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Mit viel Aufwand inszenieren die Künstler eine fantastische Welt aus Schatten.
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Mit viel Aufwand inszenieren die Künstler eine fantastische Welt aus Schatten.

Pilobolus

Wo Schatten wachsen

  • Regine Seipel
    VonRegine Seipel
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Das Tanztheater Pilobolus kreiert in ländlicher Idylle eine Show mit Welterfolg. Ein Besuch bei den Proben im US-amerikanischen Connecticut.

Die Brutstätte der Pilze hat Charme: Ein in die Jahre gekommenes weißes Holzhaus, zurückgesetzt von der schnurgeraden Durchgangsstraße, die kurz gemähte Rasenflächen von gepflegten Anwesen in Washington Depot in Connecticut durchtrennt. Knapp zwei Autostunden fährt man von New York in nordöstliche Richtung in die Idylle New Englands, in der fast alle Häuser frisch gestrichen aussehen, die Veranden mit hübschen Blumen, Holzbänken und aufgesteckten Fahnen geschmückt sind. Viele wohlhabende New Yorker leisten sich hier ein Wochenenddomizil, knapp die Hälfte der rund 3500 Einwohner ist über 50 Jahre alt. Die Gegend schmückt sich mit prominenten Namen. Neben Filmproduzenten, Finanziers und Schriftstellern sollen sich auch Marylin Monroe und Mick Jagger zwischen den bewaldeten Hügeln erholt haben.

In diesem Klima gedeiht Pilobolus, ein Tanztheater, das ziemlich treffend nach einem Sporen versprühenden Pilz benannt ist und derzeit einen rasanten Aufschwung erlebt. Zwar existiert die Truppe, die 1971 von ein paar Studenten in New Hampshire gegründet wurde, schon seit 45 Jahren, doch die mehr als 100 Stücke, die seitdem in 65 Ländern gezeigt wurden, spielten meist in kleinerem Rahmen. Erst die abendfüllende Show „Shadowland“ lockte in Deutschland seit 2011 ein größeres Publikum in Fest- und Messehallen.

Die Mischung aus teils akrobatischem Tanz- und Schattentheater, eingebettet in eine anrührenden Geschichte über nächtliche Abenteuer einer Heranwachsenden in der Schattenwelt, erhielt gute Kritiken und ist seitdem auf Tourneen nicht nur in Europa, sondern auch in Lateinamerika, Australien und Asien zu sehen.

Jetzt wird nachgelegt. Das nächste Schattenstück ist fast fertig. Besuch aus Deutschland ist eingeladen, sich die Produktionsbedingungen in dem Dorf anzusehen, unter denen das auf der Bühne so technisch aufwendig wirkende Spektakel entsteht. Geprobt wird in einem hohen Saal mit Holzempore und großen Fenstern, ein historisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, von denen es einige in Washington Depot gibt.

Die Künstler teilen es mit Clubs und Gesellschaften, die am Wochenende in dem Raum ihre Feiern abhalten. Vom Bodenbelag bis zu den Halterungen der großen Leinwände muss die ganze Ausrüstung an den meisten Freitagen ab und sonntags abends wieder aufgebaut werden, ein Aufwand, der fünf bis sechs Helfer zum Teil drei bis vier Stunden beschäftigt.

Natur und Ruhe sind gute Quellen für die Kreativität, sagt Itamar Kubovy, Geschäftsführer der Truppe, ein gemütlicher Mann, der auch schon einige Jahre bei Theaterprojekten in Deutschland gearbeitet hat. Er führt durch die kleinen Räume des Holzhauses, in denen Verwaltung und kreativen Köpfe ihre Büros haben. Zwischen Probenfotos, Plakaten und Familienbildern mischen sich Meilensteine aus der Geschichte des Ensembles in die Dekoration. Hier eine Zeichnung des Cartoonisten Art Spiegelman, wie Frank Zappa und Pierre Cardin, einer der großen Namen, mit denen die Tänzer zusammengearbeitet haben.

Eine Etage höher, im Raum, in dem die Choreographen Figuren entwickeln, steht ein Emmy auf der Kommode mit Trophäen, der bedeutende Fernsehpreis der Vereinigten Staaten, den Pilobolus für außerordentliche Errungenschaften im kulturellen Bereich erhielt. Die abwaschbare Wand gegenüber dient als riesiges Whiteboard mit Regieanweisungen, überall Zettel mit Anmerkungen zu Szenen und über der Tür der Spruch, der jedem ins Auge fallen muss: „Be nice to each other“.

