1. Startseite
  2. Panorama

Russlands neue "Bierghettos"

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Im Gastraum des "Beerlin": Aus Metallhähnen fließt der Gerstensaft in Plastikflaschen.
Im Gastraum des "Beerlin": Aus Metallhähnen fließt der Gerstensaft in Plastikflaschen. © Stefan Scholl

In den Großstädten des Landes entsteht eine umstrittene neue Trinkkultur. Viele fürchten, dass sich die Städte in "Bierghettos" verwandeln.

Der Mann kommt durch die offene Glastür an der Tschistjakowaja-Straße. „Leute, bei uns in Tula haben sie jetzt ein Scharfschützengewehr entwickelt, das trifft auf 4 Kilometer“, ruft er den Männern zu, die sich vor der Theke drängen. „Das muss man uns Russen lassen, wir bauen die besten Waffen.“ Die Männer brummen gedämpft beifällig.

Moskauer Stadtrand, Neubausiedlung Trjochgorka, 47 Plattenbauwohnsilos, 18 bis 25 Etagen, knapp 40 000 Bewohner, zwei Schulen, drei Supermärkte. Und 14 Schankläden, wo Bier verkauft wird, russisch „Piwo“. Sie heißen „Piw Paw“, „Piwnaja Buchta“ oder „Beerlin“. Über der Glastür an der Tschistjakowaja aber hängt nur das Schild „Geöffnet“.

14 Schankläden am Moskauer Stadtrand

14 Sorten Fassbier, aus Sibirien, aus Nordossetien oder Weißrussland, aber auch belgisches Leffe und bayrisches Zoller-Hof. Das russische Bier kostet 2,20 Euro pro Liter, das westliche bis zu 6,50 Euro. Es fließt aus Metallhähnen in Plastikflaschen, eilige Heimkehrer aus den Großraumbüros Moskaus tragen es nach Hause, vor den eigenen Fernseher. Andere trinken es an der Theke, im Stehen, aber ohne Eile. Außer der Verkäuferin sind hier nur Männer, sie reden, lachen, schweigen, gehen raus zum Rauchen.

In den Außenvierteln Moskaus und anderer Großstädte boomen solche Fassbierläden. „Je größer die Entfernung zum Stadtzentrum und je neuer die Wohnhäuser, umso mehr Biergeschäfte gibt es“, konstatiert der Urbanist Dmitri Lebedjew. Tatsächlich sind die Schankläden in der Peripherie dabei, sich in Kneipen zu verwandeln.

Zu Sowjetzeiten herrschte Biermangel, wenn irgendwo ein Biertank auffuhr, bildeten sich sofort Warteschlangen. Obwohl die Kunden oft schimpften, der Gerstensaft sei mit Wasser und Seife versetzt. Heute gibt es mehr als genug Bier, heimisches Craft-Bier ist groß in Mode, gerade neue Sorten kann man ohne Angst vor Kopfschmerzen trinken. Kritische Seelen aber befürchten, die Masse der Schankläden verwandle Russlands Großstadtränder in „Bierghettos“, wie der Internetkanal TV Doschd bang titelt.

Bier und Schnaps in den Plattenbauten

Tatsächlich bröckeln die schlampig verputzten Betonfassaden der Plattenbautürme um Moskau schon nach wenigen Jahren, auch der Asphalt auf Straßen und Bürgersteigen. „Terroristen töten die Menschen sofort, diese Bauweise aber bringt sie schrittweise um“, klagt der Blogger Arkadi Gerschman. Und dazu noch Bier oder Schnaps. Nach offiziellen Angaben sind 5 Millionen Russen Alkoholiker, 500 000 sterben jährlich am eigenen Alkoholkonsum.

Trjochgorka aber ist zugeparkt mit Nissan, mit VW, BMW oder Renault. Wer hier, am waldigen Westrands Moskaus, eine Wohnung ergattert hat, der hat es nach russischen Maßstäben geschafft, gehört zur oberen Mittelklasse. Und die Hässlichkeit draußen bekämpft man mit liebevollen Wohnungseinrichtungen. Verzweifelt einer doch an Hypotheken oder Mieten, so trinkt er Wodka, kein Bier.

Im Ausschank an der Tschistjakowaja geht es zu wie in Kneipen auf der ganzen Welt. Die einen sind nur auf einen 500-Gramm—Plastikbecher hier, andere haben sich heißgeredet und schon zwei Liter intus. Boxkämpfe werden diskutiert, Autoreifen oder die Annexion der Krim. Die „Krim-gehört-uns“-Patrioten sind klar in der Mehrheit. Und jemand wärmt das alte Gerücht von dem tadschikischen Vergewaltiger auf, der das Viertel angeblich unsicher macht. Biertrinken mag bürgerlicher sein als Wodkasaufen, es fördert auch bei Russen den Hang zum Spießertum.

Fröhliche Selbstironie in Sachen Fußball

Aber dann geht es um Fußball, die Russen halten ihren Fußball für miserabel, die Stimmung kippt in fröhliche Selbstironie. „Nach seinem letzten Spiel für die Nationalmannschaft wollte sich Kerschakow erschießen“, witzelt man über den zurückgetretenen Torjäger Alexander Kerschakow. „Doch er hat wieder nicht getroffen.“

Neben dem obligatorischen Fernseher thronen deutsche Bierkrüge, in der Ecke steht ein kleiner Tisch mit zwei Holzschemeln und einem Backgammon-Spiel. Jemand hat die Fahne der russischen Fallschirmtruppen aufgehängt, in anderen Schänken schmücken Fußballschals oder Bierdeckel die Wände. Im Gastraum des „Beerlins“ stehen schon vier Tische. In Russlands Schlafstädten sprießt Kneipenkultur.

Alkoholverkauf ist nach 23 Uhr verboten, aber im Laden an der Tschistjakowaja diskutieren um halb zwölf die letzten drei Gäste das vaterländische „Yota-Phone“. Das Urteil ist einhellig; unzuverlässige Software, teurer als ein I-Phone 6. „Überhaupt, wer will ein Mobiltelefon, das mit Holzofen betrieben wird“, ruft einer, Gelächter dröhnt. Auch der russische Stammtischpatriotismus hat seine Grenzen.

Auch interessant

Kommentare