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„Schaffe, immer schaffe“: Die letzten Schwäbinnen in Georgien

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Tamara Tumaeva gehört zu den letzten Sprecherinnen des Schwäbischen in ihrer Geburtsstadt Bolnissi. Stolz präsentiert sie den Wein, den ihr Sohn aus dem „Wingert“ gewinnt.
Tamara Tumaeva gehört zu den letzten Sprecherinnen des Schwäbischen in ihrer Geburtsstadt Bolnissi. Stolz präsentiert sie den Wein, den ihr Sohn aus dem „Wingert“ gewinnt. © Arthur Bauer

Anfang des 19. Jahrhunderts verlassen tausende Menschen ihre württembergische Heimat Richtung russisches Zarenreich. Auch im heutigen Georgien gründen sie Kolonien. Was ist nun geblieben von Katharinenfeld, ihrer einst reichsten und größten Siedlung?

Tamara strahlt, als sie die Haustür öffnet. Sofort huscht die kleine, schmale Frau mit schütteren kastanienbraunen Haaren in die Küche. Es riecht nach gebratenem Fleisch und Gemüsesuppe. In ihren braunen Hauspantoffeln tänzelt sie nun zwischen den vollen Töpfen auf dem Gasherd und dem kleinen Esstisch. Füllt immer wieder unsere Teller, erst mit Borscht, dann mit Fleisch und Krautsalat. „Kommt, ich gebe euch noch mehr Suppe“, sagt sie auf Russisch und ergänzt auf Schwäbisch: „A bissle.“ Dazu reicht sie Brot: „Tunke, tunke, tu es. Des Brot do neitunke.“

Tamara ist 84 Jahre alt und eine der letzten drei Schwäbinnen von Bolnissi, einer Kleinstadt 60 Kilometer südlich von Georgiens Hauptstadt Tbilissi. „Bis 1941 lebten noch 6500 Deutsche hier“, sagt Oliver Reisner, Professor für Europa- und Kaukasienstudien an der Staatlichen Ilia Universität in Tbilissi. Die meisten Katharinenfelder zu dem Zeitpunkt waren Nachkommen von Württembergern, die Anfang des 19. Jahrhunderts den Lockungen des russischen Zaren Alexander I. gefolgt waren: Er wollte seine neu eroberten Gebiete im Südkaukasus besiedeln, bot neben kostenfreiem Land Glaubens- und Steuerfreiheit. Die von Hungersnöten, Kirchenstreitigkeiten und einem despotischen König gebeutelten Süddeutschen hatten wenig zu verlieren und gründeten in der Nähe von Tiflis, dem heutigen Tbilissi, erste Siedlungen.

Georgien: Was ist aus dem ehemaligen Katharinenfeld geworden?

Eine davon war Bolnissi und bekam damals den Namen Katharinenfeld. „Sie wurde die größte und wirtschaftlich erfolgreichste der Kaukasiendeutschen“, sagt Reisner. Der Historiker lebt seit 29 Jahren in Georgiens Hauptstadt, hat 2015 einen Verein zur Bewahrung des deutschen Kulturguts im Südkaukasus gegründet und kennt die Geschichte der Siedler im Detail: Anfangs machten die ungewohnt heißen Sommer den Schwaben zu schaffen. Im Winter wiederum schützen die einfachen Erd- oder Lehmhütten sie kaum vor Wind und Schnee. Es fehlte an Trinkwasser. Säuglinge starben an Blutdurchfall. Erwachsene an Malaria und Typhus. Doch die bei den georgischen Nachbarn schnell als fleißig geltenden Protestanten ließen sich nicht entmutigen. Auch nicht von Überfällen durch Nachbarvölker wie Tataren und Perser.

Friedliche Zeiten: Picknickpause während der Weinernte in Katharinenfeld.
Friedliche Zeiten: Picknickpause während der Weinernte in Katharinenfeld. © Arthur Bauer

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genießen sie endlich die Früchte ihrer Arbeit: Die Kolonien blühen dank ausgeklügelten Bewässerungssystemen, dank des erfolgreichen Getreide-, Gemüse- und Obsthandels, der effizienten Milch- und Geflügelwirtschaft sowie der Imkerei. Besonders in der Weinproduktion erarbeiten sich die Kaukasiendeutschen eine wichtige Marktposition und machen neun Prozent des Weinhandels im Zarenreich aus, so Reisner. „Sie brachten ihr ganzes Knowhow vom Weinanbau aus Schwaben mit und haben das im Südkaukasus benutzt“, sagt er.

