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Highway to Hell: Die Straße zum Flughafen von Donezk war 2014 eine der umkämpftesten Routen in der Ostukrain.

Ostukraine

Im Schatten der WM

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Während die Welt die WM in Russland feiert, liefern sich Armee und Separatisten in der Ostukraine immer heftigere Kämpfe. Ein Besuch in der Frontstadt Awdijiwka.

Alina Kosowska war gerade 16 Jahre alt, als sie sich dem Freiwilligenbataillon „Marusias Bären“ anschloss. Schießübungen und Liegestütze machte sie in einem geheimen Camp außerhalb Kiews. Unter dem Stahlhelm: Ein Kindergesicht. Wangen, die erröteten, wenn jemand das Wort an sie richtete: Alles in allem war Alina damals ein Mädchen, dem Erwachsene das Rauchen verbieten würden. Und das Schießen ohnehin.

Das ukrainische Recht untersagt zwar den Dienst von Minderjährigen an der Waffe. Aber das Bataillon „Maruisias Bären“ unterstellte sich ohnehin nicht dem ukrainischen Verteidigungsministerium, war also illegal. Und Alina Kosowska sagte damals, im Krieg müsse eben jeder tun, was möglich ist. Ihre Wangen glühten vor Eifer.

Drei Jahre sind seitdem vergangen. Bei unserem Wiedersehen marschiert Alina Koswoska wie ein Marschall durch die Ruinen von Awdijiwka. Ihre Wangen röten sich aber noch immer, wenn sie etwas gefragt wird. Kosowska zeigt zunächst ihre Wohnung in einem intakten Plattenbau. Es hängen zwei Bilder an der Wand. Auf einem ist sie als Nachwuchstalent für rhythmische Gymnastik und Tanz in ihrem Sportinternat in Kiew zu sehen, damals, vor der Maidan-Revolution 2014. Auf dem anderen, das im Jahr 2016 aufgenommen wurde, richtet die heute 19-Jährige ihr Gewehr auf den Feind. Ob sie in den vergangenen Jahren viele Menschen getötet hat? „Ich hoffe es“, sagt sie.

Monatelang hat die zierliche Kämpferin in Schützengräben gehockt, dank der vielen Trainingsstunden ihrer Kindheit ist ihre Körperhaltung ungebrochen aufrecht. Beim Gang durch die Stadt an der den Donbass zerreißenden Frontlinie bleibt sie vor einem Wandgemälde an einer mit Einschusslöchern übersäten Hauswand stehen. Hier hat der australische Künstler Guido van Helten vor zwei Jahren das Gesicht der Lehrerin Marina Marchenko auf die Fassade eines Hauses an der Molodizhna-Straße gemalt. Marchenko hielt den Betrieb der Grundschule in der Stadt aufrecht, obwohl es pausenlos Granaten und Grad-Raketen regnete.

Rund 35 000 Menschen lebten vor Kriegsausbruch in der 15 Kilometer nördlich von Donezk gelegenen Stadt. Das war einmal. Gras wuchert zwischen Steinplatten, Zaunlatten hängen über dem Bürgersteig, selbst in unbeschädigten Gebäuden gähnen dort, wo einmal Fenster waren, Löcher wie zahnlose Münder. Katzen räkeln sich auf dem warmen Asphalt, als wüssten sie, dass hier kein Lada um die Ecke biegt und sie überfahren könnte.

„Das hier ist wie Tschernobyl“, sagt Kosowska. Und meint damit die trügerische Stille, die nichts von Gefahr verrät, den schleichenden Verfall der Stadt, unaufhaltsam, seit die Menschen, die sie instand halten sollten, weggegangen sind.

Es gibt nur Schätzungen, wie viele Einwohner in den vergangenen Jahren aus Awdijiwka geflüchtet sind. Einige sprechen von 20 000 Menschen, die sich eingereiht haben in den Exodus der laut offizieller Zahlen 1,6 Millionen ukrainischen Binnenflüchtlinge. Doch mehr Menschen sind im Kriegsgebiet geblieben. Das Rote Kreuz spricht von 3,4 Millionen Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. In Orten wie Zaitsevo, Krymske oder Switlodarsk sind die Bewohner zu arm oder zu alt für die Flucht. Dörfer und Städte, die entlang der 500 Kilometer langen Front an Stellungen der Armee und der Separatisten liegen, gehören im Jargon der Militärbeobachter von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zur Grauen Zone.

