Ölsperren sollen eine weitere Ausbreitung des Diesels stoppen.  
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Ölsperren sollen eine weitere Ausbreitung des Diesels stoppen.  

Sibirien

Russlands Arktis droht Ölpest

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Im nordsibirischen Norilsk sind über 20.000 Tonnen Diesel ausgelaufen.

Sie glänzen rostrot und wälzen sich wie Lava durch das Hellbraun der noch frühlingshaft nackten Tundra. Die Luftaufnahmen des Flusses Ambarnaja und seiner Nebenarme wirken wie Fotos von einem anderen Stern. Am vorigen Freitag sind in der nordsibirischen Industriestadt Norilsk etwa 21 000 Tonnen Diesel aus einem lecken Lagerbecken ausgetreten, 15 000 Tonnen gerieten in die Flüsse Ambarnaja und Daldykan. „Purpurrote Flüsse“, schreibt die Zeitung Nowaja Gaseta über die nach Einschätzung von Ökologen größte Ölpest in der Geschichte der russischen Arktis. Angesichts des Klimawandels könnten sich solche Unfälle häufen.

Der Treibstoff befand sich in einem Reservetank des Wärmekraftwerks Nr. 3, das dem Konzern Nornickel gehört. Nach Aussagen von Nornickel-Vizepräsident Sergej Djatschenko mag das Erdreich darunter in Folge „mehrerer anormal warmer Winter“ aufgetaut und abgesackt sein. Das wiederum habe zum Bruch des Zisternenbodens geführt, die Anlage sei noch 2018 überprüft und repariert worden.

„Technische Unfälle durch das Auftauen des Permafrostbodens kommen von Jahr zu Jahr häufiger vor“, sagt Greenpeace-Experte Wassili Jablokow unserer Zeitung. Greenpeace hat die Regierung gebeten, gefährliche Industrieobjekte im Polargebiet umgehend zu überprüfen.

Alexei Knischnikow, Leiter des Programms für ökologische Verantwortung der Wirtschaft beim russischen WWF, erklärt, die Katastrophe sei auch eklatanten Umweltschutzverstößen geschuldet: „Nach russischer Gesetzgebung müssen solche Treibstofflager durch Wälle umgeben sein, die es unmöglich machen, dass austretende Schadstoffe das Werksgelände verlassen.“ Der Kreml aber plant, die russische Arktis und ihre Naturschätze industriell weiter zu erschließen, es wird also noch mehr Infrastruktur in den immer unberechenbarer werdenden Permafrostboden gesetzt werden.

Auf dem Fluss Ambarnaja errichtete man mehrere Sperrgürtel aus Kunststoffschwimmern, um den etwa einen Kilometer langen und 150 Meter breiten Ölteppich zu stoppen. Aber wie die Zeitung Kommersant schreibt, wurden sie in der Nacht zu Mittwoch vom Eis zerstört. Außerdem lösen sich laut Knischnikow mehrere Dieselbestandteile wie Benzol, Toluol oder Ethylbenzol schnell in Wasser auf, sind darum durch Absperrungen kaum aufzufangen.

Bedroht seien vor allem die Fische und Pflanzen in den betroffenen Gewässern. „Und wir haben noch nicht analysiert, wie groß die Gefahr für Dorfbewohner weiter flussabwärts ist.“

Greenpeace-Mann Jablokow vergleicht die Katastrophe mit der Ölpest vor Alaska 1989. Damals verlor der Öltanker Exxon Valdez bei einer Havarie 37.000 Tonnen Rohöl, die über 2000 Kilometer Küste verseuchten und ungezählte Vögel und Fische töteten. Jablokow befürchtet, es könne über zehn Jahre dauern, bis alle Folgen beseitigt sind.

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