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Ist’s zu zweit wirklich besser?

Virus und Liebe

Schlechte Zeit für Liebe

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Die Corona-Krise macht ein Kennenlernen kaum möglich, nur virtuell lässt sich völlig gefahrlos daten. Dabei wünschen sich viele Menschen gerade jetzt eine Partnerschaft.

Wo verlieben? Nicht nur viele junge Menschen stecken im Dilemma zwischen Dating-Laune, Infektionspanik, Regelbruch und Mangel an Gelegenheiten. Geschlossene Kneipen und Diskotheken, keine Festivals oder Konzerte, keine Partys bei Freunden, kein Schwimmbad oder Museum.

Kaum Zusammentreffen an Arbeitsplatz, Schule oder Uni. Keine Abifahrt, kein Strandurlaub, kaum Vereinsleben. Einige stellen sich auf einen tristen, flirtlosen Sommer ein, andere entdecken Online-Dating für sich. Durch Corona hat sich das Kennenlernen erschwert und der Blick auf die Paarbeziehung geändert.

Das Virus prüft Partnerschaften auf ihre Haltbarkeit, stellt Familien vor eine Zerreißprobe. 27 Prozent der Menschen, die in einer Partnerschaft leben, seien unsicher, ob ihre Beziehung die Krise übersteht, ergab eine Umfrage unter mehr als 700 Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern im Auftrag der Datingplattform Parship.

Große Distanz, große Nähe oder die besondere Herausforderung, Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, sind Krisenfaktoren. Gleichzeitig ist die Frage „Mit wem verbringe ich meine Quarantäne?“ zum neuen „Wen nehme ich mit auf eine einsame Insel?“ geworden.

Laut der Umfrage freut sich die Hälfte der Singles auf mehr Zeit für sich, vor allem Frauen und 50- bis 69-Jährige. Mehr als ein Drittel der Alleinstehenden jedoch wünscht sich demnach während des Ausnahmezustands einen Partner an der Seite. Von den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 29 Jahren gaben 45 Prozent an, Angst vor dem Alleinsein zu haben.

Es sei durchaus möglich, sagt der Soziologe Kai Dröge, der am Institut für Sozialforschung Luzern beschäftigt ist und an der Uni Frankfurt zu Online-Dating geforscht hat, dass sich eine romantisierte Vorstellung der gemeinsamen Isolation etabliert hat.

„Man interpretiert die aufgezwungene Zweisamkeit um und verwandelt sie in eine Isolation in selbstgestalteter Zweisamkeit“, so Dröge. Nicht nur dieses Bild weckt während der eingeschränkten Kontaktmöglichkeiten bei vielen den Wunsch nach einer Partnerschaft – und macht sogar solche Menschen zu aktiv Suchenden, die bisher nur lose nach potentiellen Partnerinnen oder Partnern Ausschau gehalten oder nach Gelegenheit auf einen Flirt eingelassen haben.

„Die Krisensituation hat die Menschen auch zu existenzielleren Fragen zurückgeworfen, von denen sie im Alltag sonst abgelenkt sind“, sagt Dröge. „Dadurch, dass Kontakte eingeschränkt werden mussten, hat sich ein neues Bewusstsein dafür entwickelt, wie wichtig soziale Kontakte sind – sei es nur im Job, Freunde oder eben ein Partner.“ Einer weiteren Umfrage unter Parship-Mitgliedern zufolge, sei 24 Prozent „durch die Krise bewusst geworden, was sie in einer Beziehung wirklich suchen“.

Er habe noch in der Woche vor der Kontaktsperre jemanden beim Ausgehen kennengelernt, erzählt ein Frankfurter in den 30ern, sonst eher defensiv auf dem Singlemarkt unterwegs. Zunächst habe man sich wegen der neuen Regelung und der Ungewissheit nicht getroffen, sondern wochenlang Nachrichten ausgetauscht, später dann telefoniert.

Erst vor zwei Wochen hätten sich die beiden erstmals wieder getroffen. „So lange habe ich mich schon lange nicht mehr mit jemandem ausgetauscht, bevor Körperlichkeit dazu kam“, sagt er und fühlt sich an Teenagerzeiten erinnert. Sie sei länger schon auf einem Dating-Portal unterwegs und schaue sich auch auf Veranstaltung gerne um, habe gelegentlich Verabredungen, aus denen aber schon eine ganze Weile nichts Ernstes mehr hervorgegangen war, sagt wiederum eine 30-Jährige Offenbacherin. Das hätte ihr gefehlt.

