Spanien

Sackkarren kommen zum Stehen

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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Marokko duldet Schmuggel in spanischer Nordafrikaexklave nicht mehr.

Falls es jemand noch nicht geglaubt haben sollte, stellte Nabyl Lakhdar die Dinge vor ein paar Tagen klar. Mit dem „atypischen Handel“ zwischen Marokko und Ceuta ist jetzt Schluss, „es sei denn, dass ich die Anordnung bekomme, den Schmuggel zu legalisieren“, sagte der Generaldirektor des marokkanischen Zolls in einem Gespräch mit der spanischen Nachrichtenagentur Efe.

Was Marokkos oberster Zollbeamter da verkündete, ist eine Revolution. Ceuta, die spanische Nordafrikaexklave, hat bis vor kurzem ganz gut vom Schmuggel gelebt, der hier nie Schmuggel, sondern immer „atypischer Handel“ genannt wurde. An vier Tagen der Woche kamen tausende Marokkanerinnen und Marokkaner in die 85 000-Einwohner-Stadt, um sich mit Schmuggelware zu beladen und sie nach Marokko zu bringen. Alles unter den wachsamen Augen der Grenzpolizei.

Eine tägliche Absurdität, die sich im Laufe der Jahre eingespielt hatte – und von der viele Menschen lebten: mehr schlecht als recht die Lastenschlepper, die sich frühmorgens auf marokkanischer Seite mit ihren Sackkarren in langen Schlangen einreihten, um ab 8 Uhr über den Grenzposten ins Gewerbegebiet Tarajal gleich hinterm Zaun zu laufen und ihre Karren zu beladen.

Besser ging es den Hintermännern, die ihnen die Ware auf marokkanischer Seite abnahmen und in ganz Marokko verkauften. Auch nicht schlecht lebten die marokkanischen Grenzer, die sich bestechen ließen und ziemlich gut die Händler in ihren Lagerhäusern in Tarajal.

Ein Viertel der Wertschöpfung Ceutas soll dieser Handel ausgemacht haben. Seit November werden die Schmugglerinnen und Schmuggler nun nicht mehr von den Marokkanern nach Ceuta gelassen. Der eigens für sie eingerichtete Grenzübergang ist geschlossen. Es gab aber von marokkanischer Seite keine offizielle Erklärung dazu, weswegen sich das sonst so gut informierte Regierungspräsidium in Ceuta auch lange nicht sicher war, ob die Grenze nicht doch wieder geöffnet würde.

Die Zweifel dürften spätestens seit besagten Zitaten Lakhdars beendet sein. In der Zwischenzeit gab es ein paar Protestaktionen der Lastenschlepper, aber nicht so viele oder so lang andauernde, dass die marokkanischen Behörden um den sozialen Frieden fürchten mussten. Für die Leute, die in der Grenzgegend leben, ist das Ende des Schmuggels ein harter Schlag. Aber für die marokkanische Wirtschaft ist es eine gute Nachricht.

„Jeder im Schmuggel Beschäftigte zerstört fünf reguläre Arbeitsplätze“, sagt Lakhdar. Das mag übertrieben sein. Aber die Richtung stimmt. Für Ceuta, eine der ärmsten Städte Spaniens mit einer Arbeitslosenrate von 27,6 Prozent, ist das Ende des „atypischen Handels“ eine gewaltige Herausforderung. Es sei „keine Übertreibung“, schrieb der Bürgermeister und Präsident der Autonomen Stadt, Juan Jesús Vivas, dem spanischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez, dass „das Überleben unserer Stadt“ in Gefahr sei. Übertrieben ist das wahrscheinlich schon.

Ceuta lebt, mehr noch als vom Handel, vom spanischen Staat, der diese und die andere Nordafrikaexklave Melilla nicht einfach in marokkanische Hände fallen lassen will. Aber so viele Beamtinnen und Beamte kann der Staat gar nicht beschäftigen, dass eine ganze Stadt davon in Lohn und Brot kommt. Es braucht mehr.

Zum Glück kommen seit einiger Zeit Einkaufstouristinnen und -touristen nach Ceuta – nicht mit der Sackkarre, sondern im Mercedes, marokkanische Mittelschicht. „Zara etwa hat einen gewaltigen Laden in Ceuta“, so Fernando Santiago, Autor eines Dokumentarfilms über die Lastenschlepper an der Grenze. „Da kaufen Leute aus den marokkanischen Nachbarstädten ein, Leute mit Geld.“

Solche Leute lässt Marokko weiter über die Grenze, wenn die Kontrollen auch manchmal ermüdend penibel sind. Das hat sich wieder entspannt. Ceuta wird nicht abgedrosselt. Eine weitere Hoffnung hat sich indes nur halb erfüllt. In Blickweite der Stadt, auf der anderen Seite des Mittelmeers, liegt Gibraltar, das seit dem Brexit nicht mehr zur Europäischen Union gehört. Die dort ansässigen Online-Casinos mussten sich für ihr EU-Geschäft einen neuen Standort suchen. Die meisten gingen nach Malta.

Ein paar kamen aber doch, so wie Spanien das gehofft hatte, nach Ceuta, das mit Steuervergünstigungen lockte. Die drei größten Unternehmen der Stadt, die einzigen, die mehr als 50 Millionen Euro Umsatz im Jahr machen, sind jetzt Online-Casinos. Ein paar Dutzend Arbeitsplätze haben sie auch mitgebracht. Es ist ein neuer Anfang nach dem Ende des Karrenschiebergeschäfts.

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