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Ein Denkmal zu Ehren der Menschen, die am 12. August 1944 getötet wurden.

Italien

Das Grauen und die Stille

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Im August 1944 fiel die deutsche Wehrmacht in das italienische Bergdorf Sant’Anna di Stazzema ein und tötete mehr als 500 Kinder, Frauen, alte Menschen. Die Überlebenden haben lange geschwiegen – und dann begonnen, den einstigen Ort des Schreckens in ein Mahnmal für Frieden und Toleranz zu verwandeln.

Was zu allererst auffällt, ist die Stille. Man hört hier keine Stimmen, keine Musik, keine Autos in der Ferne, nicht einmal Flugzeuge am Himmel sind zu hören in Sant’Anna di Stazzema. Die wenigen Häuser liegen inmitten dichter Wälder, auf 700 Metern Höhe, fernab der Geschäftigkeit und Enge der Küstenebene mit ihren Seebädern Forte dei Marmi und Viareggio. Das einspurige Serpentinensträßchen, das steil in die Apuanischen Alpen hinaufführt, endet in Sant’Anna. In der Stille. Nur das Rauschen der Baumwipfel erfüllt die Luft.

Ob es an jenem Morgen vor 75 Jahren auch so still war, bevor eines der grausamsten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs geschah? An jenem 12. August 1944, als deutsche Soldaten der 16. Panzergrenadierdivision „Reichsführer SS“ in das abgelegene toskanische Bergdorf einfielen und 560 wehrlose Zivilisten ermordeten, misshandelten, verbrannten. Frauen, Kinder, Babys, Schwangere, alte Menschen.

Nur noch 35 Menschen leben in Sant’Anna

Aber so still wie heute kann es kaum gewesen sein. 35 Menschen leben in Sant’Anna, damals waren es weit mehr als tausend, wie der Mitarbeiter des kleinen Museums erklärt, das in der ehemaligen Schule an das Massaker erinnert. Die vierhundert Dorfbewohner hatten etliche Hundert Flüchtlinge aufgenommen, viele Kinder waren darunter. Es waren Leute aus der Ebene, die in den Bergen Schutz vor den deutschen Truppen suchten. Sant’Anna war nur zu Fuß über Eselspfade zu erreichen. Es bestand aus weit verstreuten Höfen und einem kleinen Ortskern mit Kirche und Schule. Man wird sie wohl gehört haben, die hellen Stimmen der Kinder.

Der Kirchplatz von Sant’Anna di Stazzema.

Über das Leben in Sant’Anna und darüber, was genau an jenem Augustmorgen geschah, können Enio Mancini und Enrico Pieri am besten Auskunft geben. Wieder und wieder haben die beiden erzählt, wie sie als Jungen das Massaker überlebten. Sie wollen die Erinnerung daran wachhalten, sie wollen helfen, dass Lehren daraus gezogen werden. In Deutschland, aber vor allem auch in Italien, wo der Nationalismus plötzlich wieder hoch im Kurs steht und sich Abschottung und Intoleranz breitmachen. Enio Mancini und Enrico Pieri schauen zwar zurück. Aber ihnen liegt dabei die Zukunft am Herzen.

Um sie zu treffen, muss man die Serpentinen wieder nach unten fahren, ins sieben Kilometer entfernte Valdicastello, wo Enio jetzt lebt. Wir sind in der Gaststätte an der Hauptstraße verabredet, eine typisch italienische Bar mit Fliegenfänger-Vorhang aus bunten Plastikstrippen am Eingang. Früher kam auch Enrico häufiger aus dem nahen Pietrasanta hierher, inzwischen sträubt er sich aber. Die Wirtin ist Anhängerin des rechten, fremdenfeindlichen Innenministers und Lega-Chefs Matteo Salvini geworden, wie so viele Italiener. An diesem Tag will Enrico eine Ausnahme machen. Enio dagegen hat gar keine Wahl. Es ist die einzige Bar im Ort, sagt er entschuldigend.

