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„Ich sauge mir nicht viel aus den Fingern“, sagt der Humorist - ein Großteil seines Programms basiere auf realen Geschichten.

Kabarett

Auch Satire darf nicht alles: Kabarettist Gerhard Polt im Interview

Trump, Weidel, Söder und ein Kormoran im Chiemsee: Seit 40 Jahren scherzt Kabarettist Gerhard Polt über alle, die es verdient haben – aber nur so böse, wie sie es verdient haben. Ein Gespräch über die Grenzen des guten Geschmacks.

Herr Polt, Sie melden sich per Telefon aus dem italienischen Terracina, wo Sie seit 25 Jahren ein Häuschen haben. Wie geht es Ihnen?

Danke, ich halte es sehr gut aus. Von meinem Fenster schaue ich raus aufs Meer. Hundert Meter, und ich kann mich ins Wasser stürzen. Terracina liegt zwischen Rom und Neapel, kein Schicki-Micki-Ort, sondern ein schönes, altes Städtchen. Wenn es klar ist, kann ich bis zum Vesuv sehen.

Eigentlich leben Sie am Schliersee und haben einmal gesagt, dass Ihr Traumberuf Bootsverleiher gewesen wäre. Woher kommt die Liebe zum Wasser?

Als ich noch ein Kind war, hat der damalige Bootsverleiher am See auf mich einen großen Eindruck gemacht. Ein schweigsamer Mann, der selten etwas sagte. Wenn jemand ein Boot wollte, hat er den Kahn mit einem entschiedenen Fußtritt in den See geschoben, fertig. Der Mann war eine Autorität und sehr souverän. So ein Dasein hätte ich mir auch sehr gut vorstellen können.

Freiheit ist für Poll wichtig

Sie wollten immer Ihr eigener Herr sein?

Absolut. Frei zu sein, keinen Chef über sich zu haben, das war immer mein Wunsch. Ich war als kleiner Junge schon ein begeisterter Beobachter. Ich habe zum Beispiel Chauffeure gesehen, die waren zwar schick gekleidet, aber sie buckelten vor ihrem Boss. Da habe gespürt: Der ist untergeben.

Fühlen Sie sich heute noch zu Bootsverleihern hingezogen?

Ich bin sogar mit einem befreundet. Dem Schnapperwirt bei uns am See. Der hat auch einen kleinen Strand bei seiner Wirtschaft, den „Schnapper Beach“. Meine Frau und ich haben einen Schlüssel. Wir können dort jederzeit schwimmen gehen, was ein Privileg ist. Der Schliersee ist wirklich wunderschön.

Araberhengste oder Brabanter

Sind Sie auch so ein Mensch wie der Bootsverleiher aus Ihrer Kindheit – in sich ruhend, fernab jeder Hektik?

Das müssen andere beurteilen, ich selbst neige nicht zur Selbstanalyse. Aber ich weiß, dass mir Übereiltheit oder ein zu schnelles Reagieren nie behagt haben. Eine gewisse Bedächtigkeit überzeugt mich meistens mehr. Allerdings muss es auch zum Typ passen. Es gibt unter den Menschen sowohl Araberhengste als auch Brabanter.

Auf Ihrem Jubiläumslivealbum „Gerhard Polt und die Well-Brüder 40 Jahre“ entfalten sich Ihre Stücke oft langsam, manche sind zehn Minuten lang. Was denken Sie über eine App wie TikTok, in der die Clips nur wenige Sekunden lang sind oder Twitter, wo Sie eine begrenzte Zeichenzahl zur Verfügung haben?

Das ist schon sehr interessant. Ich habe gestern hier im Lokal gesessen und konnte sehen, wie schon dreijährige Kinder diese Tablets in der Hand hatten, und wie sie wischten und wie schnell sie damit sind, und dann quietschen diese Dinger auch noch. Vergleichen Sie das mal mit Tolstoi oder Dostojewski, deren epische Erzählweise selbst für meinen Rhythmus inzwischen etwas zu langsam ist. Mir scheint, als sei unser aller Puls heute schneller als bei den Menschen früher, die noch keine Medien wie Fernseher oder Internet hatten. Seinen Gedanken nachzuhängen und anderen Menschen zuzuhören entspricht in der heutigen Welt und insbesondere in den Medien wohl nicht gerade dem Zeitgeist.

Die Gesellschaft hört sich nicht mehr zu

Ist es Teil der gesellschaftlichen Probleme, einander nicht mehr zuzuhören?

Wenn die Menschen das als Problem empfinden, dann ja. Ich bin mir nur nicht sicher, ob das für viele wirklich ein Problem ist. Bei den meisten Leuten tickt die Uhr immer mit, die leiden unter Stress, und zwar bei allem, was sie machen.

