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Schnelle Schlitten

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Von: Patrick Guyton

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Tempo 30 ist im schönen Grünwald ein Dauerthema.
Tempo 30 ist im schönen Grünwald ein Dauerthema. © Imago

Im Münchner Reichen-Vorort Grünwald werden regelmäßig Vorstöße für Tempo-30-Zonen niedergebügelt – mit skurrilen Begründungen.

All das, was für die bayerischen Schönen, Reichen und Arroganten steht, hat einen bundesweit bekannten Namen: Grünwald. Millionärsgemeinde am Isar-Hochufer vor den Toren Münchens. Der Ort mit den vielen Fußballstars und Dax-Konzern-Manager:innen als Einwohnerinnen und Einwohnern und dem zweifelhaften Ruf steckt in einem neuen Skandal. Für bestimmte Straßen lehnte der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung Tempo 30 ab, mit großer Mehrheit, und der CSU-Mandatsträger Thomas Lindbüchl sagte: Viele Bewohner:innen hätten so große Autos, dass man damit gar nicht 30 fahren könne. „Wenn man da aufs Gas tritt, ist man gleich bei 50.“

Grünwald eben, scheint zu passen. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Ingrid Reinhart berichtet gegenüber der FR: „Wir haben das Thema Tempo 30 jedes Jahr.“ In einer Bürgerversammlung hatten 200 Grünwalder:innen verlangt, dass sich das Gremium erneut damit befasse. Es geht um sogenannte Sammelstraßen, auf denen weiterhin Tempo 50 gilt. „Die sind in reinen Wohngebieten“, klagt Reinhart, „die Leute haben dort Angst um ihre Kinder und um sich selbst.“ Viele von ihnen würden jedoch selbst Porsche oder SUVs fahren.

Eine Frage des Humors

Mit großer Mehrheit wurde der Vorstoß abgebügelt, nur vier der 24 Gemeinderäte waren dafür. Vor allem die CSU mit ihrer großen 13-köpfigen Fraktion beharrt auf Tempo 50. Über ihren CSU-Kollegen Lindbüchl und seine Aussage über die Mindestgeschwindigkeit von fetten Autos meint die Grüne: „Dem ist wirklich kein Schmarrn zu blöd, wenn es gegen Verkehrsberuhigung geht.“ Die Christsozialen in Grünwald seien eben „sehr konservativ und rückwärtsgewandt“.

Der attackierte Thomas Lindbüchl schnauft erst einmal gequält ins Telefon und sagt dann: „So wie das Thema jetzt dargestellt wird, macht es überhaupt keinen Sinn.“ Grünwald habe Tempo-30-Zonen, und zwar viele, etwa alle Anliegerstraßen. Geschätzt 80 bis 90 Prozent. Es gehe nur um Sammelstraßen, die den Durchgangsverkehr weiterleiten. Sonst, so die Argumentation, entsteht Stau – denn Tempo 30 bedeutet auch zwingend rechts vor links. Lindbüchl nennt die lange Gabriel-von-Seidl-Straße, mit viel Verkehrsaufkommen, weil sie zur bekannten Bavaria-Filmstadt führt.

Und wie war das mit dem Gasgeben bei den dicken Autos? „Das war ein humoristischer Kommentar, nachdem wir wieder eine Stunde diskutiert hatten“, sagt Lindbüchl. Eigentlich wollte er damit gesagt haben: „Es ist jetzt gut.“ Manchmal ist es schwierig mit dem Humor. In den Netzwerken bekommt er nun den einen oder anderen bösen Kommentar – „aber das schreiben Auswärtige“, ist sich der Gemeinderat sicher.

Grünwalds Bürgermeister Jan Neusiedl – selbstverständlich CSU – hält die Diskussion für einen „Sturm im Wasserglas“. „Ich hatte das Vergnügen, diese Sitzung zu leiten“, sagt er und lacht. Seit 21 Jahren steht er an der Spitze der 11 000-Einwohner-Kommune; gerade er habe Tempo 30 ganz erheblich auf vielen Straßen durchgesetzt.

Einen klassischen Interessenskonflikt sieht der Bürgermeister beim Verkehr: „Keiner möchte das vor seiner Haustüre, gleichzeitig will aber jeder schnell zu seinem Ziel.“ Dass die Isargemeinde mit ihrer hohen SUV-Dichte wieder einmal Thema ist, kennt Neusiedel: „Grünwald wird gerne in den Fokus gestellt.“

Am 1. Mai 2021 etwa hatten Münchner Linke humorvoll eine antikapitalistische Demo auf dem Marktplatz abgehalten und die Enteignung von Grünwalder Villen gefordert. Ein junger Einheimischer schmetterte dem kleinen Trupp entgegen: „Ja, ich bin ein richtiger Reichen-Schnösel!“

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