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Ruhe, wem Ruhe gebührt

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Die Welt ist zu laut geworden, findet Valdur Mikita. imago images
Die Welt ist zu laut geworden, findet Valdur Mikita. imago images © Imago Images

Ein estnischer Autor will einen Schutzraum für Introvertierte etablieren. Von Jens Mattern.

Eine Idylle im Frühsommer – ein ruhiger Fluss, gesäumt von Weiden und Birken. Und mittendrin ein Schild mit der Aufschrift „Reservat für Introvertierte“. Das weltweit erste Schutzgebiet dieser Art gründete jüngst der estnische Schriftsteller Valdur Mikita im Süden des Landes, nahe seiner Heimatstadt Suislepa. „Wir brauchen einen friedlichen Ort, an dem Introvertierte das Denken genießen, herumgehen und über die wichtigen Dinge des Lebens grübeln können.“ sagte der 52-Jährige, der sehr bedächtig spricht, dem Fernsehsender ERR.

Erste Regel im Schutzgebiets: Bei Events darf die Anzahl der Teilnehmenden eine Person nicht überschreiten. Zu viele Plätze in Estland seien mittlerweile laut geworden, monierte der studierte Biologe und Semiotiker. Das Land sei mit „endlosen Musikfestivals, Sportwettkämpfen und Sommerveranstaltungen“ überzogen.

Der Autor, der mit Werken wie „Die Kunst, den Pfifferlingen zuzuhören“ in seiner Heimat populär wurde, will die Menschen in Estland wieder zu ihren Wurzeln führen. Bekannt ist Estland derzeit für seinen hohen Grad an Digitalisierung und innovative Startups. Hier wurde etwa die Internettelefon-Anwendung Skype entwickelt. Doch die estnischen Wurzeln sieht Mikita in der Natur; auch „Zurückhaltung“ gilt als typische Nationaleigenschaft, ähnlich wie in Finnland, wo die Menschen eine dem Estnischen verwandte Sprache sprechen und ebenso gern in die Sauna gehen.

Nur eine Person pro Event

Diese Reserviertheit und das Bedürfnis nach Rückzug soll mit der Geschichte der Esten zu tun haben – vom 13. Jahrhundert bis zum Ende des Ersten Weltkriegs waren sie der Fremdherrschaft unterworfen: durch Dänemark, den Deutschen Ritterorden, Schweden und schließlich Russland. Ob nun die erneute Kriegsgefahr auch das Bedürfnis nach „Reservaten“ schafft, darüber schweigt Mikita, der schon mal mit geschlossenen Augen in einem wogenden Schilffeld steht und eine Melodie dirigiert, die nur er selbst hören kann. In seinem jüngsten Werk „Gedankenreisen“ charakterisiert er seine Landsleute so: Sie seien Menschen, die gute Pilzplätze geheim halten und andere verdächtigen, diese zu verraten, Menschen, die über die Lagerung von Holz streiten – oder gar nichts sagen.

Mit seiner Forderung nach einem „Zufluchtsort für Introvertierte“, die er seit Jahren stellt, ist er nicht allein. Sie wird im Land von Gleichgesinnten diskutiert, selbst ein Ratgeber mit dem Titel „Reservat für Introvertierte“ wurde von der Schriftstellerin Anneli Lamp publiziert. Beklagt wird unter den estnischen Gelehrten unter anderem, dass die Jugend lieber dem Transistorradio als dem Gesang der Vögel lausche.

Das Schutzgebiet hat Mikita, der seinen Auftritt auch nutzte, um sein neues Buch zu promoten, darum unter Vorbehalt definiert: „Sollten zu viele Extrovertierte in das Reservat eindringen, stelle ich das Schild woanders auf.“

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