Auch die Familie von Tamara betrieb Weinanbau, bis die Rote Armee Georgien 1921 besetzte und die darauffolgende Zwangskollektivierung die Familienbetriebe auflöste. Alle deutschen Kolonien verloren in der neu gegründeten Sowjetunion ihre wirtschaftliche, religiöse und kulturelle Eigenständigkeit. Auch ihre deutschen Namen: Katharinenfeld wurde nach der Sozialistin Rosa Luxemburg in Luxemburg umbenannt, 1946 dann in Bolnissi.

„Sie brachten ihr ganzes Knowhow vom Weinanbau aus Schwaben mit und haben das im Südkaukasus benutzt.“

Oliver Reisner

Die Folgen der Enteignung und Verfolgung führten Anfang der 1930er Jahre zu einer schweren Hungersnot in allen Sowjetrepubliken. Zu diesem Zeitpunkt ist Tamaras Mutter Henrietta Ketschik bereits mit Tamaras armenischen Vater verheiratet. Er war 1915 vor dem Genozid an seinem Volk durch die Osmanen nach Georgien geflüchtet. Tamara stellt duftenden Kaffee auf den Tisch, setzt sich kurz hin und springt wieder auf, um Süßigkeiten zu holen. Sie könne nie stillsitzen, entschuldigt sie sich: „Schaffe, immer schaffe.“ Das musste sie schon als Kind. Jeden Samstag schrubbte sie mit ihrer Schwester im Hof die Pfannen und Töpfe so lange mit Holzasche, bis sie glänzten. Sauberkeit war Pflicht und Ordnung etwas, wovon ihre schwäbische Mutter nahezu besessen war. Alles musste seinen Platz haben. Ihre Mutter sagte stets: „Wenn ein Mensch morgens aufwacht, hat er neue Dinge zu tun. Das heißt, es ist notwendig, abends alles in Ordnung zu bringen.“

1941 bricht dann die große Katastrophe über Tamaras Familie und alle Deutschen in der Sowjetunion ein. Stalin und Hitler befinden sich im Krieg. Die fast eine Million Deutsche in der Sowjetunion gelten nun als potentielle Kollaborateure des Naziregimes. Ab August werden alle Deutschen westlich des Urals, ob von der Wolga oder aus der Südukraine, ostwärts nach Sibirien und Nordkasachstan deportiert. Im Oktober trifft die Enteignung und Zwangsumsiedlung auch die Kaukasiendeutschen.

Die Häuser der Kaukasiendeutschen in Bolnissi verfügten über tiefe Weinkeller.
Die Häuser der Kaukasiendeutschen in Bolnissi verfügten über tiefe Weinkeller. © Arthur Bauer

Tamaras Vater, der bei der Stadtverwaltung arbeitet, erfährt einige Tage vorher von der Deportation. „Er sagte es meiner Mutter, sie weinte. Sie durfte es aber niemandem sagen, nicht einmal ihren Eltern“, sagt Tamara. Weil ihre Mutter durch die Heirat keinen deutschen Nachnamen trägt, kann sie bleiben. Nur Frauen wie sie entgehen der Deportation. Alle anderen deutschen Verwandten von Tamara werden deportiert. Einige wie Tamaras Großmutter sterben bereits bei der Überquerung des Kaspischen Meeres auf dem Weg nach Kasachstan. „Die Leichen wurden direkt ins Wasser geworfen. Das hat Mama immer wieder erzählt.“ Als die Deutschen innerhalb weniger Tage aus Katharinenfeld verschwinden, ziehen andere Menschen in ihre Häuser. Historiker Reisner erklärt: „Die leeren Orte wurden dann mit Leuten aus Bergregionen Georgiens neubesiedelt.“

Plötzlich hört man kein Deutsch mehr auf den Straßen in Katharinenfeld. Bei Tamara zu Hause wird trotzdem weiterhin Schwäbisch gesprochen: „Mei Mama, mei Schwesta, mer schwätze olle Schwäbisch. Kei onnere Sproch wisse mer nett.“ Immer wenn sie von „Mama“ spricht, umspielt ein Lächeln ihre Lippen und verwandelt sie für Sekunden in ein glückliches Mädchen. Ihre 92-jährige Schwester Sofia sei nun die letzte, mit der sie ihre Muttersprache sprechen kann. Sie wohnt einige Häuser weiter. Und es gibt noch die 85-jährige Julia. Deren Mutter Emma Lamparter war 1941 Witwe und hatte den deutschen Nachnamen ihres Mannes in einen georgischen ändern lassen. Julia heißt heute jedoch wieder Fehringer. Vor 20 Jahren wollte sie nach Deutschland auswandern. Aber ihre Mutter wollte nicht mit: „Sie sagte: Ich wurde hier geboren, ich werde hier sterben“, sagt Julia. Sie blieb. Heute vermisst sie die Zeiten, als sie noch mit Nachbarn Deutsch sprechen konnte: „Mit wem schwätze? Net mol oi Familie is von de Deutsche.“

