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Gediegene Schlichtheit, so sieht es bei Armani in Dubai aus.
Gediegene Schlichtheit, so sieht es bei Armani in Dubai aus. © margiela

Ob Moschino oder Margiela, Armani oder Lacroix: Immer mehr Modedesigner gestalten Hotels. Um zu beweisen, dass sie mehr als Kleidung können.

Von Nikolas Feireiss

An den Wänden sind dunkle Ränder von Bildern, die dort nie gehangen haben. Was aussieht wie ein Sonnenstrahl, der durch das Fenster auf die Wand fällt, ist in Wahrheit eine gekonnte Spielerei der Malerkunst, eine Augentäuscherei. Wie auch der Kelim, der auf dem hellen Teppich zu liegen scheint und doch nur aufgedruckt ist, inklusive des feinen Schattens, den der Rand wirft.

Überhaupt hat es das Spiel von Licht und Schatten denjenigen angetan, die für die Inneneinrichtung des Pariser Hotels La Maison Champs Élysées verantwortlich zeichnen. Sie bleiben anonym, so ist es üblich beim Avantgarde-Modelabel Maison Martin Margiela, deren Gründer immer unsichtbar gewesen ist. Und die Design-Interventionen in diesem traditionellen Haus im feinen 8. Arrondissement sind mitunter – zum Beispiel in der homöopathischen Abmischung unterschiedlicher Weißtöne – so subtil, dass gröbere Geister dafür nicht unbedingt Verständnis aufbringen, vielleicht sogar monieren, dass jene Wand dringend gestrichen werden müsse oder das Geld für einen echten Kelim wohl nicht ausgereicht habe.

Zu den größeren Herausforderungen für die Margiela-Mannschaft gehörte es auch, die stolzen Handwerker davon zu überzeugen, dass die kleinen, typisch französischen Fliesen nicht mit adrettem Millimeterabstand, sondern willkürlich, wie auf dem Boden ausgeschüttet verlegt werden sollten. So erzählt es der Chef des Interior-Design-Teams, der selbstverständlich ebenfalls ohne Namen bleibt. Margiela steht nicht für Label-Protz, sondern für Mode mit Geist, Ironie und Humor, das gilt auch für Wohnaccessoires und Möbel. Das ganze Haus hat die Hotelgruppe Accor den Minimalisten jedoch nicht überlassen: 17 Räume durften sie bei der Generalsanierung gestalten, Stühle und Sessel mit weißen Hussen – ein Erkennungszeichen dieser Marke – überziehen und Weinflaschen zu Lampenfüßen umfunktionieren. In den anderen 40 Zimmern blieb der klassische Luxus erhalten.

Die Kunden sind anspruchsvoll

Es ist nicht einfach, die Kundschaft, die die Welt der Luxushotellerie bevölkert, zu überraschen und zu überzeugen. Die Konkurrenz ist genauso groß wie die Ansprüche, perfekter Service und Komfort sowieso selbstverständlich: Ein Spa, ein Sternekoch und Daunenbetten tun es längst nicht mehr. Von Modeschöpfern gestaltete Hotels aber haben dieses gewisse Etwas, das sechs Sternen noch ein Krönchen aufsetzt. Sie bieten designaffinen und kosmopolitischen Gästen das passende Wohlfühl-Ambiente und folgen dem mitunter etwas zwanghaft wirkenden Lifestyle-Trend, der von jedem Individualität und Originalität in der Selbstdarstellung verlangt. Für jeden gibt es das Passende – wer das Margiela-Zimmer wählt, zeigt damit, dass sein Zugang zur Mode anspruchsvoll und eher intellektuell ist.

Für einen Modedesigner ist das von ihm entworfene Hotel wie ein Portfolio – für das, was er außer Kleidung noch kann. Längst wird ja Geld nicht mehr in erster Linie mit Kleidern verdient, sondern mit Parfüms, Taschen, Brillen und eben auch Möbeln. Die Produktlinie Armani Casa etwa bietet schon lange alles, was ein Sympathisant der für Giorgio Armani typischen, edlen Schlichtheit sich nur wünschen kann: neben Sofas, Schränken oder Lampen auch Geschirr, Betten, Kissen und Accessoires wie Bilderrahmen oder Teeservices. In Mailand wurde letztes Jahr in der Via Manzoni 31 – mitten in Mailands luxuriösem Triangolo d’Oro, dem goldenen Dreieck der Mode – das nach Dubai zweite Armani-Hotel in den typischen Beige- und Sandtönen eröffnet. Wer die puristische Lobby betritt, wird sofort sanft von einem Duft aus der Privé-Kollektion umfangen und ist damit auch olfaktorisch in die Armani-Welt eingetaucht.

Dass das Haus vom Armani-Deluxe-Room über die Classic- bis zur Presidential-Suite den Komplettlook bietet, versteht sich von selbst. Marmorbad, Privatkino, Cocktailbar, Esszimmer? Der Wunsch des Gastes ist Befehl. Um das Gefühl zu vervollkommnen, fern von zu Hause zu Hause zu sein, steht dem Besucher mit der Buchung rund um die Uhr ein Lifestyle-Manager zur Seite, der sich als Gastgeber versteht und nicht nur jeden Wunsch von den Lippen abliest, sondern auch Vorschläge macht, wie der Aufenthalt so erquicklich wie möglich gestaltet werden könnte. Aber selbstverständlich ist das Design das augenfälligste Merkmal dieser Hotels, es spiegelt die Ästhetik der Marke wider, die der Gast hier entdecken kann oder die ihm ohnehin vertraut ist.

