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Afghanistan ist eines der ärmsten, rückständigsten und frauenfeindlichsten Länder der Welt, die Wirtschaftslage ist gelinde gesagt schlecht.

Frauentag

Safran statt Opium

  • vonBarbara Bachmann
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In Afghanistan verhilft eine zarte Pflanze jungen Frauen zu finanzieller Unabhängigkeit. Gegründet hat das Projekt eine Gruppe Frauen, die sich seit 40 Jahren für Gleichberechtigung einsetzen – und dafür ihr Leben riskieren.

Frühmorgens auf einem Acker im Westen Afghanistans. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen, Winterkälte liegt in der Luft, als sich zwölf Frauen an die Arbeit machen. Mit Mundschutz, weißen, dünnen Handschuhen und hellblauem Anzug über ihrem Tschador sehen sie aus wie eine Gruppe Chirurginnen. Aber ihre zarten, flinken Hände sezieren keine Körper. Sie pflücken noch zartere Pflanzen. Stück für Stück ernten sie lilafarbene Safranblüten und legen sie behutsam in die rosa Körbchen zu ihren Füßen. Langsam und beständig arbeiten sie sich auf dem 8000 Quadratmeter großen Stück Land in der Hocke vorwärts. Eine Mauer aus Lehm schützt sie vor Blicken von außen.

Afghanistan ist eines der ärmsten, rückständigsten und frauenfeindlichsten Länder der Welt, die Wirtschaftslage ist gelinde gesagt schlecht. In gewisser Hinsicht sind die zwölf Safranplückerinnen nicht einfach nur Arbeiterinnen. Sie sind auch eine kleine Sensation. „Nur sehr wenige afghanische Frauen haben ein eigenes Einkommen, kaum eine arbeitet außerhalb ihres Zuhauses oder darf eine Entscheidung ohne ein männliches Familienmitglied treffen“, sagt Heela. Bis vor knapp drei Jahren mussten sich auch die zwölf Frauen auf dem Feld dieser Tradition fügen. Denn seit August 2017 ernten sie Safran. Nicht für einen Chef, sondern für sich selbst.

Heela ist am Vortag aus Kabul angereist. Die 28-Jährige ist verantwortlich für das Projekt, das die Frauenvereinigung Rawa, deren Mitglied sie ist, vor dreieinhalb Jahren startete. Eigentlich scheint die Arbeit einer feministischen Widerstandsbewegung in einem patriarchalen Land wie Afghanistan ein Ding der Unmöglichkeit, aber Rawa gibt es seit mehr als 40 Jahren.

Die Abkürzung steht für „Revolutionary Association of the Women of Afghanistan“, die revolutionäre Vereinigung der Frauen Afghanistans. Aber, erklärt Heela, „wir sind keine legal genehmigte Vereinigung, sondern agieren im Untergrund und finanzieren uns nur über Spenden aus dem Ausland“. Die Mitglieder sind ausschließlich Frauen, sie kämpfen für eine anti-fundamentalistische, prodemokratische, säkular orientierte und geschlechtergerechte Zukunft ihres Landes. Sie fordern, alle Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen, und befürworten den Abzug der ausländischen Truppen aus Afghanistan. Auch wenn „revolutionär“ für westliche Ohren nach Gewalt klingen mag und Rawa ihren Namen nicht abmildern wollen: Die Bewegung ist durch und durch friedlich.

Zwei Monate dauerten die Vorbereitungen auf dem Feld, das anfangs wie eine Wüste aussah, sagt Heela. Die Frauen legten ein Bewässerungssystem an, das mit Hilfe von Solarenergie funktioniert. Sie bauten ein Häuschen, in dem sie Arbeitsgeräte lagern und die Frauen nachmittags unterrichtet werden. Auf dem Markt kauften sie 2000 Safranzwiebeln und pflanzten sie ein. Ein paar Monate später ernteten sie den ersten Safran.

Der Westen Afghanistans hat sich als ideale Anbaugegend für das kostbare Gut erwiesen. Die Zwiebeln mögen Kälte, Schnee ist kein Problem für sie, zu viel Regen hingegen würde sie zerstören. Sie müssen nur zweimal gegossen werden, einen Monat vor der Ernte. Weil er wenig Wasser braucht und am besten in trockenen Gebieten wie Afghanistan gedeiht, ist der Safrankrokus einer Pflanze sehr ähnlich, die in dieser Gegend so häufig angepflanzt wird wie nirgends sonst auf der Welt: der Schlafmohn. Das aus seinem Saft gewonnene Opium ist illegal und hat viele Menschen in die Abhängigkeit getrieben. „Opium ist eine Plage für unser Land“, sagt Heela mit Blick auf den von Männern dominierten Schlafmohnanbau. Safran ist in mehrfacher Hinsicht seine Antithese.