Ein Trump etwa ist in Ihrem Alter. Verfolgen Sie, was der Mann auf Twitter schreibt?

Da lasse ich ihn lieber ohne mich wüten. Ich schaue mir das nicht an. Aber ich gucke manchmal CNN, dort habe ich ihn neulich gesehen mit dem ehrenwerten Dr. Fauci, dem amerikanischen Chefregierungsberater in Sachen Corona. Das war wie ein Kasperletheater.

Vorhersage des Coronavirus

Sie haben ja Corona gewissermaßen vorhergesagt. Im „Prolog“ Ihres Albums bezeichnen Sie den Menschen als ein „Biotop für Schädlinge aller Art“, das von den Viren geliebt wird.

(lacht) Sie wissen ja: Auch ein blindes Huhn findet manchmal ein Korn. Das Stück ist natürlich vor Corona entstanden, aber dass sich der Mensch, der so viel Scheiße isst, als Zwischenwirt wunderbar eignet, ist ja keine neue Erkenntnis.

Taugt Corona für gute Satire?

Die Krankheit als solche eignet sich nicht. Was dagegen taugt, das ist die Hilf- und Ratlosigkeit der Politik.* Hier dürfen sich 200 Leute versammeln, dort 1000, hier hockt die Jugend nachts am Gärtnerplatz und trinkt Bier, dort darf niemand ins Fußballstadion. Die Politik ist halt munter am basteln, und viele dieser verschiedensten Vorkehrungen sind nicht stimmig und bergen Ungereimtheiten in sich. Über diese Defizite kann man sich ironisch auslassen. *tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das Oktoberfest stirbt nicht aus

Fehlt Ihnen eigentlich das Oktoberfest in diesem Jahr?

Nein, das kommt ja wieder. So schnell stirbt das sicher nicht aus. Inzwischen gibt es Oktoberfest-Imitationen ja auf der ganzen Welt, in Shanghai, in Kanada und sogar hier in Italien. Auf einem war ich mal, in Carrara, der Marmorstadt mit dem vielen Mehlstaub. Die Italiener dort waren wirklich sehr, sehr durstig.

Wie steht es um Ihre eigene Trinkfestigkeit?

Mit den Menschen in Carrara habe ich sicher nicht mithalten können.

zur Person

Gerhard Polt, Jahrgang 1942, ist Satiriker, Kabarettist und Schauspieler, ein Bayer außerdem. Seine Karriere begann an den Münchner Kammerspielen, spätestens mit dem herrlichen Pauschaltourismus-Spottfilm „Man spricht deutsch“ aus dem Jahr 1988 wurde er auch einem breiten Publikum bekannt. Seit vier Jahrzehnten tritt Polt gemeinsam mit den Well-Brüdern Christoph, Karl und Michael – bis 2012 unter „Biermösl Blasn“ firmierend und damals noch mit Hans statt Karl – überall dort auf, wo man ihn lässt, vom Bierzelt bis zum Opernhaus. Zum Bühnenjubiläum veröffentlichten sie den Livemitschnitt „Gerhard Polt und die Well-Brüder 40 Jahre“. Mit ihrem Programm „Gerhard Polt & Die Well-Brüder aus’m Biermoos“ sind die Humoristen noch bin weit in den dezember hinein auf Tournee. Alle Termine gibt es auf polt.de

Ja, das kann man wohl sagen. Wir hatten immer diese Chemie miteinander, und nun sind wir so lange zusammen auf der Bühne, dass wir das Jubiläum mit einer Schallplatte feierlich begehen wollten. So haben wir uns jetzt quasi unser eigenes Mahnmal geschaffen.

Zusammenarbeit mit den Toten Hosen

Das Album erscheint bei der Plattenfirma JKP, die den Toten Hosen gehört. Die Hosen sind auch bei einigen Nummer mit dabei. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Düsseldorfer Punkrockern?

Die Toten Hosen sind Freunde. Ich kenne die ja auch schon seit Jahrzehnten, und sie haben uns ermuntert, diese Platte rauszubringen. Ach, wo wir schon überall zusammen herumgezogen sind. Sogar im Wiener Burgtheater sind wir gemeinsam aufgetreten.

Auch fernab der Heimat haben Sie mit den Well-Brüdern gespielt, oder?

Ja, wir waren in Schweden, aber auch zum Beispiel in Finnland und in Island. Schweden aber war für mich ein Heimspiel, weil ich in Göteborg einst Skandinavistik studiert habe. Die Auftritte liefen über das Goethe-Institut und waren gedacht für Leute, die in diesen Ländern Deutsch sprechen oder es lernen wollten.

