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"Dies ist ein Scheit, ein Schleißenscheit"

Adventskalender

Schleißen... was?!

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FR-Adventskalender, 12.12.: Für Schleißenscheit braucht man nicht viel - und findet es in jedem Haushalt.

Meine gesamte Kindheit hindurch habe ich mich gefragt, was das eigentlich sein soll: ein Schleißenscheit. Und genau genommen weiß ich bis heute nicht, ob es ein Ding, das so heißt, wirklich gibt. Ein Schleißenscheit, das konnte in unserer Familie alles sein, was handlich ist. Die Fernbedienung zum Beispiel. Oder ein Schlüsselbund. Ganz egal. Schleißenscheit war eines der Lieblingsspiele meiner Großeltern. Man braucht möglichst viele Mitspieler dafür, die alle in einer großen Runde um den Sofatisch sitzen. Bei uns wurde es immer mit diversen alten und weniger alten Tanten, Cousinen, Cousins, trotteligen Onkeln und Eltern gespielt. Es war totlustig. Je mehr die Erwachsenen getrunken hatten, desto spaßiger wurde es, vor allem dann, wenn welche dabei waren, die das Spiel noch nicht kannten. In einer bekifften Studentenrunde wäre es aber vermutlich noch komischer, dummerweise habe ich das nie ausprobiert.

Das Spiel geht so: Einer der Mitspieler (bei uns war das die Oma) nimmt den Schleißenscheit, also zum Beispiel die Fernbedienung, in die Hand, dreht sich zu seinem Nachbarn, schaut ihm ernst ins Gesicht und sagt: „Dies ist ein Scheit, ein Schleißenscheit.“ Der Nachbar nimmt das Ding und wiederholt den Satz für den nächsten in der Reihe. Ist die Runde durch, verlängert der Erste den Satz: „Dies ist ein Scheit, ein Schleißenscheit. Den gab mir die Frau Weiße aus Meißen.“ Wieder die Runde.

Das Ganze wiederholt sich, bis irgendwann der komplette Text von jedem aufgesagt wurde: „Dies ist ein Scheit, ein Schleißenscheit, den gab mir die Frau Weiße aus Meißen, und sie lässt dir sagen, dass Ihr Mann der geschickteste Scheitschleißer in Meißen sei. Jeden Morgen, ehe er gegessen und gebissen, hat er schon einen groooßen Haufen Scheite geschleißt und geschlissen. Augenblicklich sitzt er hinter dem Haus und schleißt Scheite.“

Bis es dazu kommt, dass jeder den Text fehlerfrei aufsagen kann, vergeht viel Zeit. Das kann eine geschlagene Stunde dauern, in der Tante Erika immer wieder beim „groooßen Haufen“ gackert und gluckst, weil sie weiß , dass sie gleich auf keinen Fall Scheiße sagen darf. Tante Elvira wiederum macht sich jedes Mal fast in die Hose, weil Onkel Wilhelm immer schon am ersten Satz scheitert. „Dies ist ein äh, Inge, wie hieß das Ding noch gleich?“ Und Inges dritter Mann Georg verlangt jedes Mal, dass jemand ihm den Schwachsinnstext endlich mal erklärt. „Watt verdient denn getz sone Schleißenschweißer im Monat?“

Dann ist da noch Cousin Stefan, der sich total souverän gibt, den Text lässig runterleiern will und dann doch immer ins Stocken kommt. Und zwischendrin immer die Oma, die mit übertriebenem Ernst und einer Intonation, die jeder Theaterbühne zur Ehre gereicht hätte, den Schleißenscheit schwenkt. Herrlich!

Für „Schleißenscheit“ braucht es bloß einen Schleißenscheit...

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