Nett zueinander sein, das präge die Atmosphäre, sagt Kubovy, trotzdem seien die Anforderungen hoch. Wenn die Gruppe einmal im Jahr neue Talente sucht, kämen 400 Bewerber auf ein bis zwei Jobs. Fünf Tage dauert die Auswahlprozedur, zunächst in New York, später bei hartem Training mit dem Ensemble auf dem Land. Wer es geschafft hat, sagt Shawn Ahern, der im neuen Stück eine Hauptrolle tanzt, ist glücklich. Die Künstler leben in Washington Depot zum Teil in Wohngemeinschaften. Zum Job gehört die Nähe von Leben und Arbeit, insbesondere auf Tourneen, doch auch sonst trifft man sich privat, gern auch zum Grillen im Landhaus von Robby Barnett, dem letzten Gründer, der bis heute dem Kreativteam angehört.

Die neue Geschichte hat wieder Steven Banks geschrieben, unter anderem auch Drehbuchautor der erfolgreichen Zeichentrickserie „Sponge Bob“, wobei er keine fertige einzustudierende Vorlage abgeben hat. „Die Charaktere verändern sich während der Proben“, sagt er, teils sogar während der Tourneen. Dann fliegen manchmal sogar die Choreographen ein, um irgendwo auf einer Bühne in Europa oder Asien nochmal an Details zu feilen.

Auch Publikumsreaktionen fließen ein, deswegen wird das fast fertige Stück zum ersten Mal zusammenhängend vor Freunden und Bekannten im Theater von Torrington aufgeführt, eine halbe Autostunde vom Sitz des Ensembles in Washington Depot entfernt. Auf der Bühne ist endlich Platz für das volle Programm, auch für beide verschiebbaren Leinwände, hinter denen die fantastischen Schatten zum Leben erweckt werden und mit denen bisher nur einzeln geprobt werden konnte.

Nach dem Erfolg von „Shadowland“ muss die Gratwanderung im Nachfolgestück gelingen, prägende Elemente aufzugreifen, ohne Wiederholungseffekte entstehen zu lassen. Wer will, kann „Shadowland 2“ sogar politisch verstehen. So wie etwa David Poe, der die Musik schrieb, und den Kampf zweier Liebender um die Rettung der Fantasie als Aufstand gegen ein System der Unterdrückung interpretiert.

Bildlich drückt sich das auf der Bühne in Pappkartons aus, eine Packstation mit Fließbandarbeit und Verboten, automatisiert, entmenschlicht und mit Google-Brille überwacht. Zwei trauen sich trotzdem, eine Schachtel zu öffnen, in der Träume in Gestalt eines entzückenden Vogels verborgen sind. Und wieder entfaltet sich eine wunderbare Welt zwischen Illusion und Realität, in der sich permanent Dimensionen verschieben, Menschenfiguren zu Gegenständen werden, und wilde Verfolgungsjagden ebenso rasant wechseln, wie akrobatischer Tanz vor und Verführung des Schattenspiels auf der Leinwand.

Höchste Präzision ist erforderlich, damit aus dem Zusammenwirken von Licht, Requisite und Körper der gewünschte Anblick entsteht.

Das funktioniert mit verblüffend einfachen Mitteln und einem Zubehör, das in zwei große Kisten passt: Schablonen von Hochhäusern, ein Plastikblumenstrauß, Stäbe oder ein Federbusch werden von der Regieassistentin in schnellen Wechseln auf die Bühne geschoben.

Den einfachen Mitteln ist Pilobolus treu geblieben, obwohl mit dem Erfolg des ersten Stücks die finanziellen Möglichkeiten gewachsen sind. Das Unternehmen, das öffentliche Zuschüsse erhält, stecke alle Gewinne wieder in die Theaterarbeit, sagt Geschäftsführer Kubovy. Im Aufsichtsrat, der die Geschäfte kontrolliert, sitzen viele wohlhabende Finanziers und Kulturschaffende aus New York, die die Förderung der Theatergruppe nicht ganz uneigennützig betreiben. Viele von ihnen haben in Washington Depot ein Wochenendhaus oder ihren Altersruhesitz. Mit dem Erfolg von Shadowland im Rücken plant Pilobolus jetzt ein eigenes Kulturzentrum für Proben und Veranstaltungen auf einem großzügigen Farmgelände am Ort. Dann soll noch mehr Kultur aufs Land ziehen – die Pilze wollen weiter wachsen.

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