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Hier wurden Hunderte SS-Männer als Wachpersonal ausgebildet: die ehemalige Textilfabrik am Ufer der Zschopau in Sachsenburg.
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Hier wurden Hunderte SS-Männer als Wachpersonal ausgebildet: die ehemalige Textilfabrik am Ufer der Zschopau in Sachsenburg.

Nationalsozialismus

Sachsen: Ein KZ in Deutschland, das kaum jemand kennt

  • VonAndreas Förster
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Es galt als die „Vorhölle von Buchenwald“: Das Konzentrationslager im Dorf Sachsenburg war lange vergessen. Erst spät bemühte sich das Land und die Kommune um die Gedenkarbeit.

Grau und stumm ragt der seit Jahrzehnten leerstehende Fabrikbau der alten Spinnerei von Sachsenburg in den trüben Himmel. Die träge dahinfließende Zschopau macht hier einen eleganten Bogen, als wollte sie der kleinen Flussinsel, auf der das Gebäude steht, ausweichen. Ein Teil des Flusswassers wird jedoch durch einen Stichkanal in das Innere der Fabrik abgeleitet, wo es Turbinen eines kleinen Elektrizitätswerkes antreibt. Das Dröhnen der Anlage vernimmt man gedämpft im ganzen Gebäude. „Wenn Sie in den alten Produktionssälen der Fabrik still stehen, spüren Sie auch die Bewegung der Turbinen“, sagt Frankenbergs Bürgermeister Thomas Firmenich. „Das ganze Haus vibriert. Es kommt nie zur Ruhe.“

Dass der graue Bau im mittelsächsischen Zschopautal nicht zur Ruhe kommt, mag auch an den Geistern der Vergangenheit liegen. Denn die Spinnerei von Sachsenburg war einmal ein Konzentrationslager – eines der ersten in Deutschland nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten und das größte und bedeutendste in Sachsen. In den riesigen, heute leerstehenden Produktionssälen waren zwischen Mai 1933 und August 1937 Tausende Menschen – vor allem Kommunisten, Sozialdemokratinnen und Gewerkschafter, aber auch Juden und Jüdinnen, Theologen, Zeugen Jehovas, Kriminelle und sogenannte Asoziale – eingesperrt. Sie mussten Zwangsarbeit leisten im nahen Steinbruch und in der Stadt Frankenberg, zu der Sachsenburg heute gehört. Als „Vorhölle von Buchenwald“ wird das KZ häufig bezeichnet. Wie viele Menschen dort starben, ist bis heute ebenso unbekannt wie die genaue Zahl der Inhaftierten; sie liegt zwischen 8000 und 16 000.

Die Geschichte des Lagers ist bislang nur in Ansätzen erforscht worden. Was auch damit zu tun hat, dass Historiker, der Freistaat Sachsen und die Stadt Frankenberg die dunkle Vergangenheit dieses Ortes lange ausgeblendet haben. Ebenso spielte das Gedenken an die Opfer nach dem Ende der DDR kaum noch eine Rolle. Das ehemalige KZ Sachsenburg wurde zu einem vergessenen Ort. Nun endlich, in den kommenden drei Jahren, will Frankenberg das Gelände zu einem Erinnerungs- und Gedenkort umgestalten, wie Bürgermeister Firmenich erklärt: „Wir geben dem Ort seine Würde und seine geschichtliche Bedeutung zurück.“ Das klingt gut, aber zur Wahrheit gehört auch, dass dies ohne die Hartnäckigkeit und das Engagement zivilgesellschaftlicher Initiativen wohl nicht gelungen wäre.

Womit wir bei der Chemnitzer Lehrerin Anna Schüller sind, die das Projekt einer Gedenkstätte in Sachsenburg seit Jahren vorangetrieben hat. 2009 hatte die damals noch 18-jährige Gymnasiastin mit Gleichgesinnten die Initiative „Klick“ gegründet, die die Erinnerung an das KZ wach halten und seine Geschichte erforschen sollte. „In vielen Gesprächen, vor allem mit jungen Leuten, stellen wir bis heute fest, dass sie zwar die Lager in Ravensbrück, Buchenwald und Sachsenhausen kennen. Dass es hier, in ihrer unmittelbaren Wohnnähe, auch ein KZ gab, ist aber kaum jemandem von ihnen bekannt“, erzählt die junge Lehrerin. „Auch im Schulunterricht in der Region war das KZ Sachsenburg kein Thema. Es war, als hätte das Lager nie existiert.“

2011 organisierte „Klick“ einen Workshop auf dem Gelände für Bildhauerinnen und Filmemacher. „Das lockte viele Jugendliche aus der Gegend an, die sich über den Umweg der Kunstprojekte für die Geschichte von Sachsenburg zu interessieren begannen.“ Sie produzierten einen Audioguide, mit dem man über das Gelände der alten Fabrik geführt wird, begleiteten mit der Kamera einen ehemaligen Häftling bei dessen erstmaliger Rückkehr an den Ort seiner Gefangenschaft und erarbeiteten eine „Medienbox“ für einen schulischen Projekttag zur Geschichte des KZ Sachsenburg, die von Geschichtslehrkräften in der Chemnitzer Stadtbibliothek ausgeliehen werden kann. Außerdem suchten sie, unterstützt vom Verein Lagerarbeitsgemeinschaft Sachsenburg, in Archiven nach Informationen über das KZ und seine Insassen. „Parallel zu diesen Aktivitäten machten wir uns im Stadtrat, aber auch in Gesprächen mit Landtagsabgeordneten stark dafür, endlich eine angemessene Gedenkstätte in der alten Fabrik einzurichten“, sagt Anna Schüller. „Aber damit kamen wir lange Zeit nicht voran. Wir hatten den Eindruck, dass die Stadt lange die Bedeutung des Ortes unterschätzt hat und das Thema deshalb auf deren Agenda nicht ganz oben stand.“

Tatsächlich waren nach der deutschen Wiedervereinigung die Vorbehalte bei vielen Bürgerinnen und Bürgern von Frankenberg und Sachsenburg gegen eine KZ-Gedenkstätte groß. Zwar war in der DDR bereits 1957 ein Denkmal auf dem Gelände errichtet worden. 1974 wurde zudem ein Gedenkzimmer in der Fabrik gestaltet, das vornehmlich den kommunistischen Opfern des Lagers gewidmet war. Doch die ritualisierte Erinnerungskultur des SED-Staates, die vorrangig der kommunistischen Erziehung und der Zementierung des Führungsanspruchs der Einheitspartei diente, hatte viele Menschen auch abgestoßen. Die nun leerstehende Fabrik am Ufer der Zschopau, in der noch bis 1990 viele Menschen aus der Region gearbeitet hatten, galt nun vor allem als Sinnbild einer verfehlten Treuhandpolitik. Mit der Fabrik wurde auch der Gedenkraum geschlossen, die Treuhandanstalt ließ Hinweisschilder und Gedenktafeln entfernen, das Denkmal verwahrloste.

1995 erwarb der hessische Unternehmer Marcel Hett das Fabrikgelände. „Für mich war das zunächst eine ganz normale Industrieanlage, leerstehend und ungenutzt wie so viele ehemalige Betriebe in der alten DDR“, erzählt Hett. „Zwar gab es Geraune in der Stadt, dass in der Nazizeit Häftlinge dort untergebracht waren. Aber die Rede war immer davon, dass es sich um ein Schutzhaftlager für Kriminelle und ,Asoziale‘ gehandelt habe.“ Erst die Geschichtsarbeit von Anna Schüller und ihren Mitstreitenden habe ihm die Augen geöffnet. „Von ihr erfuhr ich, dass meine Fabrik damals eines der ersten Konzentrationslager in Nazi-Deutschland war, dass dort Hunderte SS-Männer als Wachpersonal ausgebildet wurden, die später dann in den deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagern eingesetzt wurden.“

Ihm sei klar geworden, dass Sachsenburg wie Dachau ein Experimentierfeld für die SS gewesen sei und damit ein Bindeglied zwischen dem System der früheren Lager und dem späteren, auf Vernichtung orientierten KZ-System. So sei einer der ersten Lagerkommandanten in Sachsenburg Karl Otto Koch gewesen, der später die KZ Sachsenhausen und Buchenwald leitete. Dessen Kommandantenvilla steht noch heute auf dem Fabrikgelände. „Plötzlich gehörte mir so ein historisch bedeutender und bedrückender Ort“, sagt der 47-Jährige. „Das hat mich sehr erschreckt. Mir wurde klar, dass die Fabrik in Sachsenburg damit das einzige in Privathand befindliche KZ in Deutschland ist und dass mir das eine besondere Verantwortung aufträgt.“