Heela heißt eigentlich anders, aber wie alle Mitglieder von Rawa verwendet sie aus Sicherheitsgründen einen Decknamen. Feministin in Afghanistan zu sein ist äußerst gefährlich. Engagement kann schnell tödlich enden. So wurde Meena Keshwar Kamal, die 1977 als 21-jährige Studentin die Organisation der revolutionären Frauen gründete, zehn Jahre später in Pakistan erwürgt, mutmaßlich von Agenten des afghanischen Geheimdienstes. Seither ist sie eine Märtyrerin, wird von allen Mitgliedern als ewige Führerin verehrt. „Meena bedeutet Liebe auf Pashtun“, sagt Heela ehrfurchtsvoll. Im Kabul der 70er Jahre gab es viele aktive Studentenbewegungen. Manche Studenten sahen in Afghanistan einen künftigen islamischen Gottesstaat. Andere, so wie Meena, wollten mehr soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung.

„Unser größter Schatz ist nicht auf Anhieb sichtbar.“

Statt mit Waffen versuchte Meena, durch Demokratie und Aufklärung an ihr Ziel zu kommen. Immer mehr Frauen schlossen sich ihr an, ihr Einfluss wuchs. Nachdem sie 1981 in Frankreich von der afghanischen Widerstandsbewegung erzählte, stand Meenas Name ganz oben auf der Todesliste der Mudschaheddin und der Taliban. Wie viele Afghanen flüchtete sie nach Pakistan, wo sie bis zu ihrem Tod Waisenhäuser und Krankenhäuser bauen ließ, Lese- und Schreibunterricht für Analphabeten anbot und Schulen für junge Afghaninnen eröffnete. Sie gründete 1981 auch das Magazin „Payame-zan“, was so viel bedeutet wie „Die Nachricht der Frauen“. In Dari und Pashtun, den zwei meistgesprochenen Sprachen in Afghanistan, veröffentlicht Rawa noch heute auf ihrer Homepage laufend Artikel und Bilder. Meist sind es schlechte Nachrichten: Kriegsverbrechen. Vergewaltigungen. Verstümmelungen. Die wichtigsten Texte übersetzen sie auf Englisch. Aber Rawa blickt auch nach vorn. Baut Krankenhäuser, errichtet Schulen. Und ruft Projekte wie den Safrananbau ins Leben.

2019 haben die zwölf Frauen zum dritten Mal geerntet, jedes Jahr pflücken sie mehr Blüten. „Im dritten und vierten Jahr ist die Ernte am ertragreichsten“, sagt Heela. 30 bis 40 Kilogramm schaffen sie in zwei bis drei Tagen. Für ein Kilo Safran braucht es 80 Kilo Blüten. Für die Saison 2019 rechneten die Frauen mit insgesamt sieben Kilogramm. Auf dem Markt in Afghanistan verkaufen sie das Gramm für umgerechnet ein paar Euro, im Ausland wäre es ein Vielfaches wert. Den Gewinn teilen die zwölf Frauen fair untereinander auf.

Es ist Mittagszeit. Parwin, 27, sitzt neben ihren Kolleginnen auf dem Boden des Lehmhäuschens und zupft die Fäden aus den Safranblüten. Eine noch filigranere Arbeit als jene vorher auf dem Feld. Parwin ist eine der zwölf, die Rawa für das Projekt ausgewählt hat. Hinter ihr liegt ausgebreitet auf dem Boden die Ernte der letzten Stunden. Drei bis vier Tage trocknen die Fäden, ehe sie eingesammelt und schließlich verkauft werden. „Gute Qualität erkennt man am Geruch, der Farbe und der Länge der Fäden“, erklärt sie.

Wie die anderen wohnt Parwin im nahe gelegenen Dorf. Mit 15 Jahren hat sie einen 13 Jahre älteren Mann geheiratet, kurz darauf durfte sie nicht mehr zur Schule gehen. Sie hat einen Sohn und eine Tochter, ihr Vater war opiumsüchtig, die Familie kannte nur finanzielle Probleme. Und dennoch, sagt sie, habe sie Glück gehabt. Weil nur wenige Ehemänner ihren Frauen überhaupt erlauben, zu arbeiten.

