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Das Mahnmal: Ein Monument in Sewastopol auf der Halbinsel Krim erinnert an die 118 Matrosen der „Kursk“.

Vor 20 Jahren

Der Untergang der „Kursk“ markiert für manche den Anfang vom Ende der russischen Demokratie

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Am 12. August 2000 sinkt das Atom-U-Boot „Kursk“. Einige der 118 Matrosen überleben – werden aber nicht rechtzeitig geborgen. Heute sehen manche in dem Unglück den Anfang vom Ende der russischen Demokratie.

Die erste Erschütterung war nur leicht zu spüren. Aber zwei Minuten und 15 Sekunden später, gegen 11:28 Uhr, folgte eine zweite Erschütterung, die den Rumpf des Kreuzers „Pjotr Weliki“ erzittern und auf Alaska die Seismografen ausschlagen ließ. Und während die Seeleute auf den russischen Kriegsschiffen im Manövergebiet noch rätselten, was der Grund für die Erschütterungen gewesen sein könnte, hatten die gerade vergangenen zwei Minuten den Untergang des Atom-U-Bootes K-141 „Kursk“ und seiner 118 Besatzungsmitglieder besiegelt.

Bis heute ist unklar, wer von den Marinesoldaten bereits bei der Explosion eines leckenden Übungstorpedos im Bug umkam und wer im Kampf gegen das sich ausbreitende Feuer; offen ist auch, wie viele Männer starben, als sich fünf bis zehn weitere Torpedo-Sprengköpfe entzündeten und mit der Wucht mehrerer Tonnen TNT ein großes Loch in den Rumpf des 154 Meter langen U-Boots rissen. Sicher ist nur: Ein Teil der Mannschaft überlebte in der neunten Sektion der Kursk – und wartete auf dem Meeresgrund in 104 Metern Tiefe auf Rettung.

Das Boot: die „Kursk“, aufgenommen in ihrem Heimathafen Widjajewo.

Die Menschen in Russland und dem Rest der Welt blickten voller Hoffnung auf die Barentssee. Eine Rettung aus 104 Metern Tiefe konnte doch nicht so schwer sein! Was sich jedoch der Öffentlichkeit in den folgenden Wochen nach dem 12. August 2000 bot, war ein Drama voller Lügen, Ängste und Hoffnungen, das als Tragödie enden sollte.

Der Untergang der „Kursk“ ist zwar nicht das größte submarine Unglück in der Geschichte der Seefahrt. Im Jahr 1963 war das US-amerikanische Atom-U-Boot „Thresher“ nach einem Wassereinbruch im Atlantik in eine Meerestiefe von 2,5 Kilometern hinabgesunken, die 129 Matrosen an Bord starben vermutlich in Sekundenschnelle. Die Überlebenden im Wrack der „Kursk“ hingegen würden einen langsamen Tod sterben müssen. Weil alles viel zu lange dauerte.

Die Matrosen: Der russische Fernsehsender NTW stellte die Mannschaft 1995 vor.

Das russische Flottenkommando meldete das Boot erst zwölf Stunden nach der zweifachen Explosion als vermisst, die Öffentlichkeit erfuhr erst zwei Tage später davon: Die Kursk sei gesunken, hieß es damals, aber es gäbe Funkkontakt zu ihrer Besatzung. Danach schränkte ein Militärsprecher ein, man verständige sich durch Klopfsignale. Eine Meldung des damals noch unabhängigen Fernsehkanals „NTW“, der Bug des Schiffs stehe voll Wasser, dementierte das Militär, es verschob den Zeitpunkt des Unglücks außerdem auf den Sonntag.

Nicht nur für die Angehörigen der Seeleute begannen bange Tage des Wartens. Ganz Russland wollte wissen, warum die Besatzung nicht selbstständig ausstieg, warum ein Dutzend Versuche russischer Tauchapparate, an die Luken der „Kursk“ anzudocken, scheiterten. Aber auch, warum die Staatsführung britische und norwegische Hilfsangebote erst nach vier Tagen annahm.

Matrosen, die in einem gesunkenen U-Boot dem Erstickungstod entgegenharren, sind wie Astronauten, die in einem defekten Raumschiff ins All davongetragen werden – ein moderner Alptraum. Eine Debatte brach aus, über Klaustrophobie, verbleibende Atemluft, Klopfzeichen, über festgeschweißte und daher unbrauchbare Rettungsbojen. Man hoffte noch – und suchte bereits nach Schuldigen. Manche kolportierten, die Manöverrakete eines eigenen Kriegsschiffs habe die Kursk versenkt. Der verantwortliche Admiral Wjatscheslaw Popow indes redete von einem Zusammenstoß mit einem fremden U-Boot, die liberale Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“ bezeichnete später die britische HMS „Splendid“ als „Mörder der Kursk“. Tatsächlich zogen vor Murmansk Nato-U-Boote ihre Kreise, unter der Meeresoberfläche hatte der Kalte Krieg nie aufgehört. Nur wäre die „Splendid“ mit ihrer Wasserverdrängung von 4900 Tonnen bei einer Karambolage mit der „Kursk“, die im Tauchgang knapp 24 000 Tonnen verdrängte, wohl kaum selbst intakt davongekommen.

