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Einen Namen hat das Projekt auf Rügen schon: „Baltic Sea Eco Resort“.
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Einen Namen hat das Projekt auf Rügen schon: „Baltic Sea Eco Resort“. (Archivbild)

Ostseeinsel

Mega-Hotelprojekt auf Rügen – Eine Geschichte von Größenwahn

  • VonAndreas Förster
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Auf Rügen soll ein gewaltiges Hotel entstehen. An den Plänen hält man hartnäckig fest – trotz vielseitiger Bedenken.

Dranske (Rügen) – Der Sturm tobt über die Ostsee und treibt tiefhängende dunkle Wolken vor sich her. Die mit weißen Schaumkränzen geschmückte See tost, mannshohe Wellen brechen und schlagen auf den Strand. Den wenigen Strandläufern peitscht der Regen ins Gesicht. Es ist, als hätten sich die Elemente an diesem Tag zusammengetan, um jenen Streit zu illustrieren, der auf Rügen herrscht.

Dabei geht es um eine neue Hotelanlage im Norden der Insel, aber auch darum, wie die Menschen hier künftig leben wollen: mit einem nachhaltigen, sanften Tourismus oder einem weiterhin ungebremsten Ausbau von Hotel- und Ferienhausanlagen. Ein grundlegender Konflikt also, in dem allerdings noch ein weiterer Aspekt eine Rolle spielt, der das Streitklima vergiftet – der Neid.

Hotelprojekt auf Rügen: Wer investiert 680 Millionen Euro in einem Flutrisikogebiet?

Wir sind in Dranske auf der Halbinsel Wittow, dem nördlichsten Teil Rügens. Eine schmale Betonstraße zwischen Bodden und Ostsee führt vom südlichen Ende des 1100-Seelen-Ortes zum Bug, einer bewaldeten Landzunge, die sich bis kurz vor Hiddensee im Meer erstreckt. Die Straße dorthin endet unvermittelt an einem Stahltor, denn seit gut 100 Jahren ist der Zutritt zum Bug versperrt. Erst die kaiserliche Armee, dann die Wehrmacht und anschließend die DDR-Volksmarine hatten die acht Kilometer lange und bis zu anderthalb Kilometer breite Landzunge zum militärischen Sperrgebiet erklärt. Seit Anfang der 1990er Jahre jedoch ist das Militär verschwunden, die Natur hat sich den Bug zurückerobert, Bäume und Pflanzen sind zwischen Betonstraßen und den Fundamenten längst abgerissener Gebäude emporgewachsen.

Nun aber sollen hier wieder Kettensägen heulen, Bäume fallen, Straßen und ein Hafen angelegt werden. Für ein gigantisches Hotelprojekt, eines der größten in Europa: Vier Hotels und rund 290 Ferienhäuser mit insgesamt 2000 Betten sollen entstehen, dazu ein Erlebnishafen mit 400 Liegeplätzen sowie Therme, Reitstall, Einkaufszentrum, Künstlerdorf und Kapelle. Geschätzte Investitionssume: 680 Millionen Euro.

Mega-Hotel auf Rügen: Baukosten von 680 Millionen Euro

Die Entwürfe eines Architektenbüros sind fertig, die Bebauungspläne beschlossen, sogar einen Namen hat das Projekt schon: „Baltic Sea Eco Resort“. Noch aber fehlt ein Investor, der das Resort auf einer gut zwei Quadratkilometer großen Fläche im nördlichen Teil des Bugs bauen lässt.