Am Anfang überwog auch bei Parwins Mann die Skepsis. Sie verflog, als er das Geld sah, das seine Frau nach Hause brachte. Obwohl sie nur zwei Monate im Jahr arbeitet, verdient Parwin mehr als ihr Mann. Durch die finanzielle Unabhängigkeit habe sich ihr Leben enorm verbessert, sagt sie. Sie könne sich besseres Essen kaufen und ihre Kinder zur Schule schicken. „Und der Schmerz in meinem Herzen, zu früh geheiratet zu haben, ist kleiner geworden.“ Bald möchte sie ihr eigenes Safran-Business starten. „Opium wird immer das bessere Business bleiben“, sagt Heela. „Safran kann Opium nicht ersetzen. Aber es ist auch zu einem interessanten Geschäft geworden.“ Zu einem sicheren, das Frauen stärken kann.

Als die Arbeit am Nachmittag für diesen Tag zu Ende geht, gehen Parwin und ihre Kolleginnen noch nicht nach Hause. Nun beginnt der Unterricht, für viele der wichtigste Grund, hier zu sein. Es unterrichtet eine der zwölf, die Einzige, die an der Universität studiert hat. Sie ist die Schwägerin des Wachmanns, der das ganze Jahr über die Felder hütet. Vor ihr sitzen erwachsene Frauen, so motiviert wie Erstklässlerinen. Weil die Tische fehlen, halten sie die Arbeitsbücher in den Händen.

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Ein wenig streng und noch stolzer bittet die Lehrerin die Frauen einzeln für Rechenübungen an die Tafel. Eine tut sich sichtlich schwer, steht lange mit der Kreide in der Hand da und grübelt über der richtigen Antwort. Die anderen kichern, dann plötzlich schreibt sie die richtige Zahl. Erleichtert setzt sie sich wieder hin.

Heela schaut von der Tür aus zu. Es sind solche Momente, deretwegen sie nicht ihren Mut verliert, sagt sie. Momente des Lichts in totaler Finsternis. „Auch wenn Fundamentalisten unsere Arbeit hassen, so ist uns dennoch eine breite Unterstützung im Volk sicher. Wenn die nicht da ist, haben wir etwas falsch gemacht und müssen unseren Plan ändern.“ Ohne Rawa hätte sie keinen Grund, in Afghanistan zu bleiben. „Es gibt keine Hoffnung auf Frieden“, sagt Heela, deren Name Hoffnung bedeutet. Der Kampf habe nicht mit Meenas Tod aufgehört. „Wir werden niemals aufgeben, weil uns der Wille eint, etwas zu verbessern.“ Zur Verwirklichung ihrer Ziele denken die Frauen von Rawa klein, weil sie auch mit dem geringsten Erfolg zufrieden sind. Und groß, weil sie nicht in einer Spanne von ein, zwei oder drei, sondern 10, 20 oder 30 Jahren planen.

Nach dem Ende des Taliban-Regimes kehrten Rawa und mit der Organisation ihre Mitglieder in den 2000er Jahren wieder zurück nach Afghanistan. Obwohl sie einen asymmetrischen Kampf gegen ihre Gegner führen, ohne Militär und große finanzielle Möglichkeiten, sind die Frauen sehr gut vernetzt. „Die meisten unserer Kontakte bestehen seit Jahrzehnten“, sagt Heela. Zum Teil seien es die Kinder von Menschen, die schon eine Generation vor ihnen unterstützten. Auf Heela trifft das ganz direkt zu. Man könnte sagen, sie ist als Rawa geboren. Ihre Mutter war eines der ersten Mitglieder, eine Gefährtin von Meena. Heute ist die Arbeit bei Rawa für Heela, die in Pakistan Jura studiert hat, ihr Vollzeitjob.

Draußen steht die Sonne langsam tiefer. Aus der Distanz sehen die noch nicht gepflückten Safrankrokusse aus wie ein weicher, lilafarbener Teppich. In zwei Jahren werden die Safranzwiebeln der Frauen ihren Dienst erwiesen haben und aus der Erde geholt werden. Fünf Jahre lang kann man sie ernten. Aus einer werden in der Zwischenzeit 40 bis 50 entstanden sein. Auf dem Markt können sie die Frauen dann für gutes Geld verkaufen oder im Jahr darauf neu einsetzen. „Unser größter Schatz sind nicht die Blüten oder Fäden“, sagt Heela und deutet auf die Felder. „Unser größter Schatz liegt darunter und ist nicht auf Anhieb sichtbar.“

Sie meint die Zwiebeln. Aber es ist, als spräche sie von den Frauen Afghanistans.

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