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Dünn sein gilt in Japan als besonders erstrebenswert. Über Generationen könnte sich diese Entwicklung negativ auswirken. istock
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Dünn sein gilt in Japan als besonders erstrebenswert. Über Generationen könnte sich diese Entwicklung negativ auswirken.

Schlankheits-Ideal in Japan

Schlank im Cinderella-Land

  • vonFelix Lill
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In Japan sind die meisten Menschen dünn, gesellschaftliche Ideale geben noch schlankere Frauenkörper vor. Das Erfüllen dieser Normen schadet wiederum der Gesundheit. Doch es bildet sich auch eine kleine Gegenbewegung.

Aki Yamada hat klare Pläne. Nachdem die 27-Jährige eine Handvoll Jahre im Personalwesen gearbeitet hat, heiratete sie vor einem guten Jahr ihren jetzigen Mann. „Bald werde ich das Berufsleben verlassen“, sagt sie, „weil ich schwanger werden will, und mit der Geburt ist die Karriere dann vorbei.“ Das sei immer so. Deshalb denkt die Frau aus Yokohama nun besonders an ihren Körper, schon die Rolle einer werdenden Mutter sei schließlich eine ganz neue. Die schlanke Frau werde auf eine gesunde Ernährung achten, denn: „Ich will versuchen, nicht so sehr zuzunehmen.“

Dickere Beine und Arme oder Falten am Bauch und unterm Kinn gelte es zu vermeiden. „Man legt in der Schwangerschaft zwar ein bisschen zu, aber später will ich ja meinen alten Körper zurück.“ Alles andere sei nicht nur nicht gesund, sondern auch nicht schön. „Ich will so hübsch bleiben, wie es geht.“ Und bei Schönheit gehe es eben auch bei einer Frau wie Aki Yamada, die bei 1,52 Metern Körpergröße nur 42 Kilo wiegt, nicht zuletzt ums Gewicht.

In Japan ist solch eine Einstellung nicht untypisch. Im Gegenteil: Studien und das Alltagsleben zeigen, dass sie die Norm ist. Während es heutzutage in den meisten Ländern als Zeichen von Schönheit, Charakterfestigkeit und Erfolg gilt, nicht übergewichtig zu sein, geht dieser Druck im ostasiatischen Land noch weiter. Gerade für Frauen gilt das Ideal: möglichst dünn zu sein ist erstrebenswert, und wer diesen Zustand über alle möglichen Lebensereignisse hinweg hält, strahlt als Vorbild für andere.

Dies ist auch bei werdenden Müttern der Fall. Eine Studie, die 2018 im Forschungsmagazin „Scientific Reports“ veröffentlicht wurde, kam zu dem Ergebnis, dass mehr als die Hälfte der Frauen in Japan während der Schwangerschaft weniger als die von der Regierung empfohlenen zwölf Kilo zunehmen wollen. Die meisten Befragten glauben, geringe Gewichtszunahmen seien förderlich für eine sichere Geburt und daher auch für die Gesundheit des Kindes. Die Studie dokumentiert allerdings, dass bei Frauen, deren Körpergewicht nur wenig zugenommen hat, die Wahrscheinlichkeit eines Kaiserschnitts nicht abnimmt. Eine geringe Gewichtszunahme mit Baby im Bauch ist insofern auch nicht gesund.

Doch das japanische Schlankheitsideal reduziert sich keineswegs auf Lebensereignisse, durch die ein Körper natürlicherweise an Masse zulegt. Vor sechs Jahren sorgte ein Männermagazin für großes Aufsehen, als es auf einer ganzen Seite die Eigenschaften der vermeintlich perfekten Frau minutiös auflistete. Unter anderem stand da bei einer Größe von 160 Zentimetern ein Gewicht von 48 Kilo. Auf Twitter wurde daraufhin heiß diskutiert, ob das nicht zu viel verlangt sei. Dabei wirkten die Angaben nicht bloß wie wilde Fantasien von ein paar Redakteuren. Von ähnlichen Idealmaßen ist in Japan immer wieder zu hören.

