Corona

Wegen Stress: Millionen Menschen können ohne Medikamente nicht mehr schlafen

In Deutschland fällt es vielen Menschen schwer, zu schlafen. Stress ist ein Grund. Aber auch die Corona-Krise hat sich auf den Schlaf ausgewirkt.

  • Schlafen ist wichtig für die Erholung.
  • Doch Millionen Menschen können ohne Medikamente nicht einschlafen.
  • Ein Grund ist Stress - aber auch Corona kann sich auf das Einschlafen und Träume auswirken

Deutschland - Wer jede Nacht wach liegt, ist tagsüber ständig übermüdet und unkonzentriert. Chronische Schlafstörungen können darüber hinaus Krankheiten auslösen. In der Corona-Krise sind vor allem gestresste Menschen betroffen: Die aktuelle Pandemie durchdringt alle Lebensbereiche und macht auch vor dem Schlafzimmer nicht halt. Als das öffentliche Leben heruntergefahren wurde, fiel sofort die Stille auf. Kein Verkehrslärm mehr an zuvor stark befahrenen Straßen, keine startenden Flugzeuge in Airport-Nähe.

Schlaf: Führte Corona zu Stress?

Führt diese Ruhe zu einem besseren Schlaf? Oder verursacht die Corona-Krise Stress und damit Schlafstörungen? Erste Studienergebnisse sowie Daten von Energieversorgern zum Strom- und Wasserverbrauch weisen darauf hin, dass viele Menschen seit Mitte März morgens etwas länger im Bett bleiben. 

Der Schlaf-Wach-Rhythmus orientierte sich zwischen Ende März und Ende April eher an unserer inneren biologischen Uhr als an sozialen Erfordernissen wie Arbeitszeiten, fanden Forschende der Universität Basel heraus. 75 Prozent der überwiegend weiblichen Befragten berichteten, bis zu rund 50 Minuten länger zu schlafen als vor den Einschränkungen. 

Corona und Schlafstörungen: Wer Stress hat, der schläft schlechter

„Es gab aber auch negative Veränderungen“, sagt Studienleiterin Christine Blume. So hätten 45 Prozent eine schlechtere Schlafqualität angegeben. „Diejenigen, die sich stärker belastet fühlen, schlafen schlechter und kürzer.“ Einer repräsentativen Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse zufolge schläft jeder Zehnte in der Corona-Pandemie schlechter, unter den coronabedingt Gestressten sogar jeder Vierte. Berichte über Schlafen in Corona-Zeiten finden sich auch in den sozialen Netzwerken: Unter den Hashtags #coronaträume oder #coronadreams schildern Nutzer ihre Träume von vergessenen Schutzmasken und andere Alpträume.

Bewegung unter freiem Himmel könne einer Verschlechterung der Schlafqualität entgegenwirken, sagt die Schweizer Psychologin Blume. Darauf habe die Online-Umfrage der Uni Basel Hinweise gegeben. Allerdings helfen Sport und frische Luft nicht allein, wenn sich Ein- und Durchschlafprobleme verfestigt haben. Laut Robert Koch-Institut klagt ein Viertel der Bevölkerung über Schlafstörungen, elf Prozent erleben ihren Schlaf als häufig nicht erholsam. 

Schlafstörungen sind „Volkskrankheit“ - Statt Verhaltenstherapie gibt es Medikamente

„Es ist eine Volkskrankheit, die sehr oft verharmlost und nicht angemessen behandelt wird“, sagt Hans-Günter Weeß, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM). Im Grunde sei eine kognitive Verhaltenstherapie in vielen Fällen das Mittel der Wahl, stattdessen würden Medikamente geschluckt. Weeß zufolge können zwischen 1,1 und 1,9 Millionen Menschen ohne Schlafmittel nicht mehr schlafen. „Das ist eine Abhängigkeit auf Rezept“, sagt der Leiter des Schafzentrums in Klingenmünster (Rheinland-Pfalz).

Weeß befürchtet, dass die Corona-Krise noch mehr Patienten mit Schlafstörungen hervorbringt. Ihre Zahl war in den vergangenen Jahren laut dem Gesundheitsreport 2019 der Barmer Krankenkasse deutlich gestiegen. Arbeitslosigkeit sowie ein geringes Einkommen seien Risikofaktoren, sagt der Psychotherapeut und Buchautor Weeß. „Wenn es nicht gelingt, die Grübeleien zu stoppen und sich von Alltagssorgen zu entlasten, dann ist die Schlafstörung vorprogrammiert.“

Schlaf und Corona: Labore waren dicht 

Viele der rund 300 von der DGSM akkreditierten Schlaflabore blieben coronabedingt über Wochen geschlossen, etwa im Siloah Krankenhaus in Hannover. „Die Schließung war notwendig, da die Hygienekonzepte dies erfordert haben und da wir parallel auch mit der Behandlung der Covid-19-Patienten ausgelastet waren“, berichtet Thomas Fühner, Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Intensiv- und Schlafmedizin. Nach der Wiedereröffnung habe man zunächst dringliche Fälle wie Lkw-Fahrer oder Lokführer behandelt, inzwischen laufe der Betrieb wieder normal.

„Wir sind eine chronisch schlaflose Gesellschaft“

Laut Barmer-Report sind von Ein- und Durchschlafstörungen besonders im Schichtdienst Tätige betroffen wie Straßenbahn- und Busfahrer, Wachdienstpersonal, Call-Center-Beschäftigte und Altenpflegekräfte. Fehlender Schlaf erhöht das Unfallrisiko und kann über Jahre hinweg beispielsweise Herz-Kreislauf- und Stoffwechsel-Erkrankungen sowie psychische Leiden nach sich ziehen. 

Es wird sogar ein erhöhtes Demenzrisiko vermutet. „Wir sind eine chronisch schlaflose Gesellschaft“, sagt Weeß. „80 Prozent der Menschen stehen mit dem Wecker auf. Sie beenden das wichtigste Regenerations- und Reparaturprogramm des Körpers vorzeitig.“ Der Schlafforscher hofft darauf, dass die Bedeutung des Schlafes in der Arbeitswelt sowie in Schulen und Universitäten einen höheren Stellenwert erhält. „Schlaf ist die beste Medizin, gerade in Corona-Zeiten“, sagt er. „Auch das Immunsystem wird im Schlaf gestärkt.“ (dpa)

Gedanken kreisen um die Sorgen von morgen, man kommt einfach nicht zur Ruhe: Unser Schlaf ist Seismograph von Körper und Seele.

Rubriklistenbild: © picture alliance / Karl-Josef Hi

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