Holger Bublitz ist Waldpädagoge – und Kiezgröße.
+
Holger Bublitz ist Waldpädagoge – und Kiezgröße.

Reeperbahn

Rote Lichter, grüne Daumen

Schon alles gesehen auf der Reeperbahn? Von wegen: Zwischen Bars und Bordellen wachsen einige besondere Pflanzen. Auf einer eigenen Führung zeigt ein Forstwirt, wie sich die Natur auf St. Pauli ihren Weg bahnt

Wer auf der berühmten Hamburger Reeperbahn den Blick von Biertrinkerinnen, Barbesuchern und Bordsteinschwalben löst, wird möglicherweise etwas Überraschendes entdecken. Die Mäuse-Gerste nämlich. Das etwa 20 bis 30 Zentimeter hohe Getreide wächst am Straßenrand vor dem Wachsfigurenkabinett Panoptikum.

Die Gerstenkörner sind essbar aber so winzig, dass allenfalls Mäuse davon satt werden. Geschult werden kann der Blick für die Pflanzenwelt auf dem Kiez allerdings. Bei der Loki Schmidt Stiftung, die seit drei Jahren einmal im Jahr einen botanischen Rundgang auf St. Pauli anbietet.

Kiez-Guide Holger Bublitz ist ausgebildeter Forstwirt und Waldpädagoge. Doch vor allem ist er ein echter St. Paulianer. Mit Witz und Augenzwinkern spricht er über die Heilwirkung der Pflanzen auf dem Kiez. Und bei fast allen findet er irgendeinen Bezug zum menschlichen Liebesleben.

Dass unter dem Gitterrost am Spielbudenplatz zum Beispiel die Salweide wächst, werden die meisten der Kiez-Bummlerinnen und Kiez-Bummler vermutlich einfach übersehen. Die Salweide wird in der traditionellen Kräuterkunde als Schmerzmittel empfohlen. Früher, erzählt Holger Bublitz, wurde sie auch für Abtreibungen verwendet.

Nur wenige Schritte weiter ist der Breitwegerich zu finden. „Hilft gegen Entzündungen“, so Bublitz. Die Schleimstoffe der Pflanze seien gut, wenn es am Po juckt. „Zart auftupfen“, rät der Forstwirt.

Zur Person Blablabla Auch die Blüten von Löwenzahn und Ferkelkraut sind zwischen den Pflastersteinen zu finden. Die Früchte der Schwedischen Mehlbeere vor der Davidwache sind sogar essbar. Holger Bublitz ist leidenschaftlicher Botaniker. Das merkt, wer ihn von den Pflanzen sprechen hört.

Er möchte die Menschen auf unterhaltsame Art für die Vielfalt der Pflanzenwelt begeistern. „Edutainment“ nennt er es. Den prägenden Satz der Naturschützerin Loki Schmidt, Ehefrau von Altkanzler Helmut Schmidt, macht er sich zu eigen: „Nur was man kennt, kann man auch schützen.“ Sein besonderer Respekt gilt den Straßenbäumen auf der Reeperbahn.

Platanen passen für ihn gut zu St. Pauli, schließlich habe der Göttervater Zeus als Stier in der griechischen Mythologie die hübsche Europa unter einer Platane verführt. Allerdings haben es die Bäume in den Straßen des Rotlichtviertels besonders schwer, weil die Freiflächen unten am Stamm zu klein und die Woll-Läuse zu zahlreich sind. „Das Leben als Straßenbaum ist eines der härtesten“, sagt Holger Bublitz.

Die Urinmengen hingegen, die auf der Reeperbahn des Nachts freigesetzt werden, bekommen einigen Pflanzen übrigens ausgezeichnet. Die Strahlenlose Kamille mit ihrem hohen Bedarf an Stickstoff zum Beispiel gedeiht neben dem Pissoir am Hamburger Berg besonders prächtig, schließlich schafft nicht jeder Zecher die letzten Meter bis zur Pissrinne. Anders als die Echte Kamille trägt sie keine Blüten. Sie würde aber so ähnlich duften – wäre ihr Standort nicht an der Reeperbahn.

In der Nische einer Häuserwand hinter einer Regenrinne schlängelt sich der Wurmfarn bis zu einer Höhe von über einem Meter. Er hilft gegen Darmparasiten, ist in größeren Mengen allerdings giftig. Ein kleines Biotop ist auch der Hinterhof der legendären Boxer-Kneipe „Ritze“. Neben Birken wachsen hier Hainbuchen, Kompass-Lattich, Mohn, Frauenkraut und Hirtentäschel.

Wichtig für die Kiez-Tour ist wohl der Hinweis auf die Brennnessel. „Die Frucht mehret den Samen des Mannes“, weiß der Botaniker. Nicht zu verachten sei die durchblutungsfördernde Wirkung, wenn die Blätter berührt werden. Brennnesseln seien im Mittelalter als „Viagra“ genutzt worden, sagt Bublitz. „Damals hat aber keiner darüber gesprochen.“

Enttäuschend für den Pflanzenliebhaber ist der Weg durch die Große Freiheit. „Die einzige Straße, wo wirklich nichts wächst.“ Erst hinter dem „Indra Club“ wo die Beatles vor 60 Jahren ihr erstes Hamburger Konzert gaben, wird es grüner. Hier findet man Efeu, der dem Weingott Dionysos gewidmet ist, und Hopfen. Der wiederum enthält sogenannte Phytoöstrogene – Stoffe, die im Körper wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen wirken, was auch positiven Einfluss auf die Libido hat. Funktioniert aber nur bei Frauen. (Thomas Morell, epd)

Kommentare