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Ein Blick in die Abfüllkammer der Kelterei.

Israel

Der Schatz unterm Keller

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Auf eigene Kosten bestritten die Bewohner eines Dorfes in Israel eine Ausgrabung – und legten die wohl größte Weinkelterei aus der Zeit der christlichen Seefahrer frei.

Den Anstoß gaben lose Steine. Immer wieder fielen schwere Brocken von der zerfallenden Burgmauer hinab. Besonders während der Regenperioden im Winter wuchs das Risiko, dass sie eines der dort gerne spielenden Kinder erschlagen könnten. Behelfsweise sperrten dann die Bewohner in Mi’ilya, einem christlich-arabischen Dorf im Norden Galiläas, die Gefahrenstellen ab. Aber als im Januar 2017 erneut mächtige Steinklötze herunterstürzten, beschloss Rabei‘ Khameisi, so könne es nicht weitergehen. „Ich sagte meiner Frau, ich muss was unternehmen, sonst bin ich es nicht wert, hier länger zu leben.“

Schon von Berufs wegen sah er sich in besonderer Verantwortung. Er, ein drahtiger Mann mit eisgrauem Kurzhaarschnitt, ist promovierter Archäologe. Dass die Ruinen des Kastells, um das sich einst der ursprüngliche Dorfkern gruppierte, vor seinen Augen zerbröselten, empfand er als persönliche Herausforderung.

Spuren der christlichen Tradition finden sich in Mi’ilya überall.

Nur, wer würde für die dringendsten Instandhaltungsarbeiten aufkommen? Auf mindestens 300 000 Schekel, also rund 80 000 Euro, beliefen sich die geschätzten Kosten. Von der Regierung in Jerusalem war wenig Hilfe zu erwarten. Also initiierte Khameisi eine Sammelaktion unter seinen Mitbürgern in Mi’ilya. Hielt Vorträge, klopfte an Haustüren, rechnete in persönlichen Gesprächen vor, dass man die benötigte Summe aus eigener Tasche auftreiben könne, wenn jeder im Dorf 70 Schekel spende, so viel wie für zwei Päckchen Zigaretten. Am Ende jedenfalls hatte Khameisi das Geld zusammen und dazu Verbündete gefunden, die auch größere Beträge locker machten.

Allzu schwer fiel ihnen das nicht. Das idyllisch auf einer Bergkuppe gelegene Mi’ilya steht ökonomisch bestens da. Fast dreißig Prozent der 3300 Einwohner sind Akademiker. Gleich ein Dutzend von ihnen haben Archäologie studiert, angeregt durch Mi’ilyas wechselvolle, tausende Jahre alter Geschichte. Nur Bauern gibt es nicht mehr, was nicht zuletzt daran liegt, dass Israel die Gemeindegrenzen so eng gezogen hat, dass dem Dorf von seinen früheren Ländereien lediglich ein Siebtel geblieben ist. Ein Schicksal, das Mi’ilya mit anderen arabischen Ortschaften teilt. Umso mehr klammern sich die Bewohner eines der beiden letzten israelischen Dörfer, in denen ausschließlich Christen wohnen, an ihre Tradition. „Jeder“, sagt Khameisi, „pflegt nebenbei ein paar Olivenbäume oder Tabakpflanzen. Die Leute hier lieben ihr Land.“

Schon deshalb wird aus Prinzip nur an Einheimische verkauft oder vermietet. „Wir wollen die Dorfgemeinschaft erhalten wie sie ist“, betont Hatem Araf, der Bürgermeister. Nicht, dass er selber religiös sei. „Aber die christliche Identität zu bewahren, ist für uns ein Muss.“ Dahinter steckt die Sorge, sonst als schwindende Minderheit in der Mehrheitsgesellschaft unterzugehen. Die arabischen Christen machen in Israels Gesamtbevölkerung gerade mal 2,1 Prozent aus.

Salma Assaf hat die Ausgrabung im Keller selbst finanziert.

Doch Besucher von außerhalb sind hochwillkommen. Nicht nur zur Weihnachtszeit, die in Mi’ilya bis zum 8. Januar zelebriert wird, zieht es Juden wie Moslems aus den Nachbarkommunen her. Dann sind über die Gassen Lichterketten gespannt, zwischen Zedern und Palmen blinken Christbäume, und vor der Santa Maria-Kirche, hoch oben neben der Burgruine, fehlt natürlich nicht die klassische Krippenszene mit Ochs, Esel und dem Jesus-Kind.

