Frankreich

Schämt euch!

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Frankreich will künftig Steuersünder an den Pranger stellen.

Von wegen schamlose Gesellschaft. Gewiss, im Liebesleben fallen die Tabus wie die Blätter im Herbst. Jedenfalls in Frankreich. Die Soziologin Janine Mossuz-Lavau hat das herausgefunden. Das Boulevardblatt „Le Parisien“ hat die frohe Kunde am Freitag weitergereicht. An anderer Stelle freilich hat das Schamgefühl überlebt. 

Der Schriftsteller und Psychiater Francois Leiord rühmt es jedenfalls am gleichen Tag als nach wie vor „verbreitet und nützlich“. Und auch Frankreichs Nationalversammlung zeigt sich von seiner Existenz überzeugt. Mehr noch: Die Abgeordneten sind nicht nur zu der Erkenntnis gelangt, dass die Fähigkeit, sich zu schämen, dem Zeitenwandel getrotzt hat. Sie machen sich dies auch zunutze. 

Mit überwältigender Mehrheit haben die Parlamentarier ein Gesetz verabschiedet, wonach der Fiskus künftig die Namen von Steuersündern großen Kalibers an die Öffentlichkeit tragen darf. Ob Firma, Verein oder Privatperson: Wer dem Staat mehr als 50.000 Euro vorenthalten hat oder ein Bußgeld von mehr als 40.000 Euro zu entrichten hat, muss damit rechnen, an den Pranger gestellt, geschmäht und geächtet zu werden. 

Nicht besser ergeht es Saumseligen, die im Geschäftsleben gesetzliche Zahlungsfristen nicht einhalten – ein Missstand, dem in Frankreich ein Viertel aller Firmenpleiten zuzuschreiben sind. Wer wegen Überschreitung gesetzlicher Zahlungsfristen verurteilt wird, muss dies künftig auf eigene Kosten in der lokalen Presse bekanntgeben. 

Soweit Privatpersonen am Pranger landen, mögen sie erleben, was der Psychiater Leiord als Wiederkehr schmerzlicher Kindheitserlebnisse beschreibt. Der Missachtung der Mitmenschen ausgeliefert, fühlt man sich demnach wie ein Kind, das ins Bett gemacht hat, beim Abschreiben erwischt wird oder im Sportunterricht als Totalversager dasteht. Und juristische Personen? 

Sie müssen den Pranger nicht minder fürchten. Als Steuerbetrüger oder säumiger Schuldner bloßgestellt zu werden, beschädigt Ruf und Geschäftsaussichten. Oder wie es Antoine Colonna d’Istria vom Wirtschaftsberatungsbüro Norton Rose Fulbright formuliert: „Frankreichs Fiskus hat sich da eine fürchterliche Abschreckungswaffe zugelegt.“ Erschreckend ist allerdings auch, was dem Staat nach Angaben des Hilfsorganisation Oxfam jährlich an Steuereinnahmen vorenthalten wird: 60 bis 80 Milliarden Euro. 

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