Die Familien: die Mutter eines Besatzungsmitglieds am 19. August in Murmansk.

Die offizielle russische Version hat sich in den 20 Jahren nach dem Unglück deutlich verändert. Statt von Funkkontakt ist längst davon die Rede, die russische Admiralität habe schon sehr früh erklärt, dass die meisten Matrosen schon in den ersten Minuten nach den Explosionen umgekommen seien. Aber Taucher bargen später zwei Briefe von Offizieren, beide schreiben von 23 Männern, die in der neunten Sektion im Bug überlebt hätten. Kapitänleutnant Dmitri Kolesnikow notierte am 12. August um 15:15 Uhr, knapp vier Stunden nach der Explosion, es gäbe kaum Chancen, „10 bis 20 Prozent“. Aber man werde versuchen, herauszukommen. „Grüße an alle, ihr dürft nicht verzweifeln.“ Sein Kamerad Raschid Arjapow hatte ein Blatt aus einem Krimi herausgerissen und schrieb darauf: „Wir fühlen uns schlecht, geschwächt durch das Kohlenmonoxid, wir halten es nicht mehr als 24 Stunden aus.“

Die Männer lebten, sie sendeten immer wieder das SOS-Signal an die Oberfläche, indem sie mit Werkzeugen auf den Schiffsstahl schlugen. Die letzten Klopfzeichen wurden am 15. August gemeldet. Aber die Kriegsflotte zeigte sich unfähig, ihre Leute zu retten. Den viel zu spät zur Hilfe gerufenen und am 20. August eingetroffenen Norwegern gelingt es nach einem Tag, eine Luke zur neunten Sektion zu öffnen. Sie stand inzwischen auch unter Wasser.

Wladimir Putin, damals gerade acht Monate im Amt, war sechs Tage nach dem Untergang aus dem Urlaub in Sotschi zurückgekehrt. Er sprach von einer „unvorhersehbaren“ Situation. So etwas passiere eben, er mache den Admirälen keine Vorwürfe, die Flotte tue alles, um die Besatzung zu retten, aber leider herrsche Sturm. Auch Putin schien sich mehr um den Ruf der Kriegsflotte zu sorgen als um das Leben der Matrosen. Der TV-Journalist Sergei Dorenko, der Putin wenig später im Staatsfernsehen damit konfrontierte, dass er Unwahrheiten verbreite, wurde entlassen.

Der Abschied: Am 24. August 2000 werfen Angehörige Blumen in die Barentssee.

„Mit dem Untergang der Kursk begann die Lüge. Danach fing der Staat an, sich ins Gerichts- und Rechtsschutzsystem einzumischen, die Massenmedien zu unterdrücken“, sagte der Rechtsanwalt Boris Kusnezow, der die Opferfamilien vertrat und später ein Buch über die Katastrophe schrieb. „Die Beseitigung der Demokratie in Russland begann mit der Katastrophe der Kursk.“

Der Moskauer Militärexperte Viktor Litowkin bezeichnet den Untergang der „Kursk“ dagegen als Aufbruchsignal: „Das Unglück hat gezeigt, in welch katastrophalem Zustand die Kriegsflotte war. Und der damals noch junge Staatschef Wladimir Putin hat verstanden, dass man schnell handeln musste, um sie zu retten.“ Putin habe allein für die Schwarzmeerflotte zwei Fregatten und sechs U-Boote bauen lassen, aber auch die Infrastruktur und die Garnisonen der Seeleute modernisiert. Unter Putin wurde Russland wieder zur militärischen Supermacht, der – nicht geheime – Teil des Militärhaushalts betrug vergangenes Jahr 65,1 Milliarden Dollar. Vor 20 Jahren waren es insgesamt nur 12,2 Milliarden Dollar. Und U-Boot-Offiziere, die damals oft Monate auf ihren Sold von umgerechnet 60 bis 160 Euro warteten, verdienen inzwischen 1500 bis 2500 Euro, je nach Rang.

Allerdings leben sie weiter gefährlich. Vor einem Jahr erstickten 14 russische U-Boot-Fahrer bei einem Brand auf einem Tiefseeapparat in der Barentssee. Abgesehen von der „Kursk“ beklagte die russische Unterseeflotte seit dem Ende der Sowjetunion mindestens 42 Tote, auf Nato-U-Booten waren es im gleichen Zeitraum 14 Tote.

Knapp vier Wochen nach der Katastrophe gab Wladimir Putin in New York dem US-amerikanischen TV-Talkmaster Larry King ein Interview. Auf die Frage, was mit der „Kursk“ passiert sei, sagte Putin: „Sie ist gesunken.“ Und er lächelte etwas schräg. Für den Präsidenten war die Kursk wohl vor allem die erste Staatsaffäre, die er erfolgreich durchgestanden hatte.

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