+
Gar keine hohen Hacken? Wie in jeder anderen europäischen Stadt geht auch in Moskau alles.

Klischee

Russische Frauen: Mehr als Natascha und Babuschka

  • schließen

Pailletten, Prunk und Pelze: Jede und jeder scheint ein klares Bild von der russischen Frau und ihrem Geschmack zu haben. Woher die Klischees kommen und was sie mit der Wirklichkeit zu tun haben. Eine kleine Suche nach der Wahrheit.

Daria Boll-Palievskaya hat sich vorbereitet. „Ich war heute in Moskau unterwegs und habe für unser Gespräch Ausschau nach Frauen in High Heels gehalten“, sagt sie. „Aber ich habe keine gesehen.“ Boll-Palievskaya ist gebürtige Russin und studierte Germanistin, sie ist interkulturelle Trainerin und Redakteurin der Onlinezeitung „Russland.news“. Und sie hat ein kleines schlaues Buch geschrieben. „Russische Frauen“, heißt es, „Innen- und Außenansicht“. Darin setzt die Autorin Tatsachen jenen Bildern von der russischen Frau gegenüber, die überall auf der Welt vorherrschen.

Und von denen, den Bildern, den Klischees, blumigen Fantasien und unrühmlichen Vorurteilen gibt es nicht nur besonders viele, sie zeichnen sich auch durch eine merkwürdige Dualität aus. Russische Frauen – das sind hochgewachsene Amazonen mit noch höheren Wangenknochen oder dralle Matronen mit kräftigen Waden. Sie tragen rasante Miniröcke und tiefe Dekolletés oder bodenlange Wollröcke und geblümte Kopftücher. „Sie heißen Natascha und sind per Internet leicht zu haben“ oder „haben Goldzähne, heißen Babuschka und kommen als KGB-Offiziere zur Welt“, heißt es in Boll-Palievskayas Buch.

Russland: Von wohl keiner anderen Frau existieren so starre Vorstellungen

Von wohl keiner anderen Frau auf der Welt existieren so viele, so starre Vorstellungen wie von der russischen. Allenfalls die sinnliche Französin ruft ähnlich eindrückliche Bilder hervor – als regelrechtes Phänomen aber kann bloß die Russin gelten. „Für mich ist die Frage vor allem, inwiefern sie sich mit der Wirklichkeit decken“, sagt Boll-Palievskaya. Die Russin, die sich nicht nur hegt und pflegt, sondern regelrecht herausputzt, zumindest da sei tatsächlich etwas dran.

Nur wimmeln die Straßen von Sankt Petersburg und Moskau heute eben nicht mehr von Frauen, die selbst über eisglatte Straßen sicheren Schritts auf ihren 24-Zentimeter-Absätzen stolzieren, den Pelz in der Taille gegürtelt, die Acrylnägel zu triefroten Krallen gefeilt. „Aber das Bedürfnis, schön zu sein, ist noch immer tief in vielen russischen Frauen verwurzelt“, sagt Boll-Palievskaya. „Nur hat sich ihr Verständnis von Schönheit erweitert und geöffnet.“

Sie habe es ja selbst gesehen, kürzlich, auf einer Reise in ihre Heimatstadt, Moskauerinnen, die in flachen Schuhen die goldverzierten U-Bahnhöfe hinuntereilen, in lockeren Mänteln, bequemen Pullovern, in Jeans. Und trotzdem, dass sie besonders großen Wert auf ihren Auftritt legen, auch wenn sich dieser gewandelt, gewissermaßen beruhigt hat, sei den Russinnen nach wie vor anzusehen. Ein Selbstverständnis, das in starkem Kontrast zur russischen Kultur steht, die ganz andere Frauenbilder zeichnet.