Beide Seiten versorgen Ortschaften auf ihrem Territorium mehr oder weniger regelmäßig mit Gütern. Je nachdem, wie laut die Waffen schweigen. Die Transporte stocken seit Wochen, nachdem auf Maschinengewehrsalven die ersten Granateneinschläge folgten. Und auf diese die Detonationen schwerer Artilleriegeschosse. Der Donbass bebt und brennt entlang der Grauen Zone. Die ukrainische Armee meldet seit Anfang Mai Dutzende Verluste in ihren Reihen sowie viele tote Zivilisten. Sie spricht vom blutigsten Monat seit Langem. Über die Verluste auf der anderen Seite der Kontaktlinie gibt es keine Informationen.

Aber, Alina Kosowska interessieren die Probleme der Zivilisten im Donbass ohnehin wenig. Sie hat ihren Dienst an der Front beendet, um als Helferin zu arbeiten. Nur gilt ihre Hilfe nicht denjenigen, die sich 2014 plötzlich im Krieg wiederfanden. Kosowska hat ihren Einsatz für „Marusias Bären“ eingetauscht für die „Sterne der Hoffnung“. Das Netzwerk versorgt jene, die immer noch auf eigene Faust an der Front kämpfen, mit Essen, Medikamenten und Ausrüstung. Eigentlich sollte es das in der Ukraine nicht mehr geben: Die Regierung in Kiew erklärt, dass sie alle irregulären Kampfverbände unter ihren Oberbefehl gebracht hat. Kosowskas Wangen röten sich. Sie dürfe nicht verraten, wie viele Freiwillige an diesem Frontabschnitt derzeit kämpfen, sagt sie. Aber sie macht keinen Hehl daraus, dass sie nicht verstehen kann, warum die Kämpfer für die Bewohner der Region ihren Kopf hinhalten: „Die Hälfte unterstützt doch die andere Seite“, sagt sie. Es klingt, als erübrige sich damit jedes Mitgefühl für Menschen, deren Heimat allmählich zerfällt.

In einer Straße wenige Blocks von van Heltens Wandbild entfernt, parkt ein Auto, ohne Staubschicht, kein Rost. Eine wuchtige Frau in einem Sommerkleid steigt aus. Ein Mädchen, augenscheinlich die Tochter, folgt mit Plastiktüten voller Einkäufe in der Hand. Es knallt. Ein Mörsergeschoss explodiert und es klingt nahe. Olha Petrowskaja zuckt nicht einmal zusammen. Wie es ist, so nahe an der Frontlinie zu leben? „Ich zeige es Ihnen gerne“, sagt die 54-Jährige und führt uns ins Haus.

Die Wohnzimmerwand hinter dem Sofa ist aus Holz. Vormals war sie aus Beton. Olha saß dort mit ihrer Mutter, als die Granate unweit des Hauses einschlug. „Die Engel müssen uns beschützt haben. Hinter uns war die Wand weg. Aber wir waren noch da und saßen auf dem Sofa“, sagt sie. Auch der Nachbar im obersten Stockwerk hatte Glück. Er war im Bad, als die Detonation sein Schlafzimmer zerriss. Seitdem klafft das Loch in dem Gebäude. Der Nachbar machte sich auf und davon, lebt jetzt irgendwo in der Ukraine, wo nicht jeder Gang auf die Toilette der letzte sein kann. Petrowskaja und ihre Kinder sind geblieben. Allein in einem mehrstöckigen Wohnhaus. Sie habe keine Wahl, sagt Olha. Ihr Mann starb an einem Schlaganfall, nachdem die Wohnung getroffen worden war. Sie als Hausfrau könne ihre minderjährigen Kinder anderswo in der Ukraine unmöglich ernähren. Und die staatliche Unterstützung für Flüchtlinge reiche ihr nicht aus, um alles aufzugeben. „Die Wohnung gehört mir, wir haben einen Garten und die Rente meines Mannes“, sagt sie. Und dann sind da ja auch noch die Engel, die schon mal geholfen haben.

