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„Vom Überweisungsbetrug bis zu Mord und Totschlag landet alles bei uns“, sagt eine Gutachterin.

Schriftgutachter

Sauklaue

Fachleute für forensischen Schriftvergleich auf den Spuren gefälschter Testamente und anonymer Drohbriefe: Über einen Beruf, in dem jeder Kringel und jede Klammer zählt.

Die Pflegerin soll das Vermögen der verstorbenen Dame erben, während der leibliche Sohn leer ausgeht – Zweifel an der Echtheit des handgeschriebenen Testaments der Toten kommen auf. Ein Drohbrief verängstigt. Ein unbekannter Stalker schickt unerträgliche Botschaften. Einem Mann wird Betrug mit gefälschten Dokumenten vorgeworfen, er will seine Unschuld beweisen.

Über solche Fälle beugen sich forensische Schriftgutachterinnen und Schriftgutachter . Es gibt nur wenige. Sie sind beim Bundeskriminalamt, den Landeskriminalämtern oder selbstständig tätig.

„Vom einfachen Überweisungsbetrug bis zu Mord und Totschlag landet alles bei uns, wo Handschriften und Texte eine Rolle spielen“, sagt Gudrun Müller. Ihr Unternehmen in nordrhein-westfälischen Neuss untersucht, ob Schriften authentisch sind oder ob später „hinzugedichtet“, manipuliert, gefälscht wurde.

Die FTS Forensische Text- und Schriftanalyse befasst sich mit Bürgschaften, Verträgen, Tagebucheinträgen oder auch Drohschreiben. Auftraggeber sind Gerichte, Staatsanwaltschaften, Behörden, manchmal Banken, Versicherungen, Anwälte, Detekteien.

Auch Müllers Ehemann Klaus ist im Unternehmen tätig. Häufig liegen zum Beispiel Testamente auf seinem Tisch, erzählt er, oder sogar unter dem Mikroskop.

Vom Gericht kommt in den Nachlassverfahren dann das fragliche Schriftstück mitsamt Vergleichsmaterial. In einer mikroskopischen Analyse und mit UV-Licht sucht Müller Hinweise, ob dem letzten Willen womöglich von fremder Hand etwas hinzugefügt wurde.

Zu erkennen sei solch ein Schwindel etwa daran, dass ein anderer Stift verwendet wurde. Dann folgt der Schriftvergleich. Ohne genügend Material zum Abgleichen funktioniere das nicht, sagt Müller, der vor vielen Jahren zum Graphologen ausgebildet wurde. Für Geschäftsführerin Gudrun Müller stehen als Linguistin bei der Frage nach der Autorenschaft vor allem Wortwahl und sprachlicher Ausdruck im Fokus.

Je umfangreicher das Material, desto besser – das gilt auch hier. „Die Texte müssen immer aus dem gleichen Genre kommen. Also SMS werden mit SMS abgeglichen, handschriftliche Briefe mit Briefen, E-Mails mit E-Mails, Whatsapp mit Whatsapp“, sagt die Fachfrau. Aufschlussreich sind etwa Übereinstimmungen bei orthografischen Fehlern, beim Wortschatz oder bei bestimmten sprachlichen Eigenheiten.

Bei ihrer Arbeit handele es sich um eine eigene Disziplin, so Müller, aber mit demselben Ziel wie bei der Schriftuntersuchung: Die Urheberin oder den Urheber ausmachen. Man leiste allerdings keine Ermittlungsarbeit, betont die Geschäftsführerin. Bei den eher alltäglichen Fällen beobachtet sie: „Oft stecken Leute dahinter, die kaum Fähigkeiten zur Konfliktlösung haben.“

Gudrun Müller fällt ein Beispiel ein.Nach massenhaften Lieferungen von Sexspielzeug an einen schockierten Empfänger habe man am Ende einen verärgerten Nachbarn als Täter ausgemacht. Der habe Unterschriften und Bestellungen gefälscht, um endlich mal Dampf abzulassen.

„Bei salafistischen Hetzpredigen oder nationalsozialistischen Pamphleten mit gewaltigen Textmengen passen wir aber. Da braucht es spezialisierte Computerlinguisten“, so Müller. Die Verantwortung sei groß. „In hocheskalierten Streitfällen ist man oft so was wie eine letzte Instanz.“

In Prozessen können die Schriftgutachten ein ausschlaggebender Faktor sein. Beim Kölner Landgericht wurde jüngst ein Angeklagter auch mithilfe einer solchen Expertise überführt und als Drogenhändler verurteilt. In einer vom Angeklagten angemieteten Wohnung fanden sich sogenannte Tickerlisten – handschriftliche Aufzeichnungen über Aufträge mit Namen und Zahlen, also offenen Geldbeträgen, wie Gerichtssprecher Jan Orth berichtet.

Etwa 25 Seiten waren das, immer nach dem Muster: Dieter 750, Klaus 330, Verena 980. Der Angeklagte leugnete eine Täterschaft. Die Kammer habe einen Gutachter beauftragt und die Tickerlisten mit Schriftproben des Angeklagten vergleichen lassen, so Orth. „Mit einer Sicherheit von 95 Prozent war der Mann der Schreiber.“

Der Schriftgutachter habe anhand der Handschriften sogar ermittelt, dass es noch mindestens zwei weitere Urheberinnen oder Urheber gab. Das Kölner Urteil ist noch nicht rechtskräftig, liegt nach Revision derzeit beim Bundesgerichtshof. Schriftexperten werden häufiger in Zivil- als in Strafverfahren eingesetzt.

„Da geht es um Urkunden, Vertragswerke, Testamente. Auch im digitalen Zeitalter wird hier noch Handschrift empfohlen oder ist unerlässlich“, so Orth. Beim Bund der Richter und Staatsanwälte (DRB) heißt es allerdings, Schriftsachverständige würden selten eingesetzt. Manche hielten mehr solcher Expertinnen und Experten für nötig, andere beauftragten ausschließlich Sachverständige vom LKA oder kämen ganz ohne Schriftgutachter aus, berichtet ein Sprecher des DRB in NRW.

Orth ergänzt, solche Expertisen seien aufwendig. Weil es nur wenige Spezialisten gebe, brauche es mitunter monatelange Geduld. Würden sie eingesetzt, stehe aber fest: Ihnen komme eine wichtige Rolle zu. (dpa)

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