Ähnlich werden auch Kinder mit strengen Vorgaben konfrontiert. Mehrere Magazine erstellen vor allem für Mädchen verschiedener Altersklassen Listen mit für makellos erklärten Körperabmessungen auf. Da kann es unter anderem um die Dicke des Unterarms, der Oberschenkel, des Halses oder der Wade gehen. Laut dem Magazin „Nicola“ etwa, das sich an Leserinnen und Leser im Pubertätsalter richtet, entspräche der perfekte Körper einer 12- bis 14-jährigen einer Größe von 1,55 Metern bei einem Gewicht von 34 Kilo. Der Hüftumfang liegt demnach bei 57 Zentimetern, der des Oberarms bei 18.

Während sich an der Größe wenig ändern lässt, entsteht für diejenigen, die sich an solche Vorgaben halten, umso mehr Druck auf das Gewicht. Wohl auch deshalb wurde im ostasiatischen Land zuletzt die so genannte Cinderella-Diät berühmt und beliebt. Dabei orientiert sich das Idealgewicht am Körper der durch ihre Wespentaille auffälligen Protagonistin des gleichnamigen Disneyfilms. Um das eigene Cinderella-Gewicht zu ermitteln, quadriert man seine Körpergröße in Metern und multipliziert sie mit der Zahl 18. Bei 1,65 Metern wären das dann 49 Kilo, was laut Body-Mass-Index für eine 30-jährige Frau schon ein leichtes Untergewicht bedeutet. Wer darüber liegt, dem wird schlicht eine Kalorienreduktion empfohlen.

Vielen ein Vorbild: Pop-Queen Namie Amuro.

Nicht nur beim Schlanksein ist man in Japan eher streng mit sich. Auch in diversen sozialen Sphären fällt auf, wie sich Menschen häufig an vagen Standards, nicht selten aber an konkreten Normwerten richten und diese ohne viel zu Hinterfragen zu erfüllen versuchen. So ist von Frauen immer wieder zu hören, dass eine Geburt nach dem 30. Lebensjahr gefährlich für die Gesundheit des Kindes sei. Männer dagegen sagen sich häufig, dass sie zuerst einen festen Job benötigen, um heiraten zu können, weil die Ehefrau danach wohl aufhöre zu arbeiten.

Ob es um Geschlechterrollen, das Berufsleben oder das Aussehen geht – in Japan schätzt man tendenziell das, was als ideal und daher normal vorgegeben ist. So spricht man vom Land selbst auch gern als „homogene Gesellschaft“, in der sich alle ähnlich seien. Gern wird das Sprichwort rezitiert: „Ein Nagel, der aus der Wand sticht, wird wieder hineingeschlagen.“ Uniformität ist Trumpf.

Zur Qual wird diese Art des Kollektivismus, wenn die vorgegebenen Ideale kaum erreichbar sind. Die Idee, dass junge Frauen noch ein bisschen dünner sein sollten, etablierte sich in Japan spätestens in den 1990er Jahren. Damals begann die Karriere der sehr schlanken Sängerin Namie Amuro, die bis heute als „Queen des J-Pop“ gilt. „Wir wollten alle so sein wie sie“, sagt Chika Tsuda, eine 37-jährige Lehrerin aus Osaka. „Und das irgendwie Seltsame ist, dass die Kinder und Jugendlichen von heute das immer noch wollen.“

Körperideale, das beobachtet die nach europäischen Standards ebenfalls schlanke Chika Tsuda durch ihren Job, haben sich seitdem kaum verändert. „Als ich ein Teenager war, hab‘ ich auch Diäten gemacht, damit ich so aussehe wie Namie Amuro und die anderen Idole im Showgeschäft. Meine Mutter hat es mir dann zum Glück verboten. Bei meiner Schwangerschaft vor neun Jahren kam meine Mutter wieder auf mich zu und achtete drauf, dass mein Gewicht ordentlich zunahm.“ Im Trend lag die Lehrerin Tsuda damit nicht unbedingt: heute geht rund jede vierte Frau in Japan mit Untergewicht in die Schwangerschaft. Dünne Frauen mit einem dicken ballförmigen Bauch werden unterdessen lobend „mama talent“ genannt – was so viel wie „Starmutter“ bedeutet.