Am Tisch in einem kleinen Hinterraum der Gaststätte beginnt Enio, ein liebenswerter älterer Herr mit freundlichem Blick, von damals zu erzählen. Von seiner Kindheit, vom spartanischen Dorfleben in Sant’Anna, wo es keinen Strom, keine Toiletten und nur wenig zu essen gab. „Die Leute hatten nur das, was sie auf den wenigen Feldern ringsum anbauten. Und dieses Wenige teilten sie mit den Flüchtlingen.“ Sechs Jahre alt war Enio Mancini in jenem August. Seine Eltern beherbergten in ihrem kleinen Haus gleich zwei vertriebene Familien, elf Leute insgesamt. Er schlief mit dem Bruder und zwei Flüchtlingskindern in einem Bett.

Die Deutschen zerstörten alles, was dem Gegner nützen konnte

Das abgelegene Sant’Anna schien während des Krieges lange ein sicherer Ort zu sein. Doch dann, im Frühjahr 1944, gab es in der Gegend Kämpfe zwischen deutschen Truppen, faschistischen Einheiten und Partisanen. Im Dorf hörten sie davon, dass die Deutschen auf der Suche nach Resistenza-Kämpfern Häuser angezündet hatten. Die Männer von Sant’Anna gingen oft schon vor dem Morgengrauen in die Wälder, aus Angst, von den Deutschen zur Zwangsarbeit deportiert zu werden oder von Faschisten erschossen zu werden.

Was sie nicht wussten war, dass keine fünfzig Kilometer entfernt die „Goten-Linie“ lag. Eine Verteidigungsfront mit Bunkern und Gefechtsstellungen, von den deutschen Truppen auf ihrem Rückzug vor den Alliierten errichtet. Sie verlief von Carrara an der Tyrrhenischen Küste bis zur Adria. Im Frühjahr und Sommer 1944 wurde längs dieser Linie erbittert gekämpft. Die Deutschen zerstörten alles, was dem Gegner nützen konnte: Straßen, Brücken, Häuser, ganze Dörfer. An vielen Orten töteten sie Dutzende, wenn nicht Hunderte Zivilisten.

In Sant’Anna fielen sie an jenem Augusttag gegen 6.30 Uhr in der Frühe ein. Enios Vater war noch vor Sonnenaufgang im Wald verschwunden. Keine Sorge, die Deutschen suchen nur nach uns Männern, hatte er die Familie wie immer beruhigt. Enio und die anderen Kinder waren gerade aufgestanden, als sie die aufgeregten Rufe hörten: „Die Deutschen kommen!“ Kurz darauf sahen sie die Soldaten vor dem Haus. Ein Maschinengewehr mit langer Munitionskette war aufgebaut, erinnert sich Enio. Die Deutschen brüllten barsche Kommandos in ihrer fremden Sprache. „Raus, sofort raus“, übersetzte ein italienischer Faschist, der sie begleitete. Es sind Wörter, die Enio bis heute verfolgen.

Barfuß wurden die Frauen und Kinder ins Freie gejagt. Dann zündeten die Soldaten das Haus an. Verängstigt und weinend trieben sie Enios Familie mit Schlägen und Stößen Richtung Tal. Überall waren Schüsse zu hören, Rauch stieg auf. Sie hatten keine Ahnung, was ihnen bevorstand. Dann passierte etwas Überraschendes. Der Soldatentrupp entfernte sich rasch auf dem Waldpfad, nur ein Deutscher bewachte sie noch. Sehr jung sei er gewesen und blond, sagt Enio. „Er begann auf uns einzureden, wir verstanden nur seine Gesten: Ganz still sollten wir sein und schnell wieder zurücklaufen.“ Dann gab der Soldat mehrere Gewehrsalven in die Luft ab und verschwand. „Er tat so, als hätte er uns alle erschossen.“

Erst am Nachmittag jenes Tages, als es schon lange wieder still geworden war, begriffen sie, was im Dorf passiert war. Sie gingen zu den abgebrannten Häusern ihrer Verwandten und Nachbarn, wo überall verkohlte und blutüberströmte Körper lagen. Zum ersten Mal sah der sechsjährige Enio Tote. „Der Geruch von verbranntem Fleisch ist das, was mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist“, sagt er heute.

Kämpfer gegen das Vergessen: Enio Mancini (l.) und Enrico Pieri.