Seit letztem Sommer hat Mi’ilya zudem eine ganzjährige Attraktion zu bieten: Die Besichtigung eines Kulturschatzes, von dessen Existenz bis vor drei Jahren niemand etwas ahnte. Und wieder war es die Eigeninitiative einer Bewohnerin, ohne die eine verschüttete Weinkelterei, vermutlich die größte aus der Ära der Kreuzfahrer, wahrscheinlich nie entdeckt worden wäre. Diesmal war es ein einzelner loser Stein, der die Sache ins Rollen brachte. Er war Salma Assaf, einer Historikerin, in den Kellergewölben der alten, von Kreuzfahrern im 12. Jahrhundert errichteten Burganlage aufgefallen. Um diese Festung herum hatten sich die aus dem Libanon stammenden Vorfahren ihres Mannes, wie die meisten Familien in Mi’ilya griechisch-katholischen Glaubens, vor rund 260 Jahren niedergelassen.

Das Dorf blickt zwar auf eine noch viel ältere Geschichte zurück, die bis in die Steinzeit reicht; auch Relikte aus dem römischen Byzantium wurden hier schon gefunden. Aber unter den Kreuzfahrern war dieser Ort in wasserreicher Gegend, 16 Kilometer von ihrer Hafenstadt Akko entfernt, zu einem Verwaltungszentrum aufgeblüht, gekrönt von der „Königsburg“, „Chateau du Roi“ genannt. Bis nach der islamischen Eroberung des „Heiligen Landes“ eine neue Zeit anbrach. Erst ab 1738 siedelten sich, dank einer Vereinbarung zwischen Frankreich und Daher al-Omar, dem vom Osmanischen Reich eingesetzten Kommandanten in Akko, erneut Christen in Mi’ilya an. Darunter die Familie Assaf.

Archäologe Rabei‘ Khameisi in der Weinkelterei.

Doch damit zurück in die Gegenwart, als Salma Assaf beim Kelleraufräumen besagten losen Stein entfernen ließ. Der offene Spalt gab den Blick frei auf eine größere steinerne Struktur, Genaueres war nicht zu erkennen. Mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann hatte die 67-Jährige öfters gescherzt, „wenn wir hier ausgraben, stoßen wir womöglich auf einen Schatz“. Aber nun, da sie vor der realen Frage stand, ob sich das lohnen würde, war sie hin- und hergerissen. Die israelische Antikenbehörde bewilligte zwar den Antrag auf Ausgrabungen, das Zinman-Institut der Haifa-Universität, an dem Rabei’ Khameisi tätig ist, war auch sofort bereit, die Arbeiten zu übernehmen. Die Finanzierung allerdings sei Privatsache, hieß es allenthalben.

Schließlich rang sich Salma Assaf, eine zierliche, energische Frau, dazu durch, eine halbe Million Schekel, etwa 120 000 Euro, in dieses archäologische Abenteuer zu investieren. „Wir haben all unser Geld in die Ausgrabungen gesteckt“, sagt sie stolz. Ihr Wagnis entpuppte sich als Glücksfall. Bei ihrer Buddelei stießen Khameisi und sein Team von der Haifa-Universität auf zwei gewölbte, in den Felsen eingelassene Räume. Dort wurden, wie nähere Untersuchungen ergaben, dereinst die Trauben gestampft und ihr Saft mittels durchbohrter Sandsteine in die noch einige Meter tiefere Abfüllkammer geleitet.

Eine solch ausgeklügelte Produktion in derartiger Dimension sei ein einmaliger Fund, begeistert sich Khameisi bei seiner Führung durch die unterirdische Anlage. Ein Agraringenieur habe ihm bestätigt, dass „dies hier der bestgeeignete Platz für eine Weinkelterei plus Lager ist“. Schon damals, vor rund 900 Jahren, wusste man offenbar in Mi’ilya einen guten Tropfen zu schätzen.

In den Gewölben unter dem Restaurant „Chateau du Roi“ liegt die Kelterei.

Auch daran wird heute angeknüpft. Über der wieder abgedeckten Ausgrabungsstätte hat kürzlich ein Feinschmeckerlokal eröffnet, das „Chateau du Roi“. Wer hier, unter den steinernen Rundbögen der uralten Burganlage speist, kann durch die im Boden eingelassenen Glasfenster hinabschauen in den mit Dimmerlicht erhellten, freigelegten Weinkeller, während der in Italien ausgebildete Chefkoch – auch er ein Sohn des Dorfes – den nächsten Gang zubereitet.

Derweil planen Salma Assaf und Rabei‘ Khameisi schon weiter. Als nächstes soll ein Museum her, wenn möglich auch eine Galerie. Denn: So ein Kulturerbe wie in Mi’ilya verpflichte nun mal.

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