Russland und die Frauen: In der klassischen russischen Literatur spielt ihr Aussehen keine Rolle

Ist das typisch russisch? Designs …

In der Folklore, den weltberühmten Märchen etwa, stehen weniger hübsche und zerbrechliche Prinzessinnen im Rampenlicht, weibliche Figuren zeichneten sich eher „durch eine besondere Weisheit und Geschicklichkeit aus“, schreibt Boll-Palievskaya. „Wassilissa die Weise“ etwa taucht gleich in mehreren Erzählungen auf und prägte kluge Bonmots, „du wirst sehen, der Morgen ist klüger als der Abend“ ist eines davon. Auch in der klassischen russischen Literatur spielt das Aussehen einer Frau so gut wie keine Rolle. „Ob Dostojewski oder Tolstoi, Turgenew oder Gontscharow, russische Schriftsteller haben selten die Schönheit ihrer weiblichen Charaktere besungen, sondern viel mehr ihren ‚inneren Reichtum‘ und ihre Spiritualität.“

Dafür, dass die russische Frau gerade im 20. Jahrhundert von diesen Idealen abrückte, gibt es eine viel zitierte, wenn auch recht plumpe Erklärung. Von der Hand weisen lasse sich diese jedoch nicht, so die Autorin. „Russland hat bedingt durch eine sehr leidvolle Geschichte oft unter einem Mangel an Männern gelitten“, sagt sie. Revolution, Bürgerkriege, der Erste und der Zweite Weltkrieg, die „Säuberungen“ Stalins, der Krieg in Afghanistan, die Auseinandersetzungen mit Tschetschenien – immer wieder verschwanden zahllose Männer, die Frauen blieben zurück.

Russland und die Angst der Frauen, keinen Mann abzubekommen

„Die Angst, keinen Mann ‚abzubekommen‘, wird von vielen Müttern an ihre Töchter weitergegeben. Diese Sorge formt die Idee einer Art ‚Bräutemarkt‘, auf dem sich die russische Frau durchsetzen muss.“ Und zwar schon mit dem ersten und nicht erst mit dem zweiten Blick, mit Schönheit und Anmut, nicht mit Intellekt und Charisma. Gestützt werde diese Annahme von dem noch immer florierenden Geschäft der Heiratsagenturen, so Boll-Palievskaya, „dort wird den Russinnen suggeriert, dass viele Männer auf der Welt nichts anderes zu tun haben, als auf die schönen russischen Frauen zu warten“, die diesem Bild dann entsprechen, besonders reizvoll sein wollen, attraktiv, ansprechend – und jugendlich.

Auch darauf reagiert die Stadt Moskau mit dem „Moscow Longevity Program“. „Die Idee ist, sich intensiver um unsere älteren Bürgerinnen und Bürger zu kümmern“, erklärt Vladimir Filippov, stellvertretender Direktor des Moskauer Kulturministeriums. „Aber auch, den Jüngeren zu zeigen, dass das Alter viel Positives bereithält.“ Neben Klassen und Workshops, in denen Moskauerinnen und Moskauer etwa eine neue Sprache lernen oder sich Sport und Hobbys widmen, soll ein Weg gegen den Jugendwahn über die Mode führen.

Russland und die Welt der Mode: Einiges ändert sich

„Während der Modewoche in Russland haben wir acht Labels unterstützt, die insgesamt zehn Models jenseits der 60 über den Laufsteg geschickt haben“, so Filippov. Nach der Veranstaltung initiierte die Stadt gemeinsam mit dem Russian Fashion Council, dem russischen Moderat, zusätzlich ein zweitägiges „Elegant Age Festival“, ein Fest für die „Eleganz im Alter“. „Wir merken, wie speziell die Frauen in unserem Programm sehr auf ihr Aussehen achten, auf ihre Kleider und ihr Make-Up, dass sie bekannten Modejournalistinnen oder Stylisten regelrecht an den Lippen hängen.“

Dass das Interesse an Kleidern und Kosmetik in Russland besonders groß ist – Vladimir Filippov will Moskau nach Paris, Mailand, London und New York gar als „fünfte Modehauptstadt“ verstehen – war auf der Modewoche des Landes tatsächlich zu sehen. Die Besucherränge der „Mercedes-Benz Fashion Week Russia“, wie in vielen anderen Städten auch vom deutschen Automobilhersteller hauptgesponsert, waren restlos besetzt, überall gaben die Besucherinnen einander Komplimente für ihre Garderobe, sammelten noch lieber welche ein, knipsten Selfies.