680 Millionen Euro für eine gigantische Hotelanlage auf einer Landzunge, die gerade mal drei Meter über dem Meeresspiegel liegt und in einer Studie des Bundestages über den Klimawandel bereits vor drei Jahren als potenziell überflutungsfährdet eingestuft worden ist – welcher Investor geht ein solches Risiko ein? Lothar Kuhn zuckt mit den Achseln. „Abwarten“, sagt der Bürgermeister von Dranske, und es ist nicht ganz klar, was er meint – den Klimawandel oder das Hotelprojekt. Kuhn ist 71 Jahre alt, und wie der drahtige braungebrannte Mann mit den hellblauen Augen so die Treppe im Rathaus aufwärts stürmt, kann man nur neidisch werden. Sportoffizier war er früher, auf dem Bug trainierte er die DDR-Marinesoldaten und trieb sie durchs Gelände. „Ich war gern bei der Volksmarine und war stolz darauf. Bis sie alles zugemacht haben 1990“, sagt er. Der Sport sei ihm geblieben, immerhin. Und die Offizierskollegen, von denen einige noch immer in Dranske leben. „Wir kennen uns und wir verstehen uns.“

Die Straße endet unvermittelt an einem Stahltor, seit gut 100 Jahren ist der Zutritt zum Bug versperrt – noch.

Mega-Hotelprojekt auf Rügen: „Wir in der Gemeinde geben jedenfalls die Hoffnung nicht auf“

Aber wie hat er das nun gemeint mit dem „Abwarten“? Kuhn lächelt. „Vor ein paar Monaten hieß es, eine israelische Investorengruppe will das Gelände auf dem Bug erwerben und das Hotelprojekt umsetzen. Aber bis jetzt ist der schon mehrfach verschobene Verkaufstermin für das Grundstück offenbar noch nicht über die Bühne gegangen“, erklärt er. „Ich müsste das wissen, denn nachdem der Kaufvertrag über das Gelände notariell beglaubigt wurde, muss ich als Bürgermeister eine Vorkaufsrechtsverzichtserklärung unterschreiben. Eine Formalie nur, aber bislang hat mir die niemand vorgelegt.“ Und auch von den Investoren und ihrem deutschen Vertreter, einem Leipziger Rechtsanwalt, hat er seit Wochen nichts mehr gehört.

Also ist die ganze Aufregung über das Hotelprojekt auf der Insel nur ein Sturm im Wasserglas? Kuhn wiegt bedächtig den Kopf. „Abwarten“, sagt er dann erneut. „Auch wenn die Israelis es sich anders überlegt haben sollten, heißt das nicht, dass die Pläne damit vom Tisch sind“, sagt der Bürgermeister. „Nach meinen Informationen soll sich schon ein neuer Interessent gemeldet haben. Wir in der Gemeinde geben jedenfalls die Hoffnung nicht auf, dass es doch noch was werden kann mit dem Bug. Nach mehr als 20 Jahren Stillstand.“

Tatsächlich ist die Idee einer großen Hotelanlage auf dem ehemaligen Militärgelände bei Dranske mehr als zwei Jahrzehnte alt. Mitte der 1990er Jahre hatte der Bund die Liegenschaft verkauft, an den Oldenburger Unternehmer Martin Oetken. Von Bund und Land gefördert, sollte er ein Resortprojekt für Leipzigs Olympiabewerbung 2012 auf dem Bug entwickeln, denn das Revier vor Dranske war für die olympischen Segelwettbewerbe vorgesehen.

Rügen: Umweltschützer sind von Hotelprojekt entsetzt

Mit Olympia wurde es bekanntlich nichts, aber das von dem Planungsbüro Krause und Bohne aus Eschweiler dafür entworfene Resortprojekt war schon kurz nach der Jahrtausendwende vom Dransker Gemeinderat gebilligt worden. Seitdem liegen zwei rechtsgültige Bebauungspläne – sogenannte B-Pläne – für den Bug vor, mit denen der Grundstückseigentümer Oetken seitdem auf Investorensuche geht. Bislang erfolglos allerdings, 20 Jahre lang wollte ihm niemand den Bug samt Projektplanung abkaufen.

Erst das vermeintliche Interesse israelischer Investoren hat jetzt die Diskussion auf der Insel über das Megaresort wieder befeuert. Und auch die Hoffnung in Dranske, wo nicht nur der Gemeinderat mit großer Mehrheit hinter den Resortplänen steht. Die meisten Einwohnerinnen und Einwohner des Ortes sind ebenfalls dafür. Oder wie es Bürgermeister Kuhn sagt: „Wie anderswo auf Rügen wollen auch wir was abbekommen vom großen Tourismus-Kuchen.“

Eine knappe Autostunde westlich von Dranske, im kleinen Dörfchen Kasnevitz, schüttelt der Biologe und Landschaftsökologe Hans Dieter Knapp dagegen nur fassungslos den Kopf. „2000 Betten am Ende der Insel, am Ende der Welt sozusagen – das ist abenteuerlich und bringt weder Dranske noch der Insel Segen“, sagt er. Der 71-jährige großgewachsene Mann mit Vollbart und weißer Haarmähne ist einer der Gründerväter der Nationalparks im Nordosten Deutschlands und damit auch der Vorpommerschen Boddenlandschaft, in der der Bug liegt. Knapp gehört zu den entschiedensten Gegnern des Projekts und hatte vor einigen Wochen mit seinem Verein „Insular Rugia“ eine Onlinepetition gestartet mit dem Titel „Stoppt Größenwahn des Mega-Projekts ‚Baltic Island Eco Resort‘ auf Rügen“.

Eine Petition sammelt mehr als 17.000 Unterschriften gegen das Projekt auf Rügen

Auch die Bürgerinitiative „Lebenswertes Rügen“, die den anhaltenden Bauboom auf der Insel und den zunehmenden Tourismusverkehr stoppen will, beteiligte sich an der Petition. Mehr als 17.000 Unterschriften kamen zusammen. Was will Knapp damit erreichen? „Dass die Politik nicht mehr tatenlos zusieht, sondern Investoren und Kommunalpolitikern in Dranske in den Arm fällt und zumindest dafür sorgt, dass die Bebauungspläne für den Bug geprüft und neu bewertet werden“, sagt er. „Denn auch wenn sich die angeblichen Investoren aus Israel in Luft aufgelöst haben – die Möglichkeit, dass sich schon bald ein anderer Investor für dieses irrwitzige Projekt findet, ist nicht unwahrscheinlich.“

Anfang September, am Rande eines Auftritts der Schweriner Regierungschefin Manuela Schwesig im Wahlkampf für die Bundestagswahl 2021, hat Knapp der SPD-Politikerin die Petition samt Unterschriftenliste überreicht. Die Ministerpräsidentin zeigte sich offen für die Sorgen der Rüganer und regte ein Rundtischgespräch an. Daran sollen Vertreter der Landesregierung, der Tourismusverbände, des Landkreises und der Bürgerinitiative teilnehmen. Ergebnis dieser Gesprächsrunde soll – so hoffen es Knapp und seine Mitstreiter aus der Bürgerinitiative – die Erarbeitung einer nachhaltigen Entwicklungskonzeption für den Tourismus auf Rügen und seiner Nachbarinsel Hiddensee sein.

Als Nahziel aber gilt es erst einmal, die Bebauungspläne für den Bug endgültig zu begraben, sagt der 71-Jährige. Denn die Idee, dort ein großes Ferienresort zu bauen, sei eine „Planungsleiche“ aus dem vorigen Jahrhundert. „In den letzten 20 Jahren hat sich nicht nur die Welt verändert, sondern auch unsere Insel. Rügen ist dicht mit Hotels und Ferienhäusern, die Zahl der touristischen Übernachtungen liegt jedes Jahr bei über sechs Millionen. Der Autoverkehr verstopft die Straßen, es gibt kein schlüssiges Verkehrsprojekt. Viele Einwohner können sich keine Wohnung hier mehr leisten, und auf der anderen Seite stehen regelrechte Geisterdörfer mit Ferienhäusern die meiste Zeit des Jahres leer.“

„Die Zeit für Megaprojekte ist vorbei“

Das schüre auch soziale Spannungen, denn die Gewinne aus dem Tourismus fließen zu großen Teilen von der Insel ab, weil überwiegend auswärtigen Investoren die Ferienunterkünfte gehören. Hinzu kämen Fragen von Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit. „Auf den Bug bei Dranske führt nur eine schmale Straße, die man nicht einfach verbreitern kann. Und was ist mit der Wasserver- und -entsorgung?“

