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In der ostsibirischen Region Irkutsk wurden fünf Kamele getötet und verbrannt. (Symbolbild)

Russland

Himmlische Karawane in Flammen

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Ein Schamane verbrennt Kamele für die Wiedergeburt Russlands. Das kommt nicht überall gut an.

Erst zerrten die Männer Kamele durch den Schnee, trotz des Dröhnens der Trommeln wirkten die kräftigen, dickfelligen Tiere arglos. Die fünf Kamele wurden gefesselt, zu Boden geworfen und getötet. Man zerkleinerte sie, legte ihr Fleisch gemeinsam mit den Fellen auf einen großen, mit Benzin getränkten Holzstapel, und verbrannte alles.

Das Schlachtfest fand schon Anfang Februar in einem Wald bei Angarsk in der ostsibirischen Region Irkutsk statt. Erst mehrere Wochen später erregte ein Video über das Opferritual die Menschen über die Sozialen Netzwerke in Russland, Tierschützer und Medizinmänner empörten sich, die Staatsanwaltschaft kündigte Ermittlungen wegen Tierquälerei an. Und in Russland werden nun die geistigen und moralischen Qualitäten der sibirischen Schamanen diskutiert.

Es handele sich um das Ritual „Schen Tengeri Jaba“ (zu Deutsch: Himmlische Karawane, verschwinde!) erläutert Artur Zybikow. Der Geisterbeschwörer mit dem Titel „Stellvertretender Oberster Schamane Russlands“ hatte das Spektakel kommandiert. „Ein äußerst seltenes Ritual, das letzte fand vor 300 Jahren statt. Daran wagen sich nur sehr mächtige Schamanen.“ Man habe fünf Kamele ausgewählt, weil Kamele den Göttern am nächsten stünden, und die Zahl Fünf die segensreichste in den Prophezeiungen der Schamanen sei, genauso wie bei den russischen Schulnoten. „Wir wollen mit unseren Gebeten unsere Heimat neu zur Welt bringen, stark, mächtig, schön und souverän.“

Andere Schamanen aber versichern, das Ritual „Himmlische Karawane, verschwinde!“ existiere gar nicht. Witali Baltajew, Führer der Schamanengruppe „Bakail“, erklärte der „Komsomolskaja Prawda“, Tieropfer würden nie im Winter, nur im Sommer gebracht. „Und die Wiedergeburt Russlands als Anlass, das ist wohl etwas hoch gegriffen.“

Der „Stellvertretende Oberste Schamane Russlands“ ist in Kollegenkreisen durchaus umstritten. Viele Medizinmänner versichern, in ihrer Zunft gäbe es keine Hierarchien, Wahlen oder Politik. „Die Gabe des Schamanen ist eine große Seltenheit“, sagt der Irkutsker Kulturologe Sergei Schotnikow der Agentur RIA Nowosti, „sie wird von Generation zu Generation vererbt und gilt als schwere Bürde.“ Heute aber gäben sich sehr viele Zufallsfiguren als Schamanen aus.

Zybikow war laut „Radio Swoboda“ als Bodyguard, Gastronom und Assistent des Duma-Abgeordneten und Schlagerstars Josif Kobson tätig, bevor er sich als Geisterbeschwörer am Baikal versuchte. Bei Angarsk eröffnete er eine Lehranstalt für Medizinmänner, hat dort schon über 500 „öffentliche Schamanen“ ausgebildet.

Dabei gelten Schamanen in Sibirien nicht als Berufsstand, sondern als Gruppe von Auserwählten. Ihre Seelen können im Zustand ritueller Ekstase ins Jenseits gelangen und dort Gutes für ihre Umgebung bewirken. Meist stammen sie aus einer bestimmten Sippe und müssen eine schwere seelische Krise durchleben, die „Schamanenkrankheit“, um ihre ekstatischen Kräfte zu gewinnen. Unter den Zaren wurden sie oft als Hexer verfolgt, unter den Kommunisten als Reaktionäre. Jetzt tauchen Neo- oder Pseudoschamanen auf, die Durchschnittsmonatsgehälter für ihre Heilrituale kassieren oder nebenher versuchen, in der Staatspartei Einiges Russland Karriere zu machen.

Wie das Portal „Baikal Daily“ berichtet, häufen sich Klagen über burjatische Schamanen, die ihren Kunden erklären, der eigene Zauber sei zu mächtig geraten und bedrohe jetzt deren Gesundheit und gar Leben. Neue Rituale seien nötig, um das Unheil zu bannen. Dafür verlangen die Scharlatane Honorare von umgerechnet 1500 Euro. In Irkutsk nötigte ein Schamane gar eine junge Frau zu Alkohol und Sex, sie hatte gehofft, mit seiner Hilfe einen Studienplatz zu erlangen.

Nach der ostsibirischen Überlieferung reitet die weiße Gottheit aller Heiler auf einem Kamel. „Das Kamel gilt den Burjaten als heiliges Tier, es wird nie geopfert“, heißt es in einer Erklärung der Schamanen-Organisation „Tengeri“. „Das ist Neoschamanismus, der alle ungeschriebenen Gesetze verletzt.“ Viel Segen werden die bei Angarsk geschlachteten Tiere kaum bringen.

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