Zwei oder drei Stunden hatten die SS-Männer gewütet, ein Haus nach dem anderen durchkämmt, auf alles geschossen, was ihnen begegnete, Handgranaten geworfen, Menschen mit Flammenwerfern getötet. Zeugen berichteten später, einer schwangeren Frau sei der Bauch aufgeschlitzt worden, und ein SS-Mann habe den Kopf einer Fünfjährigen so lange gegen die Wand geschlagen, bis der Schädel zersprang. Das jüngste Opfer war 20 Monate alt.

Auf dem Platz vor der kleinen Kirche wurden mehr als hundert Dorfbewohner zusammengetrieben, erschossen und dann auf einem Scheiterhaufen, aufgetürmt aus herausgerissenen Kirchenbänken, verbrannt. „Ich haben den Kirchplatz zum Glück nicht gesehen an jenem Tag“, sagt Enio. Er erinnert sich aber, wie die Männer aus den Wäldern zurückkamen und verzweifelt die Namen ihrer Frauen und Kinder riefen. Und wie sie später Massengräber ausschaufelten. Seine Familie überlebte damals, fast wie durch ein Wunder. „Ich weiß nicht, ob der junge Deutsche ein guter Mensch war“, sagt Enio, „aber er hat uns das Leben gerettet.“

Das große Schweigen

Inzwischen ist auch Enrico Pieri angekommen, entschuldigt sich für die Verspätung. Der 85-Jährige trägt kurze Hosen, ist braun gebrannt. Ihm ist anzusehen, dass er viel draußen ist, sich um seine Bienen und Olivenbäume kümmert. In der Gaststätte fühlt er sich spürbar unwohl, ist fahrig, wie auf dem Sprung. Doch als er über jenen Morgen spricht, an dem er alles verlor, wird sein Blick konzentriert. Seine Familie war von den Deutschen in die Küche eines Nachbarhauses gepfercht worden, sagt er. Dort hatte sich das Nachbarsmädchen in einem Hohlraum unter der Treppe versteckt und zog ihn zu sich. Alle in der Küche wurden erschossen. Enricos Vater, seine Mutter, die schwanger war, seine Geschwister, Großeltern, Onkel und Tanten, die Nachbarn. Nur er, das Mädchen und ein weiteres Kind überlebten. Enrico hat alles mit angesehen. Er war zehn Jahre alt.

„Was hatte Sant’Anna bloß mit dem Krieg zu tun?“, sagt Enrico. „Das frage ich mich heute noch.“

Aus Angst, die Deutschen könnten zurückkommen, hielten sich die Überlebenden wochenlang versteckt. Erst als die Amerikaner vorrückten, kehrten sie ins Dorf zurück und bauten ihre Häuser wieder auf. Danach schwiegen sie über das, was vorgefallen war. Ein düsterer Schatten lag über dem Dorf. „Die Frauen sagten: Spielt nicht, schreit nicht rum, hier sind unsere Leute gestorben“, erinnert sich Enio. Auch als er älter wurde, blieb es beim Schweigen. „Uns Überlebenden schien es, als könnte man das Trauma so überwinden“, sagt er heute. „Wir haben uns in uns selbst verschlossen.“ Enio litt lange unter Alpträumen und war Bettnässer. Enrico, der zum Waisen geworden war, sagt nur: „Ich hatte eine schreckliche Kindheit.“ Kaum erwachsen, floh er weit weg, in die Schweiz, wo er als Tischler arbeitete.

Der Öffentlichkeit blieb das Kriegsverbrechen von Sant’Anna di Stazzema viele Jahrzehnte lang verborgen. Die Akten einer amerikanischen Ermittlungskommission wurden in der Nachkriegszeit von den USA und Italien aus Rücksicht auf den Nato-Partner Deutschland unter Verschluss gehalten. „Aber auch, weil Italiens Politik kein Interesse daran hatte, in der Vergangenheit zu wühlen“, sagt Enio. Schließlich hatten Mussolinis Truppen in Äthiopien ebenfalls Massaker verübt.