Russland, die Frauen und die Mode: hohe Hacken und kurze Röcke werden seltener

Was die Designerinnen und Designer dort vor wenigen Monaten präsentierten und was nun in die Geschäfte kommt, will tatsächlich so gar nichts zu tun haben mit dem flamboyanten Stil, für den russische Frauen doch immer bekannt, ja berüchtigt waren. „Es gibt immer noch diese russischen Frauen in hohen Hacken und kurzen Röcken, aber mittlerweile bilden sie eine Minderheit“, sagt etwa Alexander Arutyunov, der unter eigenem Namen seine neue Kollektion auf der Moskauer Modewoche präsentiert. „Russinnen sind mittlerweile viel sportiver unterwegs, viel legerer.“ Die Designerin Alena Akhmadullina formuliert es am Rande ihres Laufstegs ähnlich, „viele russische Frauen mögen mittlerweile den minimalistischen Stil“, sagt sie. „Aber es gibt immer noch jene Russinnen, die Unsummen für Pelze und Goldschmuck ausgeben.“

Fündig werden diese Frauen bei Alena Akhmadullina eher nicht, genauso wenig bei ihrem Kollegen Alexander Arutyunov. Zwar bieten beide auch farbige Pelzmaterialien an, reiche Stoffe, Stickereien, Muster. Die Silhouetten Arutyunovs aber sind zeitgemäß, fließen locker den Körper herab, während Akhmadullina mit geradlinigen Ledermänteln moderne Akzente setzt. Das Klischee der russischen Frau will so gar nicht zu den Kollektionen der beiden passen. Russische Symboliken zitiere sie umso lieber, sagt Alena Akhmadullina, in dieser Saison etwa mit Drucken und Stickereien, die das russische Märchen „Der Fuchs und die Katze“ nacherzählen. Alexander Arutyunov widmet sich indes dem Land als Weltraummacht, „für diese Kollektion wurde ich durch die Raumfahrt der Sowjetunion inspiriert“, sagt er.

Russland und die Mode der Frauen: Viel sportiver als in der Vergangenheit

… von Alexander Arutyuno.

Die Ideen der Designerinnen und Designer sind freilich nur das eine, was abseits der Schauen tatsächlich passiert das andere. Doch auch dort sucht man zumindest in Russlands Hauptstadt nach Klischees vergeblich. Wie die Moskauerinnen in Flats und Jacketts die Prachtstraßen herunterspazieren, wie sie im In-Restaurant „Sibir Sibir“ mit dezenten Ringen an den Fingern Neuinterpretationen sibirischer Küche auf ihren Tellern hin und her schieben, Wild-Carpaccio mit Wacholder, Kalbszunge mit süßen Tomaten, eingelegten Fisch auf gefrorenem Salat, wie sie sich im Garage Museum zeitgenössische Kunst ansehen in ihren weiten Culotte-Hosen und klobigen Hightech-Sneakern, den dicken Wollschal locker um die Schultern gelegt, die übergroße Clutch lässig unter den Arm geklemmt – zumindest einige Besucherinnen der Fashion Week hat das überrascht.

„Sportswear scheint hier ein großes Thema zu sein, der Stil auf der Straße ist sehr jugendlich und unkompliziert“, sagt etwa Chise Taguchi, die von London aus für die japanische Ausgabe der „Harper’s Bazaar“ schreibt. „Ich hatte mit einer konservativeren, sehr weiblichen Mode gerechnet, die ich hier allenfalls an älteren Moskauerinnen sehe.“ Mit hyperfeminine Kleidern, mit Prunk und Pailletten habe auch Laura Pitcher von dem US-Magazin „i-D“. „Aber auf den Laufstegen und der Straße habe ich einen Stil wahrgenommen, der regelrecht Grenzen überschreitet“, sagt sie. „Natürlich gab es auch viele glamouröse Roben und recht riskante Minikleider und hohe Hacken gesehen“, sagt wiederum Shweta Gandhi von der indischen „Vogue“. „Aber eben nur punktuell zwischen jeder Menge praktischen Daunenjacken und lässigen Wollmänteln.“

Viel Geld gibt die Russin für schöne Dinge offenbar noch immer aus

Einen Unwillen an der Mode teilzuhaben allerdings, graue Tristesse, wie sie der deutschen Frau gern vorgeworfen wird, kann allerdings keine der Modejournalistinnen erkennen. Auch wenn sich die Ware in ihren Einkaufstüten geändert haben mag – viel Geld gibt die Russin für schöne Dinge offenbar noch immer aus. Die meisten Sachen verkaufe er nach wie vor in Russland, sagt Alexander Arutyunov, der Designer mit der Weltraum-Kollektion, seine Kollegin Alena Akhmadullina spricht gar von 90 Prozent. „Russische Frauen geben gern besonders viel Geld aus“, sagt sie.