Trotz Kontaktsperre habe sie sich Mitte April über das Portal zu einem einzigen Treffen verabredet, das sie bis dato als „erfolgreich und potenziell langfristig“ beschreibt. Sie schließt nicht aus, dass der Mangel an Alternativen ihre Bereitschaft, sich besser kennenzulernen, erhöht hat.

Dating-Portale erleben aktuell einen Zuwachs. Seit Kalenderwoche 13, als die Kontaktbeschränkungen erweitert wurden, seien bei Parship etwa ein Viertel mehr Nachrichten als im Vorjahr verschickt worden, Neuregistrierungen lägen ein Zehntel über dem Vorjahresniveau. Auffällig seien die vielen jungen Neulinge.

Die Plattform C-Date, die generell ein jüngeres Publikum anspricht, verzeichnet einen Zuwachs von rund 40 Prozent bei den Neuregistrierungen, auch hier werde der Schnitt von der Altersgruppe 18 bis 24 in die Höhe gezogen. Die Nutzerinnen und Nutzer wären etwa ein Drittel aktiver als sonst – auffällig sei dabei der Zeitraum zwischen 8 und 12 Uhr.

Auch bei Elite-Partner verzeichnete man einen Anstieg an Neuanmeldungen. Es würden ein Fünftel mehr Nachrichten als im Vorjahr verschickt. Mehrere Plattformen haben zum besseren Kennenlernen Möglichkeiten für „Video-Dates“ eingerichtet, was den Portalen zufolge gut angenommen werde – es habe schon Dates gegeben, die von der gemeinsam verbrachten Stundenzahl an einen Restaurantbesuch mit Theatervorstellung heranreichten.

Virtuelle Treffen werden mit viel Ernsthaftigkeit wahrgenommen, so eine mögliche Interpretation, und als tatsächliche Alternative zu echten Dates verstanden. Auch bei C-Date geht man davon aus, dass der „Anstieg der versendeten Nachrichten nahelegt, dass User sich mehr Zeit nehmen, um sich online kennen zu lernen“.

Den Soziologen Dröge überrascht das nicht. Generell sei ein Motiv für die Anmeldung bei einem Datingportal die Erweiterung des Radius, der sich meist auf den eigenen Bekanntenkreis beschränkt. In der aktuellen Situation falle selbst diese Option nahezu weg. Die Motivation könne auch Langeweile oder Zeitvertreib sein – zum Nachteil derer, die ernsthaft auf der Suche sind.

Aus seiner Forschung weiß er aber auch, dass oft „ein gewisser Leidensdruck“ und der Kampf gegen die Einsamkeit dazu veranlassen, ein Dating-Profil zu erstellen. „So etwas Intimes wie Liebesbeziehungen funktioniert in einem eigentlich distanzierten Medium wie dem Internet durchaus“, sagt Dröge. Beim Online-Dating würden schnell auch tiefgehende Gedanken und intime Elemente ausgetauscht – dem Phänomen „Stranger in a Train“ folgend, dem „Fremden im Zug“, dem sich unter Umständen viel leichter offenbart werden kann als einer nahestehenden Person.

Oft gebe es beim ersten Kennenlernen trotzdem einen Bruch. „Beziehungen sind in der Anfangsphase immer fragil“, sagt Dröge. Zwar könne man bei einem Video-Chat den Text-Eindruck mit einem Bild, mit Mimik und Körpersprache erweitern, womöglich aber nicht ausgleichen. „Verlieben hat in unserer Vorstellung von Liebe eine enge Verbindung mit Körperlichkeit und Nähe“, sagt Dröge.

„Erinnert ihr euch noch: Jemanden kennenlernen in einer Bar?“, fragte unlängst eine Userin auf Twitter. Virtuelles Nostalgie-Raunen, die Frage „Was ist eine Bar?“ und die Mahnung „in Kürze wieder möglich – Virus inklusive!“, kamen als Antworten zurück. „Beziehungen brauchen einen Ursprungsmythos“, sagt Kai Dröge. „Bei unserer romantischen Prägung haben wir gerne etwas Schicksalhaftes, das uns zusammenbringt.“ Was eignet sich da besser als die widrigen Umstände während einer Krise?

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