Und dann haben die das Hochdeutsch übersprungen und sind gleich beim Bayerischen gelandet?

(lacht) In Island lernte ich tatsächlich jemanden kennen, der in München studiert hatte und ganz stolz war, dass er bayerische Sachen sagen konnte. Ein begeisterter Oktoberfestgänger war das. Ein Professor für Geologie. Er hat uns dort oben auch ein bisschen herumgeführt und die Natur gezeigt.

Eine Parabel über Angst

Ein Professor Dr. Dr. ist es auch, der sich in der Nummer „Kormoran“ ganz schrecklich darüber empört, dass jener Kormoran aus dem Chiemsee die Fische holt. Das Ganze entwickelt sich dann zu einer Parabel über die Angst vor ausländischen Menschen.

Das hat sich tatsächlich so zugetragen. Der Kormoran wurde am Chiemsee als apokalyptische Bedrohung angesehen. Es gab einen Mordsaufstand, die Fischer gingen gegen die Regierung von Oberbayern auf die Barrikaden, und einer sagte: „zu uns kommt nicht nur der Kormoran rein, sondern alles andere kommt auch rein.“ Da habe ich schon verstanden, was er meint.

Basieren Ihre Geschichten oft auf tatsächlichen Ereignissen?

Ja. Bestimmt drei Viertel sind authentisch und real. Ich sauge mir nicht viel aus den Fingern. Die Wirklichkeit ist eh unüberbietbar. Man muss nur Augen und Ohren offenhalten und zuhören, was die Leute umtreibt. Ich erlebe bestimmt jeden Tag ein bis zwei Geschichten, die es sich lohnen, weiterzuerzählen.

Spott an Markus Söder

Im Stück „Ekzem-Gstanzl“ lassen Sie sich nicht nur über Alice Weidel aus, sondern auch über Markus Söder. Sie sagen, er sei ein schöner Mann vom Hals bis zum Fuß – nur der Kopf versaue alles.

Das „Gstanzl-Singen“ ist eine uralte bayrisch-tirolerische Tradition – in einem vorgegebenen Versmaß macht man sich über jemanden lustig. Und den Markus Söder zu verspotten, das bietet sich einfach an.

Zwischenzeitlich ist er ja praktisch schon zum nächsten Regierungschef ausgerufen worden. Würden Sie gern in einem Land leben, in dem Markus Söder Bundeskanzler ist?

Naja, da habe ich schon ganz andere erlebt. Der Berlusconi ist 84 und will hier in Italien nach überstandener Corona-Erkrankung wieder in den Wahlkampf ziehen. Auch in Amerika sieht man nur Greise. Dagegen ist unser Mann aus Franken ja noch richtige Frischware.

„Politisches ist immer irgendwie auch lächerlich“

Kann man Politikerinnen und Politikern, der Politik im Allgemeinen am besten mit Spott begegnen?

Ich denke, meine und unsere Grundeinstellung, dass das Politische immer irgendwie auch lächerlich ist, hat etwas sehr Versöhnliches.

Muss gute Satire anecken?

Satire darf alles – außer unbarmherzig sein. Ich hatte zu einer meiner letzten Vorführungen einen russischen Freund und Karikaturisten aus Moskau eingeladen. Er hat erzählt, wie weit er gehen kann, ab wann Gefängnis droht, wo die Bruchstellen seiner Kunst sind. Das war sehr spannend. In Deutschland dagegen lebt man als Humorist nicht wirklich gefährlich. Klar, auch die Well-Brüder sind mal vom Bayrischen Rundfunk ausgeladen worden, ich selbst war beim ZDF sehr lange auf der schwarzen Liste. Aber natürlich hätten sie mich nicht nach Sibirien gebracht.

Der Mensch hat Humor oder eben nicht

Sie sind sehr lange im Geschäft. Würden Sie sagen, die Deutschen sind alles in allem humorvoller geworden?

Ganz ehrlich, das weiß ich nicht. Das wird Ihnen im Endeffekt kein Mensch sagen können. Auch vor 50 Jahren haben viele von uns über guten Humor gelacht, man denke nur an Monty Python. Ich denke, entweder hat ein Mensch Humor, oder er hat ihn nicht. Bei 80 Millionen Leuten gibt es solche und solche.

Machen Sie schon Pläne für das Jubiläum zum 50. mit den Well-Brüdern?

Schauen Sie, dann wäre ich 88. Da müsste ich schon sehr optimistisch sein. Aber wissen Sie was: Das bin ich auch (lacht) .

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