Heute hört man kein Schwäbisch mehr auf den Straßen von Bolnissi

Trotzdem ist das Erbe der Schwaben noch immer sichtbar in Bolnissi: „Katharinenfeld und die meisten der 23 anderen noch existierenden deutschen Dörfer sind in ihrer Struktur meist erhalten“, sagt Oliver Reisner vom Kulturverein. In Katharinenfeld befinden sich noch 400 der typischen deutschen Fachwerkhäuser, oft mit überhängenden Holzbalkonen und Giebeldächern. An manche hat der Verein 2017 im Rahmen eines von Georgien und Deutschland geförderten Projekts zur 200-Jahrfeier der Kaukasiendeutschen Erinnerungstafeln auf Georgisch und Deutsch angebracht. Ein Teil der Gebäude ist jedoch im Verfall oder stark umgebaut. „Die heutigen Bewohner haben nicht die Mittel und auch nicht das Wissen, um sie zu erhalten. Da versuchen wir als Verein Hilfestellung zu geben“, so der Historiker.

Julia Fehringer mit ihrer Enkelin. Die Familie konnte 1941 einer Deportation entgehen.
Julia Fehringer mit ihrer Enkelin. Die Familie konnte 1941 einer Deportation entgehen. © Arthur Bauer

Etwa 2000 Deutschstämmige leben heute noch in Georgien. Einen Anspruch auf Rückerstattung der Gebäude, derer die Familien während der Sowjetdiktatur enteignet wurden, haben weder sie noch Nachkommen, die heute beispielsweise in Deutschland leben. „Teilweise herrschen hier irreale Vorstellungen, dass Nachkommen der Kaukasiendeutschen ihre alten Gebäude zu exorbitanten Preisen zurückkaufen“, so Reisner. Projekte zum Schutz des deutschen Kulturguts gibt es aber weiterhin: Dank georgischer Förderprogramme wird etwa die evangelische Kirche in Bolnissi, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Kino und dann als Sportschule diente, in ein Kulturzentrum umgebaut.

Die Stadtverwaltung Bolnissis erkenne zunehmend neben dem kulturellen den ökonomischen Wert des deutschen Erbes. Im ortsansässigen Nationalmuseum, das Tagestouristen aus Tbilissi anzieht, ist ein großer Raum allein der deutschen Geschichte gewidmet. Straßenschilder auf Georgisch und Deutsch weisen den Weg durch das „Altdeutsche Viertel“. Es gibt Führungen zur deutschen Geschichte und seit 2013 ein Hotel mit Restaurant, das sich auf Nachfahren der Kaukasiendeutschen eingestellt hat. „Es kommen sehr viele Kinder und Enkel der Deportierten zu uns. Die erzählen mir so viele Geschichten. Irgendwann werde ich sie in meinen Memoiren aufschreiben“, sagt David Mtschedlidze, Manager der „Deutschen Mühle“.

Das ehemalige Katharinenfeld, heute Bolnissi in Georgien.
Das ehemalige Katharinenfeld, heite Bolnissi in Georgien. © FR

Zum Schluss möchte Tamara uns ihren Gewölbekeller zeigen. Es sei zwar nicht ihr Geburtshaus, aber ein deutsches. Die meisten Gewölbekeller verfügen über ein spezielles Belüftungssystem, das im Sommer und im Winter konstant für 14 Grad sorgt. Wieder huscht uns Tamara in ihrem leuchtend blauen Hauskleid voraus. Im Keller stapeln sich leere Plastikkisten. Ein alter Holzschrank mit Schnitzereien und Spiegeln steht an einer Wand. Aus einer dunklen Ecke holt die 84-Jährige eine große Plastikflasche mit Wein. Die Familie besitze einen „Wingert“. Ihr Sohn bearbeite ihn: „Der schaut auf de Mama sei Traub“, wieder dieses lausbubenartige Lächeln. „Ganz gwiss: De Wingert werd er niemols verkofe.“ Den Wein gibt sie uns mit, er sei gesund, „wie Medizin“. Wir sollen bald wiederkommen. Lange winkt sie uns hinterher, in ihrer Haustür stehend, Tamara, eine der letzten Schwäbinnen von Georgien.

Von Irina Peter

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