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Roter Stern über Russland: Der Kreml in Moskau. 

Der Heilige Narr

Schamane will Putin aus dem Kreml vertreiben

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Um den „Dämon“ loszuwerden, wollte Alexander Gabyschew zu Fuß bis nach Moskau wandern. Bis ins Ziel schaffte er es nicht.

Wie er den Dämonen austreiben wolle, sobald er Moskau erreicht habe? „Wissen Sie nicht, was eine Armee ist?“, antwortete Gabyschew auf die Frage eines Reporters des Portals znak.com. Ob er Moskau stürmen wolle? „Kein Kommentar. Nur ein Wort: Armee.“ Besonders friedfertig gab sich Alexander Gabyschew, 51, jedenfalls nicht.

Der Schamane aus der Permafrostprovinz Jakutien hatte sich vor einem halben Jahr zu Fuß auf den Weg gemacht, um im 8000 Kilometer entfernten Moskau Wladimir Putin, den er als „Dämonen“ betitelte, aus dem Kreml zu vertreiben. Zu Fuß, 15 bis 17 Kilometer am Tag, er nahm in Tschita und Ulan Ude an lokalen Protestkundgebungen teil, ein Dutzend Jünger schloss sich ihm an, sie nannten den studierten Historiker und ehemaligen Heizer Sascha-Schamane. Anwohner spendeten Geld und Brot.

Aber Gabyschews Dämonenaustreibung ist erstmal gescheitert. Nach dreitausend Kilometern nahmen ihn vergangenen Donnerstag östlich von Irkutsk Polizisten fest und verfrachteten ihn in ein Flugzeug zurück in seine Heimatstadt Jakutsk. Dort wurde er zu einer Untersuchung in eine psychiatrische Klinik gebracht, danach aber freigelassen.

Gescheiterter Rebell wird zum Star

Es läuft allerdings ein Verfahren wegen extremistischer Aufrufe gegen ihn. Er selbst erklärte in einem Video, alles sei in Ordnung, er wolle sich nun zu Hause ausruhen. Auch seine Anhänger sollten sich „beruhigen“. Örtliche Bürgerrechtler behaupten, der Staatssicherheitsdienst FSB habe ihn zu diesem Video gezwungen.

In Russland ist der gescheiterte Rebell jetzt trotzdem ein Star. Amnesty International erklärte ihn zum politischen Gefangenen, das jakutische Gesundheitsministerium klassifizierte ihn spitz als „selbsternannten Schamanen“, Kremlsprecher Dmitri Peskow beteuerte vor Journalisten, man wisse nicht, wie und von wem Gabyschew verhaftet worden sei. „Wir haben nichts damit zu tun.“

„Der Mann ist völlig ungefährlich, leidet vielleicht an leichten psychischen Schäden“, sagt der Moskauer Philosoph Iwan Kondrjatjew der FR. „Aber die Staatsmacht verfolgt ihn wie einen mittelalterlichen Hexer.“ Der Kreml, schreibt der Publizist Andrei Kolesnikow, habe Angst bekommen. „Da ist ein neuer Heiliger Narr, den man nicht als Geheimwaffe der Opposition bezeichnen kann, nicht als jemanden, der Geld von der US-Botschaft kassiert.“

Als Heilige Narren galten im alten Russland asketische Mönche, die barfuß oder gar nackt auf der Straße hausten, aber gerade deshalb von Volk und Adel verehrt wurden. Die sibirischen Schamanen haben mit ihnen gemein, dass auch sie durch Verzicht und körperlichen Schmerz die Nähe zu den himmlischen Mächten suchen. Aber viele Russen vergleichen den kriegerischen Gabyschew lieber mit den Kosakenhäuptlingen Stepan Rasin und Jemeljan Pugatschow, die im 17. und 18. Jahrhundert das zarische Hinterland mit Volksaufständen unsicher machten, aber scheiterten. Beide wurden in Moskau gevierteilt.

Heilige Narren ganz groß in Mode

Gabyschew ist glimpflicher davongekommen. Aber der rebellische und lautstarke Schamane hat auch in der russischen Hauptstadt lange vergessene Fantasien neu erweckt. Ist Gabyschew wie der sibirische Wunderheiler Rasputin vor gut einem Jahrhundert Vorbote einer Zeit neuer blutiger Wirren? Droht dem Kreml die wahre Gefahr nicht aus dem liberalen Westen, sondern aus dem irrationalen Osten des eigenen Reiches?

Die Gesellschaft warte auf einen neuen, mythischen Helden, behauptet der Politologe Sergei Obuchow. „Selbst eine Karikatur wie Sascha-Schamane fesselt die Aufmerksamkeit der Massen.“ Fünf Jünger Gabyschews setzen den Weg nach Moskau denn auch fort, ihr Führer ist ein junger Mann, den die anderen Sascha-Engel nennen. Der Blogger Andrei Filin verließ mit anderen Mitläufern Gabyschew schon vorher, sie marschieren getrennt auf Moskau zu.

Alexander Bartschachow, ein anderer jakutischer Schamane, aber dementierte gegenüber dem örtlichen Portal ulus.media die Meldungen, er sei auch zu Fuß aufgebrochen, um in Moskau Dämonen auszutreiben. Trotzdem sind heilige Narren oder Krieger aus der russischen Provinz, die in der Hauptstadt aufräumen wollen, gerade ganz groß in Mode.

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