Alina Kosowska hört der Hausfrau mit verschränkten Armen zu. Sie ignoriert mehrfach deren Bitte, sie möge doch auf dem Sofa Platz nehmen. Misstrauen hängt in der Luft. Dabei macht Olha Petrowskaja keinen Hehl daraus, welche Seite sie im Krieg unterstützt. Sie empört sich, dass die Welt nach Russland fahre, um dort die Fußball-WM zu feiern. „Es gibt einen alten Spruch. Wenn geschossen wird, gibt es keine Musik“, sagt sie. Alina drängt zum Aufbruch. Es gebe wunderbare Leute in Awdijiwka, die sie uns unbedingt noch vorstellen möchte.

Im Auto geht es noch etwas näher an die Frontlinie. Alina Kosowska steigt aus und klopft an ein Tor. Ein durchtrainierter Mann öffnet das Tor und umarmt die ehemalige Kämpferin. Andrej Bondar ist einer ihrer wenigen Freunde in der feindlichen Umgebung. In der Küche setzt Bondars Frau Jana gerade Teewasser auf. Postkarten mit dem Konterfei des von den einen als Nationalheld verehrten, von den anderen als NS-Kollaborateur geschmähten Stepan Bandera schmücken den Kühlschrank. Klar, dass Kämpferin Alina sich hier verstanden fühlt.

Die Bondars sind russischsprachige Ostukrainer, die für die Ukraine kämpfen – gegen die eigenen Verwandten in der nahen Großstadt Donezk. „Meine Schwester sitzt auf gepackten Koffern, weil die russischen Medien behaupten, die Ukraine wolle während der WM angreifen, um Russland die Spiele zu verderben“, sagt Jana. Ihr Tonfall legt nahe, dass Donezker auch glauben, die Erde sei eine Scheibe, wenn das russische Fernsehen das so berichtet. Ihr Mann schüttelt den Kopf. „Unsere Armee greift nicht an, solange die Grenze zu Russland nicht von uns kontrolliert wird und die Russen einfach ihre Truppen schicken können“, sagt er. Sicher, wenn, wie Kiew es sich wünscht, UN-Blauhelme die Grenze kontrollieren, könnte die Ukraine in wenigen Wochen mit den Separatisten aufräumen, fügt er hinzu. Dass ein Krieg eigentlich nicht das Ziel einer internationalen Friedensmission ist, scheint ihn nicht zu stören.

Alina Kosowska will das letzte Stück an die Frontlinie nicht mitgehen. Dort liegen die Posten der ukrainischen Armee. Sie spricht von den Truppen Kiews wie von einer für sich stehenden Partei in dem Konflikt, der die Freiwilligen nicht unbedingt trauen. Der SUV lässt Awdijiwka und Alina zurück und steuert durch Weizen- und Roggenfelder. Die Erde hier ist fruchtbar, aber wer sie bestellt, könnte auf Minen oder nichtexplodierte Granaten treten. Die Räumkommandos kommen in der Ostukraine kaum nach, weil so viel Munition vom Himmel regnet.

Der Jeep hält in einem Wald an einer Stellung. Dort wartet Kommandant Oleksey Ganziy. Der 34-jährige Ostukrainer aus Charkiw leitet ein Bataillon, dessen Name nicht genannt werden darf. Ganziy führt den Besucher über einen mit gelben Plastikband an Bäumen ausgezeichneten Pfad. Der Weg sei garantiert frei von Minen, heißt es. Ganziy hat sich bereit erklärt, den Besuchern das Juwel von Awdijiwka zu zeigen. Ein Schatz, der in der Hand des Feindes ist: Das Wasserwerk, an dessen Pumpen die Leitungen in der ganzen Region hängen. Awdijiwka hängt am Tropf der Separatisten und hat Glück, dass der Landstrich nördlich von Donezk ohne das Werk gleichfalls kein Wasser hat.