Zudem habe sich die Landzunge in den vergangenen 30 Jahren der Ruhe völlig verändert. Viele Bäume seien auf dem alten Armeegelände gewachsen, ein regelrechter Wald sei entstanden. Vor einem Baubeginn müsse daher noch einmal genau untersucht werden, ob sich dort seltene und schützenswerte Pflanzen und Tiere wieder angesiedelt hätten. Das könne man doch nicht einfach wegwischen mit einem jahrzehntealten B-Plan, das habe auch die Umweltbehörde des Landkreises bereits klargemacht. „Nein, nein, die Zeit für solche Megaprojekte ist vorbei, egal ob in Dranske oder anderswo auf Rügen“, ist Knapp überzeugt.

Insel Rügen
BundeslandMecklenburg-Vorpommern
Fläche926 Quadratkilometer
Einwohnerzahl63.000
HauptortBergen auf Rügen

Auch der Vorsitzende des Rügener Tourismusverbandes, Knut Schäfer, sieht das Hotelprojekt kritisch. Bedürfnisse und Rahmenbedingungen hätten sich in den Jahren, seit der Bebauungsplan für das ehemalige Militärgelände erstellt wurde, erheblich verändert, sagte er auf einer Podiumsdiskussion in Dranske. „Vor 20 Jahren hätte Dranske noch Applaus bekommen für seine Ideen, aber heute haben wir kein Interesse mehr daran, in der Saison noch mehr Urlauber auf die Insel zu bekommen.“

Im Rathaus von Dranske nickt Bürgermeister Kuhn nur, wenn man ihm die Argumente der Projektgegner vorträgt. Die Kritik sei stark von Unkenntnis geprägt, sagt er, und verweist darauf, dass ein Resort dieser Größenordnung auch unter ökologischen Gesichtspunkten gebaut und geführt werden kann. „Autofreie Zufahrten, Shuttle- oder Fährverkehr zum Bug, eigene Elektroautos für die Touristen – das ist doch alles machbar“, sagt er.

Gemeinde Dranske auf Rügen hält eisern an ihren Plänen fest

Hinter der Ablehnung des Resort-Projekts auf Rügen vermutet der 71-Jährige daher noch andere Gründe. „Es gab seit jeher Neid auf der Insel auf Dranske, weil es dem Ort zu DDR-Zeiten wegen des Marinestützpunkts deutlich besser ging und er der reichste war auf der Insel. Wir hatten hier drei Schulen einschließlich Gymnasium, drei Sporthallen, eine Schwimmhalle, zwei Kindergärten und ein Klubhaus, in dem sich Ost-Künstler von Puhdys bis Karat die Klinke in die Hand gaben. Hier wollten alle auftreten. Und wir NVA-Offiziere waren wirtschaftlich ein wenig besser gestellt als der Rest der Bevölkerung. Auch war die Versorgung besser, du hast hier im Ort schon mal eher Bananen und Apfelsinen bekommen als woanders auf der Insel.“

Dabei seien die Schulen längst dichtgemacht worden, die Sporthallen gebe es auch nicht mehr, und der größte Teil der Plattenbauten am Ortseingang wurde abgerissen. „Während sich andere Orte an der Küste wie Göhren, Binz und Glowe rasant nach vorn entwickelten, fiel Dranske rasant nach hinten“, sagt Kuhn. „Wir sind abgehängt worden, weil die ursprünglichen Planungen für den Bug nie umgesetzt wurden.“

Noch aber sei die Chance nicht vertan, betont der Bürgermeister. „Wir haben die Planungshoheit. Das heißt, so lange die Gemeinde die rechtsgültigen Bebauungspläne für den Bug nicht aufhebt, können sie umgesetzt werden“, sagt er. „Und die Gemeinde wird diese Pläne nicht aufheben, denn sonst passiert hier gar nichts mehr.“ (Andreas Förster)

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