Daria Boll-Palievskaya kann dem nur bedingt zustimmen. „Die Frage ist nicht, ob Russen tatsächlich mehr Geld ausgeben als Leute aus anderen Ländern, sondern welche Prioritäten sie setzen“, glaubt sie. Russinnen und Russin wollten das Beste machen aus der ungewissen Zeit, die ihnen bleibt, schöne Kleider, tolle Autos, gutes Essen, teure Opernkarten. „Die Wirtschaftskrise vor ein paar Jahren zum Beispiel ist ja auch an Russland nicht spurlos vorübergegangen“, meint Boll-Palievskaya, „aber die Restaurants und Theater in Moskau waren trotzdem immer voll.“

Russland: Geld als Rücklage spielt kaum eine Rolle

Geld für die hohe Kante, für Versicherungen, Altersvorsorge – das spiele in Russland eine untergeordnete Rolle. „Schließlich hatten Russinnen und Russen nie die Chance, auf die Zukunft zu vertrauen. Sie leben im hier und jetzt, denn wer weiß, was morgen kommt“, sagt Boll-Palievskaya. Schließlich sei die Geschichte des Landes geprägt von Kataklysmus und Konflikten. Und von Verzicht. Gerade die Zeit der Sowjetunion als Epoche des totalen Mangels prägte auch das Klischee der Russin, die sich übermäßig schminkt, mehr schlecht als recht, mit strasssteinbeklebten T-Shirts und gewagten Overknee-Stiefeln um Aufmerksamkeit buhlt.

In einer Zeit, in der es quasi nur drei Kleiderschnitte gab, die millionenfach reproduziert wurden, sei die schlecht produzierte, grelle Schminke schließlich die einzige Möglichkeit gewesen Individualität auszudrücken. „Viel Geld hatte die sowjetische Frau dafür auch nicht. Und so wurde auf die uralte Tusche noch mal und noch mal gespuckt, damit sie noch etwas hergab“, schreibt Boll-Palievskaya in ihrem Buch. Und die kaum übersehbaren Ergebnisse ergänzte die Russin durch besonders auffällige Kleidung, sobald sie denn konnte.

Die russische Gesellschaft allgemein ist eben sehr komplex

Das war einmal. Dass sich russische Frauen längst von diesem Stil emanzipiert haben ist in vielen anderen Ländern trotzdem noch nicht angekommen. Dort wird von der Russin noch immer wie von einer exotischen Pflanze gesprochen, einer ganz eigenen, ganz anderen Gattung. „Die russische Gesellschaft allgemein ist eben sehr komplex. Das ist nun mal ein riesiges, sehr vielschichtiges Land“, sagt Daria Boll-Palievskaya. „Also entstehen auch deswegen solche Mythen, weil sich die russische Gesellschaft und mit ihr die russische Frau nicht zusammenfassen lässt.“

Dementsprechend höre sie seit den nun mehr 17 Jahren, in denen Daria Boll-Palievskaya als interkulturelle Trainerin etwa deutsche Unternehmen berät, die den russischen Markt erobern wollen, immer wieder diesen einen Satz: „So hatte ich mir das gar nicht vorgestellt“, als Privatperson sage man ihr oft, „oh, du kommst aus Russland, du siehst aber nicht wie eine Russin aus!“ Klischees und Vorurteile sind allerdings keine Einbahnstraße, auch diese Erfahrung hat Daria Boll-Palievskaya gemacht.

„Die Vorstellung von einer deutschen Frau, die hier in Russland dominiert, ist nicht sehr vorteilhaft“, sagt sie. „Sie soll nicht viel Wert auf ihr Äußeres legen, gelinde ausgedrückt, und sei nicht besonders attraktiv und weiblich.“ Dass nicht jede deutsche Frau mit schlampigem Pferdeschwanz und selbstgestricktem Pullover in Birkenstocks die Straßen runterschlappt, hat sich mittlerweile allerdings herumgesprochen. Zumindest in Deutschland.

Überraschende Nachricht aus Moskau: Die Regierung unter Ministerpräsident Dmitri Medwedew ist zurückgetreten.

Im Prozess gegen drei Frauen gibt es eine überraschende Wendung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare