Die Ausflügler am Gipfelkreuz der Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg, haben es heute deutlich leichter als Josef Naus.
+
Die Ausflügler am Gipfelkreuz der Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg, haben es heute deutlich leichter als Josef Naus.

Erstbesteigung der Zugspitze

Rutschpartie im Schneegestöber

Berge waren vor 200 Jahren nicht zum Freizeitvergnügen da. Bei der Erstbesteigung der Zugspitze ging es um Landvermessung im Auftrag des Königs. Als die Bergsteiger oben waren, empfing sie dicker Nebel und ein Donnerwetter mit Schneegestöber.

Drei Bergbahnen, fünf bewirtschaftete Hütten, Skiliftanlage, Alpinpark und 600.000 Besucher pro Jahr: Bergromantik im nostalgischen Sinne sucht man auf der Zugspitze, mit 2962 Metern der höchste Gipfel Deutschlands, vergebens. Romantisch war es aber auch vor 200 Jahren für Joseph Naus nicht, als er am 27. August 1820 mit zwei Begleitern den höchsten Punkt des Wettersteingebirges bei Garmisch-Partenkirchen erklomm. Er gilt heute offiziell als der Erste, der die Zugspitze bestieg.

„Berge waren damals nicht zum Freizeitvergnügen da“, sagt Stefan Winter, Bergführer und Ressortleiter „Sportentwicklung“ beim Deutschen Alpenverein (DAV). Statt ausgebauter, drahtseilversicherter Wege habe es nur die Pfade und Steige der Almbauern und Jäger gegeben. Winter, der die Zugspitze selbst vor zehn Jahren in originalgetreuer Ausrüstung bestiegen hat, zollt den Erstbesteigern tiefen Respekt: „Das waren ausdauernde, wagemutige Männer mit der Bereitschaft, ins Ungewisse zu gehen.“

Auskunft über die Expedition gibt das Tagebuch von Leutnant Joseph Naus, der die Zugspitzbesteigung als Vermesser des „königlich topographischen Bureau“ im Auftrag des bayerischen Königs vornahm. Der Eintrag beginnt mit der Übernachtung am 26. August in einer Hirtenunterkunft, die Naus als „verwünschte Flohhütte“ verewigt – an ihrer Stelle steht heute die Reintalangerhütte. Nach einer wegen Flohbissen durchwachten Nacht beginnt Naus mit seinem Offiziersburschen Maier und dem Garmischer Führer Johann Georg Tauschl um vier Uhr morgens den langen Aufstieg Richtung Gipfel.

Bereits in der Nacht habe es geregnet, schreibt Naus. Als die Dreierseilschaft „nach einigen Lebensgefahren und außerordentlichen Mühen“ um 11.45 Uhr den Westgipfel der Zugspitze erreicht, empfängt die Bergsteiger „dicker Nebel“ und ein „Donnerwetter mit Schauer und Schneegestöber“. Wenige Schritte von der Spitze entfernt „betäubte uns ein Blitz und ein zu gleicher Zeit erfolgter Donnerschlag dergestalt, daß wir glaubten, alle Berge müßten zusammenstürtzen“, notiert der junge Vermessungsbeamte.

Der hastige Abstieg ist lebensgefährlich: Naus beschreibt starken Nebel mit Sichtweiten unter drei Metern, einen Sprung von einer rund vier Meter hohen Wand und eine Rutschpartie über eine 50 Grad steile Firnflanke bei strömendem Regen. Auf dem Ferner erwarten tückische Spalten die Alpinisten, und über die tiefe Randkluft zwischen Gletscher und Fels führt nur eine je 30 Zentimeter dicke und breite Schneebrücke.

„Kein anderer Ausweg war übrig, als sich diesem schwachen Gewölbe zu vertrauen und glücklich gieng der Marsch von statten“: In fast heiterem Ton schildert Joseph Naus, was den meisten Bergsteigern heute einen Schauer über den Rücken jagen würde. Die Dramatik der Tour bringt Naus mit einem lapidaren Halbsatz am Ende des Tagebucheintrags auf den Punkt: Das Wiedersehen mit den Kameraden auf dem „Flohhüttchen“ sei umso schöner gewesen, „da ich mehrmalen zweifelte, mein Leben erhalten zu können“.

Von Naus‘ waghalsiger Expedition im Dienste seiner Majestät nahm 1820 allerdings kaum jemand Notiz. „Meines Wissens gab es kein öffentliches Echo“, sagt Martin Achrainer vom Historischen Archiv des Österreichischen Alpenvereins (ÖAV) in Innsbruck, wo das Tagebuch des Zugspitzbesteigers heute lagert. Tatsächlich finden sich in der digitalen historischen Zeitungssammlung der Bayerischen Staatsbibliothek nur zum 100. Jahrestag der Erstbesteigung sehr kurze Meldungen. „Das war damals irgendwie unspektakulär“, sagt Achrainer. Zumal Naus seinen Vermessungsauftrag wegen des schlechten Wetters am Gipfel gar nicht erfüllen konnte und somit quasi erfolglos wieder aus Garmisch abreiste.

Kurios ist allerdings, dass es den Gipfel, auf dem Joseph Naus und seine Begleiter standen, heute gar nicht mehr gibt. Während der Mittelgipfel der Zugspitze 1930 für die Bergstation der Zahnradbahn eingeebnet wurde, wurde der einstmals 2 964 Meter hohe Westgipfel 1938 von den Nationalsozialisten gesprengt, um Platz für eine Flugleitstelle zu schaffen – die dann nie gebaut wurde. Lediglich der 2 962 Meter hohe Ostgipfel, seit 1851 durch ein vergoldetes Kreuz markiert, ist in seiner ursprünglichen Form erhalten.

Längst ist aus der Zugspitze ein touristisch durchoptimiertes Event geworden: An schönen Tagen schafft die 90 Jahre alte Zahnradbahn von Garmisch aus bis zu 3 500 Besucher auf den Gipfel. Doch die Corona-Pandemie macht auch vor Deutschlands höchstem Berg nicht Halt. Derzeit fahre die Bahn nur mit zwei Drittel der Gäste, so die Auskunft der „Zugspitzbahn AG“. Und wer im Münchner Haus, der 1898 eröffneten DAV-Hütte am Gipfel der Zugspitze, übernachten will, braucht einen Daunenschlafsack: Die Fenster in den Matratzenlagern bleiben zum Infektionsschutz auch nachts geöffnet.

Das Festprogramm zum 200. Jahrestag von Joseph Naus‘ alpinistischer Heldentat, das die Garmischer Bergsteigerschule „vivalpin“ plant, soll jedoch wie geplant stattfinden: Am 27. August ist Extrembergsteiger Ralf Dujmovits zu Gast, der als erster Deutscher auf allen 8000ern stand. Und der Bayerische Rundfunk will einen eigens fürs Zugspitzjubiläum gedrehten Film als Preview präsentieren: Über eine Gruppe Garmischer Bergführer, die in originalgetreuen Klamotten jenen laut Naus „so verschrienen Zugspitz“ besteigen. Damals eine Expedition – heute ein Retro-Abenteuer light. (Von Susanne Schröde, epd)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare