Früher war mehr Fahne: Schwarzrotgold lässt doch arg zu wünschen übrig.
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Früher war mehr Fahne: Schwarzrotgold lässt doch arg zu wünschen übrig.

Fußball-EM in Deutschland

Schland, oh, Schland

Leere Fanmeilen, leere Balkone: Die Identifikation mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft lahmt.

Von Jürgen Roth

Was ist denn gerade beziehungsweise seit zwei Wochen mit der von dem Medienwissenschaftler Michael Schaffrath beobachteten, ja dingfest gemachten „Fußballisierung der Gesellschaft“ los?

Nix is’ los.

„Wenige Deutschlandfahnen, leere Fanmeilen“, stöhnt die Welt. Die Wurstweck- und Bierbecherverkäufer ziehen kollektiv ein Gesicht wie zwei Jahre Dauerregen, in den Brauereien, Metzgereien, Brezelmanufakturen und Presskopffabriken herrscht gezwungenermaßen der Schlandrian, das „Wir-Tum“ (Schaffrath) hat sich verkrümelt, „die Stimmung stimmt bisher nicht“, „das Schland-Gefühl ist weg“ (Welt), ausgezogen, unbekannt verzogen, ausgewandert, es ist grässlich und zum Greinen, es ist eine Schlande.

Seit einem Dezennium feierte der Schlandismus im Zweijahresrhythmus feucht-freche und weiß Gott ja auch furios-fürchterliche, korrigiere: flamboyant-fröhliche Urständ, und jetzt soll es das mehr oder weniger einfach so gewesen sein, Sense, Schicht, Mahlzeit, Prost, na, darauf erst mal ein ungepflegtes Mittagsfrustverarbeitungspils vom Kiosk, Herrgott noch eins.

Nach den gesellschaftlichen Klimaumwälzungen im Zuge der WM 2006 hatte sich hurtig eine neue Wissenschaft etabliert, die Schlandologie (Stichwörter: „das andere Deutschland“, „das schönere Deutschland“, „das geilere Deutschland“), der segensreich grassierenden Schlanderitis verdankten seither Heerscharen von Forschern (Sozioethnologen, Politethologen und Psychosemiotikern), Feuilletonfröschen und Fernsehfaselhälsen Lohn, Brot und Mittagspilsbier.

Nun et nunc stehen sie allesamt praktisch vor dem Nichts, der Schlund, Korrektur: der Schland der Bedeutungs- und Beschäftigungslosigkeit gähnt sie an, und das alles ganz plötzlich und ohne Robotik und Digitalflitzpiepenfirlefanz, Mensch, Mensch, Mensch, zum Schlanderker auch!

Aufs Schlandhafteste schlandrifiziert

Autos, Balkone, Küchenfenster, Kneipenfassaden, Straßen, Plätze, Plätze, Straßen, Kneipenfassaden, Küchenfenster, Balkone, Autos und Aborte – alles war bei Fußballgroßkampfereignissen aufs Scheußlichste, korrigiere mich: aufs Schönste verschlandet, alles war aufs Schlanderhafteste, korrigiere mich abermals: aufs Schlandhafteste schlandrifiziert. Fußball war ein Schlandonym für Deutschland und umgekehrt, an jeder Hausecke und noch in jedem Schlandloch lungerte mindestens ein Schlandianer herum, eitel Sonnenschein, Friede, Freude, Eiersalat, hipp, hipp, heureka! Und jetzt: Feierabend. Beziehungsweise halt nix Feierband, so gut wie jedenfalls.

Worin mögen die Ursachen, ja geradezu die Gründe für den Niedergang des Schlandinismus begraben liegen? Terrorangst? Unwahrscheinlich. Wetter? Es gibt ja Anziehsachen. Bedenken angesichts der schlandesweit schlanderlichen Bierausschank- und Wurstrüberreichqualität? Müsste drüber nachgedacht werden.

Andere („Welt“, „Welt Kompakt“, „Welt Pocket“) vermuten, Möller und Üzil, Schurrle und Hümmels, Peideilski und Schwonstoger zögen nicht mehr recht und nicht mehr richtig, hätten an Zugkraft und am Zug zum Tor verloren, die einst jungen Hüpfer seien ergraut und könnten bei den „Fans“ (Fachsprache) nicht mehr schlanden. Schlüssig – oder nicht?

Was täte, was tut not, ungeachtet solcher Spekulationen? Was gegen das Schlandrom, unter dem unser liebes Land leidet, unternehmen? Wie der lahmenden Schlandifikation mit unseren ballsportelnden Buben wieder auf die Beine helfen? Wie dem Schlandizismus neues Leben einhauchen und einpeitschen? Hülfe es, flöge unsere oberste Jubelpatscherin, die Bundesschlandlerin, endlich, endlich mal nach Frankreich?

Rufen Sie an! Machen Sie Vorschläge! Und lassen Sie uns das am Kiosk bei mir im Viertel bei acht, neun Nachmittagseinläutungspilsbieren besprechen. Sláinte! Korrigiere: Schlandé!

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