Würden Sie in künstliche Kiemen investieren – um, wie einst James Bond in „Feuerball“ (1965), ohne schweres Gerät durchs Meer zu streunen?
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Würden Sie in künstliche Kiemen investieren – um, wie einst James Bond in „Feuerball“ (1965), ohne schweres Gerät durchs Meer zu streunen?

Crowdfunding

Sauerstoff als Verkaufsschlager

Crowdfunding im Internet: Manche Anbieter werben mit falschen Versprechungen um Anleger. Auch wenn die Crowdfunding-Plattform „Indiegogo“ mit Seriosität wirbt.

Von Christian Kretschmer

Es klingt zu gut, um wahr zu sein: bis zu 45 Minuten unter Wasser bleiben können. Tauchen in mehr als vier Meter Tiefe ohne schwere Sauerstoffflasche, sondern nur mit einem kompakten Mundstück. „Künstliche Kiemen“ sollen es sein, so bewerben die Entwickler ihr Tauchgerät „Triton“ auf der Crowdfunding-Plattform „Indiegogo“.

800 000 Dollar zahlten Unterstützer aus aller Welt an das Team um den Schweden Saeed Kadhemi für die Fertigstellung des Produkts. Funktionieren soll Triton durch zwei Bestandteile: flüssiger Sauerstoff in austauschbaren Behältern, der in atembares Gas umgewandelt wird, und einer „Pioniertechnologie“: das Mundstück selbst, indem es Sauerstoff aus Wasser extrahiert. Eine mikroporöse Fasermembran werde „Wasser draußen und Sauerstoff rein lassen“, heißt es auf der Webseite.

Leider klingt das nicht nur zu gut, um wahr zu sein, sondern ist es wohl auch. Experten, wie der Medizintechnik- und Tauchgerätehersteller Dräger, bezweifeln, dass Triton wie angegeben funktionieren kann. „Das ist höchst unwahrscheinlich“, heißt es vom Unternehmen aus Lübeck auf Anfrage. Um wirklich Sauerstoff aus dem Wasser zu lösen, sei eine große Menge Wasser nötig – dafür sei die Fläche der Membran in Triton viel zu klein. Torsten Schmidt, Chemiker an der Universität Duisburg-Essen, spricht von Quacksalberei. Technische Details seien nicht seriös umschrieben, ein Kollege habe Triton für einen Aprilscherz gehalten.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Anbieter auf Crowdfunding-Plattformen ihre Versprechungen nicht einhalten. „Altius Management“, ein Unternehmen aus Nashville, startete 2012 eine Kampagne auf der Geldsammel-Plattform Kickstarter und bekam mehr als 25 000 Dollar für ein exklusives „Retro-Horror“-Kartenspiel. Das Spiel wurde nie ausgeliefert, Altius verschwand von der Bildfläche.

Vergangenes Jahr verurteile ein Gericht im Staat Washington Altius zu 54 851 Dollar Strafe – ein Präzedenzfall gegen „Scampaigning“, den Betrug durch Crowdfunding. „Der Staat Washington wird Crowdfunding-Diebstahl nicht akzeptieren“, hieß es von der Staatsanwaltschaft.

Auch in Deutschland haben Unterstützer einen Anspruch auf Rückzahlung, falls der Hersteller nicht liefert, zumindest bei dessen Verschulden. Aber: „Das Insolvenzrisiko trägt stets der Investor“, so Rechtsanwalt Markus Brehm, der sich auf Internetrecht spezialisiert hat.

Und die Crowdfunding-Plattformen? Eine Machbarkeitsüberprüfung von Projekten gibt es nicht. Zwar spricht „Indiegogo“ auf seiner Webseite von einem „Algorithmus zur Betrugserkennung“, der unseriöse Projekte auffliegen lassen soll. Wie der genau funktioniert, bleibt aber offen – ebenso, wie die Plattform Betrugsversuche vermeiden will.

Juristisch stehen „Indiegogo“ und Co. gut da. „Grundsätzlich gilt hier: Solange die Plattform nicht durch ein Tun oder Unterlassen einen Schaden verursacht hat, dürfte sie nicht haften“, sagt Brehm. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen von „Indiegogo“ heißt es, die Plattform gehe keine Verpflichtungen bei einem Streit zwischen Kampagneneigentümern und Nutzern ein. In so einem Fall strebe man eine einvernehmliche Lösung an.

„Gesundes Misstrauen“, rät Rechtsanwalt Brehm daher den Anlegern. Seiner Ansicht nach finanzieren viele Anbieter ihre Produkte durch Crowdfunding, weil sie mangelhaft sind und sich ein „verständiger und vernünftiger Investor nicht beteiligen würde“.

Vorbesteller bleiben auf ihrem Geld sitzen

Exemplarisch dafür steht ein Fall aus dem Jahr 2014. Tüftler Ryan Grepper stellte seine Erfindung, eine multifunktionale Kühlbox, auf „Kickstarter“ vor. Lautsprecher, Mixer, Schneidebrett, USB-Ladestation, Lampe und Kühlgerät – der „Coolest Cooler“ sollte alles in einem sein. Grepper bekam die Rekordsumme von 13 Millionen Dollar und 36 000 Vorbestellungen. Doch Grepper hatte sich verkalkuliert, unterschätzte die Produktionskosten. Zehntausende Vorbesteller bleiben auf ihrem Geld sitzen. Mittlerweile, teilt Grepper mit, benötige er weitere 15 Millionen Dollar, um den Bestellungen nachzukommen.

Das Geschäft boomt trotz solcher Vorfälle. Allein auf „Indiegogo“ wurden bis einschließlich 2015 mehr als 800 Millionen Dollar umgesetzt, teilt die Plattform mit. Das Triton-Team hatte seine Wunschsumme von 50 000 Dollar mit 800 000 Dollar weit übertroffen. Weil sie in dieser Kampagne den flüssigen Sauerstoff nicht erwähnt hatten, zahlten die Entwickler das Geld zurück – sammeln aber in einer neuen Kampagne fleißig weiter. Mittlerweile sind noch einmal über 300 000 Dollar zusammen gekommen. Dieses Mal muss kein Zielbetrag erreicht werden, das Geld erhält Triton in jedem Fall.

Vorbestellt werden kann Triton für 299 Dollar. Das sei maßlos überteuert, kommentiert ein Nutzer auf „Indiegogo“, Triton sei doch nichts weiter als ein Sauerstoffbehälter. Kadhemi weist den Täuschungsvorwurf von sich: „Wir haben nie gesagt, dass Triton nur mit flüssigem Sauerstoff funktioniert. Triton funktioniert mit flüssigem Sauerstoff und künstlichen Kiemen.“

Dass sie damit Recht haben, können die Entwickler Ende 2016 beweisen. Dann wollen sie die künstlichen Kiemen ausliefern. Im „worst case“, so heißt es auf der Webseite, könne es zu einer Verspätung bis Januar 2017 kommen.

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