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Gedenkgottesdienst für die Opfer von Serienmördern wie Little, 2018 in Los Angeles.

Serienmörder

Wie Samuel Little jahrzehntelang töten konnte

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Samuel Little gilt als schlimmster Serienmörder der USA, seine Geständnisse liefern einen gruseligen Einblick in die Welt eines Psychopathen. Jahrezehntelang blieben die Taten unbemerkt.

Als das Gespräch auf Ruth kommt hellen sich plötzlich Samuel Littles Gesichtszüge auf, seine Augen funkeln und sein Mund verzieht sich zu einem breiten Grinsen. „Ja, Ruth, Mann, ich habe Ruth geliebt“, sagt er. Man könnte meinen, der knorrige alte Mann denke unter seiner Wollmütze an eine Liebschaft seiner Jugend, an die er besonders schöne Erinnerungen hegt. Doch seine kurze Begegnung mit Ruth in Little Rock vor 25 Jahren war alles andere als romantisch. Little las die bislang noch nicht näher identifizierte „Ruth“ in einem Drogen-Haus in Arkansas auf, vergewaltigte sie, strangulierte sie und lud dann ihren leblosen Körper auf einer Müllhalde ab.

An all das kann sich Samuel Little in verblüffenden Details erinnern. Er weiß noch genau, wie Ruths Haar war, er erinnert sich an ihre Zahnlücken. Und er erinnert sich mit schelmischem Vergnügen daran, dass die Polizei von Arkansas, die ihn wegen Ladendiebstahls in Gewahrsam genommen hatte, nur Stunden vor dem Mord auf freien Fuß setzte.

Littles Geständnis ist auf einem Video auf der Website des FBI zu sehen. Es ist eines von Dutzenden von Geständnissen, die Little freigiebig in den vergangenen Monaten abgelegt hat. 93 um genau zu sein. 50 davon, so gab das FBI in diesen Tagen bekannt, konnten verifiziert werden und es gibt nur wenig Zweifel daran, dass die übrigen 43 ebenfalls stimmen. Somit ist der 79-Jährige, der seit 2012 in einem Gefängnis in Kalifornien sitzt, der schlimmste Serienmörder aller Zeiten.

Samuel Little hätte sein Geheimnis beinahe mit ins Grab genommen

Dass die Welt nun von Littles monströsem Lebenswerk erfährt, ist ein Zufall. Beinahe hätte der alte und zunehmend gebrechliche Mann sein Geheimnis mit ins Grab genommen. Little wurde im Jahr 2014 der Morde an drei Frauen Ende der 80er Jahre überführt und zu drei lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt. Seine DNA konnte eindeutig der DNA zugeordnet werden, die man bei den Opfern fand.

Schon während des Verfahrens begannen Untersuchungen, ob man Little weiteren ungeklärten Sexualmorden würde überführen können. Beinahe 60 Fälle wurden wieder aufgerollt, doch die Ermittlungen verliefen im Sand.

Serienmörder Samuel Little.

Im vergangenen Jahr nahm sich dann der texanische Sheriff James Holland der Sache an. Holland untersuchte einen Mord aus dem Jahr 1994 in der Kleinstadt Little Odessa in seinem Heimatstaat, die Spur führte zu Little. Als Holland zu Little vorgelassen wurde, gelang ihm, was vorher keinem der untersuchenden Beamten gelungen war: Er brachte Little zum Reden.

Der Trick, so erinnerte sich Holland in einem Interview mit dem Fernsehsender „CBS“ am vergangenen Wochenende, sei es gewesen, Little nicht als Vergewaltiger anzusprechen. „Wenn ich das Wort Vergewaltigung benutzte, machte er dicht“, so Holland. Sobald er Little als Mörder ansprach, öffnete er sich jedoch. „Er sieht sich wohl als Mörder, er ist sogar ein bisschen stolz darauf.“ So durfte Holland wochenlang mit Little in einem texanischen Gefängnis sprechen. Die Videoaufnahmen der Verhöre, die nun zum Teil der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, liefern einen gruseligen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Psychopathen.

Little erinnert sich mit erstaunlicher Detailgenauigkeit an seine Taten, die bis in die 70er Jahre zurück reichen. Er erinnert sich, wie er seine Opfer kennengelernt hat, er erinnert sich genau an deren Aussehen, Haarfarbe, Gewicht. Und er kann sich exakt an die Taten erinnern, bis hin zu den genauen Stellen, an denen er die Körper ablud.Der Hergang der mutmaßlichen 93 Morde war immer ähnlich. Die Frauen waren oft Prostituierte oder Drogenabhängige oder beides. Little fand sie in Striptease-Bars, in Drogenhäuser oder am Straßenrand. Es war ein Millieu, in dem Little selbst verkehrte. Er hatte keinen festen Wohnsitz, er war das, was man in den USA einen Drifter nennt, ein unsteter Mann, der durch das Land reist und sich mit Gelegenheitsarbeit durchschlägt. Er wohnte in Obdachlosenunterkünften, in Bordellen und in Drogen-Wohngemeinschaften, wo er auch seine Opfer fand.

Samuel Little blieb jahrzehntelang unentdeckt

Nicht zuletzt wegen dieser Lebensweise blieb Little so lange unentdeckt. „Ich bin nie in Eure Welt gekommen“, sagte er zu Holland. „Ich bin immer in meiner Welt geblieben“ – der Halbwelt der Junkies, Prostituierten und Asozialen, in die sich selten ein Mitglied der anständigen Gesellschaft verirrt.

Auch deshalb blieb Little jahrzehntelang unbemerkt. Seine Opfer waren Frauen vom Rand der Gesellschaft, um die sich niemand sorgt, die niemand vermisst und deretwegen die Staatsgewalt keinen großen Aufwand betreibt. Für eine verschwundene Prostituierte wird selten eine Großfahndung eingeleitet, die Fälle werden rasch zu den Akten gelegt.

Nach den Geständnissen hat das FBI nun doch noch den Ehrgeiz entwickelt, Littles Geständnisse zu überprüfen, jeden einzelnen Fall aufzuklären und den Angehörigen so zumindest ein gewisses Maß an Frieden zu verschaffen. „Auch wenn er schon im Gefängnis sitzt, wollen wir, dass jedem Opfer Gerechtigkeit widerfährt“, sagte eine FBI-Sprecherin der „New York Times“.

So bekommt die Öffentlichkeit wenigstens im nachhinein ein präzises Bild von Littles Monstrosität. Unbeantwortet bleibt jedoch die Frage, wie es sein konnte, dass er vier Jahrzehnte lang praktisch ungehindert sein Unwesen treiben konnte.

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