Auf gesellschaftlichem Niveau scheint das Ganze schon einen gesundheitlichen Abdruck zu hinterlassen – und dies nicht nur bei den Müttern selbst. Die Autor:innen der Studie über die gewünschten Gewichtszunahmen unter schwangeren Frauen erwähnen auch, dass über die Jahre das Geburtsgewicht von Kindern auf durchschnittlich drei Kilo gesunken ist. Gleichzeitig werden die Menschen in Japan kleiner. Im Vergleich zum Ende der 1970er Jahre, als der Durchschnittsmann noch 1,715 Meter groß war, ist er heute 0,7 Zentimeter kleiner. Die Werte von Frauen haben von 1,583 Metern um 0,2 Zentimeter abgenommen.

Das niedrige Geburtsgewicht wurde in einer Studie von Medizinerinnen und Medizinern der Jikei University School of Medicine in Tokio und der australischen Monash University in einen Zusammenhang gebracht mit den im internationalen Vergleich häufigen Nierenleiden unter Japanerinnen und Japanern. Diese Entwicklungen wiederum, so befürchten die Forschenden, können sich über Generationen negativ auf die Lebenserwartung auswirken. Weltweit hat Japan einen Ruf als das Land, in dem die Menschen die längsten Leben führen. Männer werden heute im Schnitt 81,1 und Frauen 87,1 Jahre alt. Neben mehreren Variablen, die diesen Wert künftig noch in die Höhe treiben könnten, gibt es durch die schwächer geborenen Babys im Land nun auch plausible Gründe, die für das Gegenteil sprechen.

Doch gegen das Hungern nach Norm bildet sich auch Widerstand. In Japan ist es vor allem die kleine Minderheit übergewichtiger Personen, die nur drei Prozent erwachsener Frauen ausmachen, sich aber vermehrt deutlich gegen Schlankheitsnormen stellen. Eine von ihnen ist die Modeunternehmerin Naomi Watanabe, die 110 Kilo wiegt und sich auf Instagram gern mit Süßigkeiten ablichten lässt, während sie ihren Körper dabei zur Schau stellt. Als „Sprachrohr der Plus-Size-Frauen“ versteht sich Watanabe. Nicht zuletzt wegen ihrer großzügigen Modelinie erklärte die japanische Ausgabe des Magazins „Vogue“ Watanabe 2016 zur Frau des Jahres.

Und zuletzt zog auch die Popmusik nach, die ja maßgeblich für die schwierigen Schlankheitsvorstellungen im Land gesorgt hat. Mit der Girlgroup „Big Angel“ startet nun eine Gruppe in ihr drittes Bandjahr, die aus fünf stark übergewichtigen jungen Frauen besteht. Die Anführerin, Michiko Gotochi, erklärte vor kurzem in einem Interview, wie sie zu allem kam: „Ich wollte ein schlankes Model sein und musste dafür nur hungern. Nach einem halben Jahr in einer Agentur wurde mir gesagt, dass ich jetzt gehen könne. Danach begann das Frustfressen.“ Heute wiegt sie statt den einst 54 Kilo etwas mehr als das doppelte. „Ich hätte nie gedacht, dass wir als Big Angels Fans haben. Aber wir sind richtig beliebt“, so Michiko Gotochi.

Was aber noch nicht bedeutet, dass die Leute auch weniger streng auf ihre eigenen Körpervorstellungen schauen. Laut einer Umfrage unter Frauen sowie Männern in Tokio verschiedener Gewichtsklassen wollen die meisten Menschen jeweils dünner sein, als sie selbst derzeit sind.

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