Enio Mancini konnte sich mit den Jahren langsam aus der inneren Erstarrung lösen. Anfang der Siebziger packte ihn der Wunsch nach Gerechtigkeit für die Toten von Sant’Anna. Er wollte gegen das Vergessen kämpfen und begann, Dokumente und Zeugnisse zu sammeln. Ihm ist es zu verdanken, dass in der ehemaligen Schule das Museum eingerichtet wurde.

Die Bundesrepublik stellte die Ermittlungen ein

Die italienische Justiz beschäftigte sich erst viel später mit dem Massenmord. 1994 holte ein Staatsanwalt die Akten aus dem Giftschrank, dem „Schrank der Schande“, wie er anschließend hieß. Und 61 Jahre nach dem Massaker verurteilte ein Militärgericht in La Spezia 2005 zehn Deutsche in Abwesenheit zu lebenslanger Haft. Doch die Bundesrepublik lieferte sie nicht aus. Deutsche Ermittler stellten 2012 ihre Bemühungen ein. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ließ damals wissen, es fehle der Beleg für eine individuelle Schuld von 14 namentlich bekannten Tätern. Auch sei ihnen besondere Grausamkeit nur schwer nachzuweisen.

In Italien war man entsetzt über das Versagen der deutschen Justiz. Für die Überlebenden war es wie ein Schlag ins Gesicht. Enrico Pieri versuchte mit Hilfe einer deutschen Anwältin, neue Ermittlungen in Gang zu bringen. Vergebens. Der Letzte der Beschuldigten, ein ehemaliger SS-Mann, lebt bis heute unbehelligt in Hamburg.

Auch der deutsche Staat rührte sich lange nicht. Erst 2004 besuchte ein Mitglied der Bundesregierung offiziell den Ort des Verbrechens, der damalige Innenminister Otto Schily. Dass vor fünf Jahren dann ein Bundespräsident in Sant’Anna um Entschuldigung bat, ist Enrico Pieris Verdienst. Er hatte Joachim Gauck einen sehr persönlichen Brief geschrieben und ihn zum 70. Jahrestag des Massakers eingeladen.

Die beiden Überlebenden haben den Deutschen vergeben, trotz allem. Enrico sagt, er habe recht schnell begriffen, dass der Hass, den er empfand, zu nichts führte. Seinen Sohn schickte er in der Schweiz ganz bewusst in eine deutschsprachige Schule. „Machen wir unsere Kinder zu Europäern, sagte ich mir.“ Sein Sohn ist heute Lehrer in Basel.

Dass Enio Mancini sogar sagen kann, er habe heute mehr Freunde in Deutschland als in Italien, liegt vor allem an einer Gruppe engagierter Stuttgarter. Eine Bürgerinitiative, die sich „Die Anstifter“ nennt, organisierte nach dem deutschen Justizskandal eine Solidaritätsfahrt nach Sant’Anna. Seitdem kämpft sie gemeinsam mit Enio und Enrico gegen das Vergessen. Und jeden Sommer treffen sich deutsche und italienische Jugendliche in einem Friedenscamp.

Mit jungen Leuten über das Geschehen zu sprechen, finden Enio und Enrico wichtiger denn je. „Das geeinte Europa ist in den Konzentrationslagern und an Orten wie Marzabotto und Sant’Anna geboren worden“, sagt Enrico. „Aber die Jugendlichen sind sich darüber nicht im Klaren. Sie fühlen Europa nicht.“ Das politische Klima habe sich verändert, nicht nur in Italien. „Heute haben wir Salvini, diesen Verrückten – einen Minister, der Hass und Bösartigkeit gegenüber Fremden schürt“, sagt Enrico, „das macht mir Angst.“ Enio schaut ihn an und nickt.

Weil es für Besucher bisher keine Möglichkeit gibt, in Sant’Anna zu übernachten, hat Enrico Pieri der Gemeinde das Haus seiner Familie vermacht. Er möchte, dass es renoviert und zu einer Jugendherberge umgebaut wird. Ein „Ostello della pace“ soll es werden, ein Ort des Friedens und der Begegnung. Dann wäre die Stille von Sant’Anna di Stazzema wieder häufiger von jungen Stimmen erfüllt.

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