Das erste von einem Modeschöpfer ersonnene Hotel wurde im September 2000 von Gianni Versace mit dem Immobilienentwickler Sunland an der australischen Goldküste eröffnet. Typisches Versace-Design ist von den alten Meistern inspiriert, von der Renaissance und dem Barock. So üppig wie die daraus entwickelten Home-Kollektionen sind deshalb die Palazzi Versace in Australien und neuerdings auch in Dubai. Für das Dinner kann der Gast zwischen verschiedenen Restaurants wählen, von denen ihm jedes mit einem besonderen Versace-Porzellan zusätzlichen Augenschmaus bietet. „Le Jardin“ heißt die Serie, von der der Gast in der Gartenlobby speist, das Medusen-Dekor findet er im Ballroom und das Design „Trésor de la Mer“ im Vanitas-Restaurant, wo sich sein Blick zusätzlich am eleganten Strahl der Fontänen in den großzügig angelegten Wasseranlagen ergötzen kann. Alles in diesen Hotels, von den Marmor-Mosaiken über die Möbel, die Tafel- und Bettwäsche bis hin zum Silber ist einhundert Prozent Versace.

Stiefel werden Lampenfüße

Der so ganz unterschiedliche und in beiden Fällen atemberaubende Luxus der Armani- und Versace-Ressorts, bei denen der typische Stil zu einer weltweiten Corporate Identity perfektioniert wurde, ist indes nicht zwingend für ein Modedesignerhotel. Das Margiela-Haus in Paris ist nicht unbedingt darauf angelegt, daraus eine luxuriöse Kette zu machen. Mit seinen Türstoppern, die wirken, als ob ein rohes Ei auf dem Boden läge, oder dem Kuriositätenkabinett in einem der Zimmer entführt es den Gast in eine „Alice im Wunderland“-Welt. Eine Idee, die typisch ist für die kleineren Häuser dieser Hotelmode. In der Maison Moschino in Mailand, in einem ehemaligen Bahnhofsgebäude von 1840 untergebracht, gibt es sogar einen „Alice Room“. Eine überdimensional große Tasse mit Untersetzer dient hier als Tisch, über dem eine ebenfalls riesenhafte Glühbirne den Raum erhellt. Durch den „zzzzzz Room“ surrt eine riesige Biene, und der „Wallpaper Room“ ist buchstäblich von der Tapete bis zur Tagesdecke und den Lampenschirmen mit dem Moschino-typischen Herz dekoriert. In der Bar spenden Kleiderpuppen mit Moschino-Modellen ein mildes Licht, ein schwarzer Stiefel dient als Lampenfuß. Willkommen in der Moschino-Welt.

Besonders klein, fein und intim ist das von Christian Lacroix eingerichtete Hotel du Petit Moulin im Pariser Stadtteil Marais. Wer die Chance hatte, das Hotel einmal vom Designer selbst gezeigt zu bekommen, der weiß, dass sein Herz an der Einrichtung hängt. Beherzt schiebt er in einem der 17 Zimmer eine Kommode in die richtige Position oder bringt ein Bild mit einer seiner Modezeichnungen wieder in die Waagerechte. Jeder Raum ist anders, hier ein bisschen Pop Art, da ein Tick Zen, dort orientalische Farbenfreude. Typisch Lacroix, dessen Mode auch ein Patchwork der Stile ist. In der Vielfalt des Hotels, sagt der Meister, solle sich auch die Vielfältigkeit des bunten Bezirks spiegeln, in dem Moderne und Tradition ganz nah nebeneinanderliegen.

In allen diesen Häusern kann der Gast erleben, wie sich die Welt seines Lieblingslabels in Gänze anfühlt. Das gilt auch für das Missoni-Hotel in Edinburgh, das Mailänder Bulgari-Hotel oder ein Hotel mit Möbeln von Diesel in Miami. Das amüsiert den Gast für ein paar Tage oder animiert ihn vielleicht auch längerfristig, den Kleiderschrank oder das Zuhause etwas aufzufrischen. Aber Vorsicht, es ist nicht unbedingt eine gute Idee, die Designer-Suite zu Hause zu kopieren. Genauso wenig, wie man im Komplett-Look einer Marke herumlaufen möchte, lebt es sich auf Dauer komfortabel in einer solchen – wenn auch geschmackvoll zusammengestellten – Theaterkulisse.

Zumindest sollte man keine Hemmungen haben, verschiedene Designkollektionen zu mixen. Warum nicht eine Medusen-Vase von Versace zum Sofa mit Jeansbezug von Diesel? Optimalerweise macht dann Omas alter Lehnstuhl das Ganze so richtig gemütlich. So wie ein Lifestylemanager keine Freunde in der fremden Stadt ersetzen kann, fehlt dem noch so liebevoll eingerichteten Modedesigner-Hotelzimmer zwangsläufig das herzerwärmende Quäntchen Lebendigkeit und Durcheinander. Für den hohen Preis muss es dem Gast nämlich eines unbedingt bieten: Perfektion.

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