Beide Seiten beschießen sich also bis zu den Toren des Werkes. Die Arbeiter sind dahinter zwar sicher, aber sie müssen erstmal in die Fabrik gelangen. Der Wald grenzt an den Highway to Hell. Die Straße zum Flughafen von Donezk war während der Kämpfe 2014 eine der umkämpftesten Routen in der Ostukraine und erhielt so ihren Namen. Heckenschützen belauern sich entlang der an vielen Stellen aufgeplatzten Asphaltschlange. Ganziy tritt aus dem Busch, rennt bis zur Mitte der Straße, wo er mit dem Maschinengewehr in der Hand in die Knie geht und nach allen Seiten Ausschau hält. Dann sprintet er zur anderen Straßenseite. Der Kommandant winkt und der Rest der Einheit folgt.

Auf der anderen Seite des Highway to Hell sind durch die dichten Büsche nur die Umrisse des Wasserwerks zu erkennen. Es ist immer noch ein ganzes Stück entfernt, aber näher heran wagt sich kein ukrainischer Soldat. Das Werk, das Städte auf beiden Seite versorgt, als gebe es keine Front, erscheint wie ein Sinnbild für diesen Krieg. Es geht für keine Seite einen Schritt voran. Aber sogar im Stillstand wird gestorben und getötet. Nur verhandelt wird nicht.

Der Kommandeur erklärt, dass Provokationen eben beantwortet werden müssten. Gebe es viele Provokationen wie in den vergangenen Wochen, werde eben auch heftig gekämpft. Er zeigt auf seinem Smartphone, wie seine Soldaten in der vergangenen Nacht die Artilleriekanone bedienen und sich vor den Einschlägen von der anderen Seite wegducken. So sieht er aus, der vor drei Jahren besiegelte Waffenstillstand in der Ukraine. Der ukrainische Kommandeur hat seine eigene Theorie über die Kämpfe und die WM in Russland. „Während der Olympischen Spiele 2008 hat Russland Georgien angegriffen, nach den Spiele in Sotschi 2014 die Krim. Mal sehen, was sie nach der WM vorhaben“, sagt Ganziy. Aus seiner Sicht dienen die Kämpfe dazu, die Feuerkraft der Ukrainer zu testen.

„Wenn es so weitergeht, wird dieser Krieg ewig dauern“

Die Übersetzerin wiegelt ab, als der Kommandant sich abwendet. An der Front sehe immer alles schlimm aus, aber die Gewalt verlaufe seit Jahren in Wellen, nehme zu und wieder ab. „Ich glaube, das sind nur Gerüchte“, meint sie. Wichtig sei, dass die Armee die Stellung halte und sich um ein gutes Verhältnis zur Bevölkerung bemühe. „Wir haben immer mehr Rekruten aus der Region, weil die Leute erkennen, wie das Leben auf der anderen Seite ist. Das ist ein gutes Zeichen“, findet sie.

Abends, bei einem letzten Besuch in Alina Kosowskas Wohnung, zeigt die ehemalige Kämpferin, was sie in ihrer Freizeit macht. Sie malt Hasen- und Katzengesichter auf Geschosshülsen und schickt sie an Freiwillige in anderen Teilen der Ukraine. Sie sollen sie an dem Vaterland treu ergebene Ukrainer verkaufen. Wie viel die Organisation so verdient, sei auch ein Geheimnis, betont Alina Kosowska mit glühenden Wangen. Den Krieg lässt sie nicht einmal an einem Samstagabend beiseite, anders als ihre Nachbarn. Die sitzen bei lauter Musik auf dem Balkon, vielleicht, um das Grollen der Geschütze zu übertönen, das regelmäßig losbricht, sobald sich die Abenddämmerung über die Ruinen Awdijiwkas legt. Für Alina, die in ihrer Wohnung Bilder von der Front aufgehängt hat, aber keines von ihrer Familie, ist das alles bloß unnötige Ablenkung vom Kampf. „Wenn es so weitergeht, wird dieser Krieg ewig dauern“, sagt sie.

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