Anwohner und Protestler haben sich „aufgefangen und unterstützt.“
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Anwohner und Protestler haben sich „aufgefangen und unterstützt.“

NRW

Ruhe am Grubenrand

  • vonBarbara Schnell
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2023 soll Keyenberg in Nordrhein-Westfalen dem Braunkohle-Tagebau weichen. Wochenlang demonstrierten tausende Aktivistinnen und Aktivisten dagegen. Nun ziehen sie allmählich ab – und lassen die Menschen des kleinen Dorfes zurück.

Noch vor ein paar Tagen herrschte reger Betrieb zwischen dem Braunkohle-Tagebau Garzweiler und dem Dörfchen Keyenberg, das im Jahr 2023 abgebaggert werden soll. Mehrere tausend „Ende Gelände“-Aktivistinnen und -Aktivisten waren in die Region gereist, und die Polizei hatte von der Reiterstaffel bis zum Wasserwerfer ihr gesamtes Repertoire aufgefahren, um Blockadeaktionen zu verhindern.

Jetzt herrscht wieder das, was zumindest am Grubenrand als „Ruhe“ durchgeht. Irgendwo in den Tiefen des Tagebaus rattern die Ketten eines Schaufelradbaggers, der die Position wechselt. Autos biegen mehr oder weniger ungebremst von der nahen Autobahn in die Hauptstraße der Ortschaft ein.

Dort, wo die Fahrbahn der Ende Juli durch den Baunkohlekonzern RWE abgerissenen Landstraße L277 endet, bauen die Anwohnerinnen und Anwohner, die noch am Wochenende mit „Ende Gelände“ unterwegs waren, eine Mahnwache auf. Für sie gehen das Leben mit dem Tagebau und der Widerstand auch nach der Abreise von „Ende Gelände“ weiter.

„Wir befürchten, dass RWE mit dem Beginn der Rodungssaison jetzt auch die Alleebäume der L277 beseitigen wird“, sagt Antje Pistel aus dem Nachbardorf Holzweiler, das 2016 durch die Leitentscheidung der Landesregierung vor dem Tagebau „gerettet“ wurde. „Das Verschwinden der Bäume wäre nicht nur schrecklich für die Menschen in Keyenberg, sondern es würde auch die Lebensqualität in Holzweiler beeinträchtigen. Wir blicken dann in das nackte Loch.“

Zwar formuliert der geltende Betriebsplan: „Die Inanspruchnahme des Abbauvorfeldes ist auf das betrieblich erforderliche Maß zu beschränken. Die ökologischen Funktionen sind möglichst lange zu erhalten. Die jährlichen (…) Abholzungsmaßnahmen dürfen nur in den beiden dem bergbaulichen Inanspruchnahmejahr vorlaufenden Rodungsperioden (01.10.-28.02.) erfolgen.“

Doch was genau dieses „möglichst lange“ angesichts einer Betriebsgenehmigung, die gar nicht über das Jahr 2022 hinaus läuft, eigentlich bedeutet, mag den Anwohnerinnen und Anwohnern vor Ort niemand sagen. Der Konzern selbst antwortet auf Nachfragen, wie er mit den Bäumen an der L277 verfahren will, nur per E-Mail und weicht – auch geographisch – aus.

„Dem (Kohleausstiegsgesetz) entsprechend geht der Abbau im Tagebau Garzweiler weiter und schwenkt (…) u. a. durch die ehem. Ortslage von Immerath auf Lützerath zu. Wo die Fällung von Bäumen erforderlich ist, erfolgt dies jeweils im dafür vorgesehenen Zeitfenster, also in der sogenannten vegetationsfreien Zeit“, heißt es.

Damit bleiben die Menschen am Grubenrand, die angesichts diverser laufender Klagen an der Rechtmäßigkeit einer Rodung zweifeln, im permanenten „Tag-X-Modus“. Das zehrt an ihren Nerven und empört viele inzwischen so sehr, dass sie sich erstmals dem zivilen Ungehorsam angeschlossen haben.

„Das war ein bisschen wie vom Regen in die Traufe zu kommen“, so Antje Pistel. „Die Politik versucht, die Probleme der Region genauso auszusitzen wie die weltweite Klimakrise, die unleugbar die Folge ist.“ Weil sie und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich allein gelassen fühlten, hätten sie an der Aktion von „Ende Gelände“ teilgenommen.

„Dabei haben wir prompt eine Polizeiwillkür erlebt, die mich entsetzt hat“, so Pistel. „Das Schlimme ist aber eigentlich, dass uns so etwas nicht mehr überrascht. Was sagt das über den Zustand unserer Demokratie?“ Was die 37-jährige Logopädin vom Querfeldein-Spurt der „Ende Gelände“-Aktion in den Dorfalltag mitnimmt? „Ich treibe viel Sport, und ich laufe auch. Aber hier bin ich zum ersten Mal vor etwas weggelaufen.“

Für sie sei in diesem Moment „der Druck, unter dem wir hier leben, zur konkreten körperlichen Erfahrung“ geworden. „Gleichzeitig war es schön, wie sich das Wissen der erfahreneren Teilnehmerinnen und Teilnehmer fast wie durch Osmose verbreitet hat, und wie sich alle gegenseitig unterstützt und aufgefangen haben.“

Wie sich in Abwesenheit der Volksvertreterinnen und Volksvertreter Alltagsdruck in Solidarität verwandelt und wieder in Druck auf eine Politik, die angesichts der Klimakrise nur langsam reagiert, erleben die Menschen in Garzweiler genauso wie am Dannenröder Forst. In NRW wie in Hessen hoffen sie, dass aus dem Wegducken der Regierenden vor der Verantwortung doch noch ein demokratischer Dialog wird.

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