Anna Schüller nennt es einen Glücksfall, dass Hett das Fabrikgelände gekauft hatte. „Wer weiß, ob ein anderer Investor sich der Geschichte dieses Ortes so verpflichtet gefühlt hätte“, sagt sie. Der Unternehmer aus dem Taunus habe sie unterstützt in ihren Bemühungen, Jugendlichen und interessierten Gästen die Historie des ehemaligen Lagers nahezubringen. So sei der Zugang zum Fabrikgrundstück nie abgesperrt worden, damit jeder Interessierte ohne Anmeldung das ehemalige Lagergelände besichtigen kann. Auf einem „Pfad der Erinnerung“ erläutern heute insgesamt 19 Schautafeln in deutscher und englischer Sprache die geschichtlichen Hintergründe.

Auch habe Hett ihr die Möglichkeit gegeben, Gruppen über das Fabrikgelände zu führen und die noch erhaltenen historischen Orte des Lagers zu besichtigen, sagt Anna Schüller. Dann holt sie ein Schlüsselbund aus der Tasche und sperrt die Tür zur ehemaligen Kommandantur am einstigen Eingangstor zur Fabrik auf. Im Erdgeschoss des zweistöckigen Gebäudes, das nach einem Umbau das Dokumentationszentrum der künftigen Gedenkstätte beherbergen soll, sind noch vier Arrestzellen erhalten. Enge, dunkle Räume, in die Häftlinge wegen geringfügiger Vergehen eingesperrt wurden. Anna Schüller deutet auf Zahlen und Worte, die mit Bleistift auf Wände und Türen gekritzelt wurden: „Das sind Hinterlassenschaften der Häftlinge, die mit diesen Notizen dokumentieren wollten, wie viele Tage sie in der Zelle saßen und wie oft sie geschlagen wurden.“

Marcel Hett kennt die Arrestzellen auch. „Als ich sie das erste Mal sah und mir Frau Schüller die Inschriften der dort gequälten Menschen erklärte, war ich sehr bedrückt.“ Umso mehr habe es ihn verwundert, dass der Freistaat und die Stadt Frankenberg so lange untätig geblieben seien, in Sachsenburg einen angemessenen und würdigen Erinnerungsort an die Gräuel der NS-Zeit zu schaffen. „In anderen Bundesländern werden mit viel Sorgfalt und Aufwand selbst nur rudimentär erhaltene Überbleibsel solcher Lager gepflegt, und hier passierte lange Zeit gar nichts.“

2012 aber schien sich das Blatt zu wenden: In einer Novelle des Gedenkstättengesetzes stellte der sächsische Landtag erstmals die institutionelle Förderung eines Gedenkortes für das frühere KZ Sachsenburg in Aussicht. Nun wurde auch der Stadtrat aktiv, der in den Jahren zuvor über bloße Absichtserklärungen nicht hinausgekommen war. Die Stadt verhandelte jetzt auch mit Marcel Hett über die Übertragung von Gebäuden auf dem Fabrikgelände, die für eine künftige Gedenkstätte von Bedeutung sind. Der Unternehmer schenkte Frankenberg schließlich die Kommandantur mit den Arrestzellen. Weitere Flurstücke und die einstige Kommandantenvilla wurden von der Stadt gekauft. In dem Schenkungsvertrag verpflichtet sich die Stadt ausdrücklich dazu, „einen würdigen Ort zum Gedenken an die Opfer des Konzentrationslagers Sachsenburg … (und) ein Mahnmal gegen Gleichgültigkeit und Vergessen“ zu schaffen.

Doch 2018 scheiterte die Stadt mit einem Förderantrag an den Bund, um eine finanzielle Unterstützung für die Errichtung einer Gedenkstätte zu erhalten. Das sächsische Wissenschaftsministerium bescheinigte dem Antrag eine unzureichende Qualität. Es fehle zudem ein Betreiberkonzept, weitere wesentliche Fragen seien ebenfalls ungeklärt. Hinzu komme, dass die Stadt die ehemalige Kommandantenvilla auf dem KZ-Gelände abreißen wollte, obwohl dieses Gebäude aus Sicht des Ministeriums einen erheblichen Teil des geplanten Ensembles ausmache.

Die Situation schien verfahren, zumal nun auch die bürgerschaftlichen Initiativen mit der Stadt in Streit lagen. Gegenstand des Konflikts war vor allem die Kommandantenvilla, die aus Sicht der Vereine unverzichtbar war für die künftige Gedenkstätte. Die Stadt hingegen argumentierte mit den immensen Kosten für eine Instandsetzung des maroden Gebäudes, weshalb ein Abriss unumgänglich sei.

Inzwischen haben sich die Kontrahenten versöhnt, gemeinsam strebt man nun einen zweiten Anlauf für eine Förderung durch den Bund an. „Wir haben in enger Partnerschaft mit den bürgerschaftlichen Vereinen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass ein neuer Antrag erfolgreich sein wird“, ist Bürgermeister Firmenich sicher. Seit Januar vergangenen Jahres habe die Stadt mit dem ukrainischen Wissenschaftler Mykola Borovyk einen erfahrenen und international geschätzten Historiker angestellt, der die Geschichte des Lagers erforscht. Seine Erkenntnisse werden mit einem gesellschaftspolitischen Beirat, dem Persönlichkeiten der Stadt angehören, und einem wissenschaftlichen Beirat aus anerkannten Fachleuten diskutiert und in den Förderantrag eingearbeitet. „Unser Ziel ist es, bis zum kommenden Sommer den Antrag fertigzustellen und über das sächsische Wissenschaftsministerium beim Bund einzureichen“, sagt der CDU-Politiker.

Darüberhinaus habe die Stadt noch zwei weitere Gebäude am und auf dem Fabrikgelände erworben, die sich bislang in Privatbesitz befanden. Zum einen eine Gaststätte vor dem Eingangstor, die in ihrem Saal im Obergeschoss bis zur Fertigstellung der Gedenkstätte die bereits existierende Dauerausstellung für das Dokumentationszentrum beherbergt. Und ein Wohnhaus auf dem Gelände, das der bisherige Besitzer aufgegeben hat. „Wir wollten mit dem Kauf der beiden Häuser verhindern, dass sich dort Menschen ansiedeln, die mit ihren politischen Aktivitäten dem Geist des Gedenkortes zuwiderlaufen könnten“, sagt Firmenich.

Noch umstritten ist jedoch der weitere Umgang mit der Kommandantenvilla. Die Stadt hatte einen Ideenwettbewerb ausgelobt zur Umgestaltung des Gebäudes und seiner Einbindung in das Gedenkstättenkonzept. Die beiden erstplatzierten Entwürfe sehen einen Abriss des schwer beschädigten Hauses bis auf den Gebäudesockel vor. Eine andere Lösung gebe es nicht, sagt Bürgermeister Firmenich. „Eine Sanierung des Hauses würde den Großteil des Fördergeldes und unseres Anteils an den Mitteln für die Gedenkstätte aufbrauchen.“ Deshalb habe sich die Jury für Arbeiten entschieden, die interessante Ansätze für einen alternativen, mit modernen audiovisuellen Mitteln ausgestatteten Bau am Ort der alten Villa vorsehen.

Anna Schüller und ihre Mitstreitenden sind mit dieser Lösung aber unzufrieden. „Das einmalige Ensemble des KZ Sachsenburg wird durch den Abriss der Villa unwiederbringlich zerstört“, sagt Anna Schüller. „Die Kommandantenvilla war eindeutig ein Täterort, und dies erfordert einen entsprechenden Umgang mit den baulichen Relikten. Ein Abriss hingegen gefährdet die Finanzierung durch Land und Bund und damit die Errichtung der Gedenkstätte.“ Fabrikbesitzer Hett teilt diese Bedenken. „Eigentlich geht jetzt alles in die richtige Richtung“, sagt er. „Aber wir brauchen weiter einen kritischen Blick und ein Mittun, weil das Risiko noch immer groß ist, dass das Projekt auf halbem Wege hängenbleibt.“

Inschriften von Inhaftierten, darunter auch dieser Kalender, sind in den Arrestzellen des einstigen Konzentrationslagers zu lesen.

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