meisten Fällen das Problem, anstatt es zu lösen.“

Der Aufruf für ein weltweites Moratorium reiht sich ein in eine Vielzahl von Initiativen, die sich mit der Frage der Regulierung von Crispr und vergleichbaren Methoden der sogenannten Genomeditierung beschäftigen. So hatte jüngst die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein mit internationalen Experten besetztes, beratendes Gremium zusammengestellt. Es soll wissenschaftliche, ethische, gesellschaftliche und juristische Fragen klären und Empfehlungen aussprechen.

Inwieweit die derzeitigen Bemühungen Erfolg haben, bleibt abzuwarten. „Der Erfolg freiwilliger internationaler Verpflichtungen ist gemischt“, sagt etwa die Münchner Medizinethikerin Alena Buyx, die von deutscher Seite dem WHO-Gremium angehört und Mitglied im Deutschen Ethikrat ist. „Gegenwärtig gibt es allerdings eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit und breite Bereitschaft von Akteuren der Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft, nationale und internationale Standards für Keimbahneingriffe zu erarbeiten und durchzusetzen. Es ist höchste Zeit.“

Und was ist mit He Jiankui, dem Forscher, der die lange schwelende Debatte mit seinem eigenmächtigen Vorstoß derart befeuert hat? Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua wird das Vorgehen des Wissenschaftlers strafrechtlich verfolgt. Er soll für seine nicht genehmigten Experimente belangt werden. Seit der Bekanntgabe ist der Forscher komplett aus der Öffentlichkeit verschwunden. Verschiedene Medien berichteten, dass er den Campus seiner Universität in Shenzhen nicht mehr verlassen darf.

Peking reagiert zudem mit strengeren Vorschriften auf den Vorfall. Ende Februar legte die Regierung einen Gesetzentwurf vor, wonach Genversuche wie die von He Jiankui durchgeführten als „hochriskant“ eingestuft werden. Forscher, die ähnliche Versuche wagen, müssen demnach mit hohen Strafen rechnen. (dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion